Bergleute aus Neukirchen-Vluyn und Moers kämpfen um das Kohle-Deputat.

Neukirchen-Vluyner Bergleute contra Gewerkschaft und RAG : Kampf um die alten Deputate

Seit 2015 bekommen ehemalige Bergleute kein lebenslängliches Kohledeputat mehr, nur eine Abfindung zur Rente. 600 Betroffene klagten, auch am Niederrhein. Einen ersten Erfolg gibt es.

Das lebenslängliche Kohledeputat hat ihnen die finanziellen Sorgen genommen. Bis sich vor vier Jahren alles änderte. Aktive Bergleute bekamen bis dahin sieben Tonnen jährlich, Rentner zweieinhalb. Wer nicht mit Kohle heizte, erhielt 123 Euro Energiebeihilfe pro Tonne. „Wir hatten eine gute Betriebsrente“, sagt Michael May, ehemaliger Bergmann aus Moers. Als sich abzeichnete, dass 2018 das letzte Bergwerk seine Pforten für immer schließen würde, entschied die Ruhrkohle AG: Ehemalige Bergleute haben keinen Anspruch mehr auf Energiebeihilfe und erhalten, je nach Lebensalter, eine einmalige Abfindung im Renteneintrittsjahr. Das war 2015.

Betroffen von dieser Tarifregelung sind mehr als 100 000 Kumpel. Seit ihrer Einführung klagen 600 von ihnen gegen die Einmalzahlung der Ruhrkohle-AG, darunter auch viele vom Niederrhein. In Gelsenkirchen, Essen, Ibbenbühren, im Saarland und in Neukirchen-Vluyn hat sich zusätzlich eine politische Bewegung gebildet, die sich „Kumpel für AUF“ nennt. Sie will, dass der Manteltarifvertrag aufgehoben und die Energiebeihilfe weiter gezahlt wird. Klaus Wallenstein von der Partei NV-Auf geht’s organisiert die Versammlungen in seiner Heimatstadt. Zu einer kamen 80 Bergleute, darunter einige aus dem Ortsvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IGBCE). Der Bezirkssekretär der Gewerkschaft vermied, laut Wallenstein, bislang jedes Treffen.

In dieser Woche traf sich Wallenstein mit 15 ehemaligen Bergmännern in einem Meerbecker Café. Einige machten ihrem Ärger über die Gewerkschaft Luft. „Eigentlich sollte sie uns unterstützen, aber die Herren in Hannover sind ganz schön abgehoben“, sagt einer. „Auf die Gewerkschaft lasse ich nichts kommen. Schuld ist lediglich die Ruhrkohle-AG“, meint ein anderer. Obwohl die meisten zustimmen, klagen nicht alle gegen die RAG. Willy Ernst (79) aus Repelen zum Beispiel. „Das finanzielle Risiko ist mir zu hoch. Wenn das nichts wird, ist das ganze Geld einfach weg. In meinem Alter überlege ich mir das drei Mal.“ Sein jüngerer Kollege Michael May kann das nachvollziehen: „Nicht jeder hat eine Rechtsschutzversicherung oder die finanziellen Ressourcen. Trotzdem stehen wir alle zusammen und wehren uns.“ Klaus Wallenstein sagt: „Wir haben uns auch 2006 durchgesetzt, als die Giftmülldeponie errichtet werden sollte. Da hat jeder gesagt, wir würden das niemals schaffen. Wie ihr wisst, wurde der Müll dann teuer abtransportiert.“

Auch die Klage gegen die Einmalzahlung hatte einen ersten Erfolg: Vor Gericht stellte sich heraus, dass die Berechnungen für die Tarifverträge nicht korrekt sind. Deshalb bot die RAG eine gütliche Einigung an: Sie erklärte sich bereit, 15 Prozent mehr zu zahlen. Das reichte den Klägern nicht, ihr Anwalt forderte mindestens 25 Prozent. „Kumpel für AUF“ sieht einen Vergleich kritisch: „Wir haben gesehen, dass die Grundlage, auf der der Mandeltarifvertrag basiert, falsch ist. Deshalb fordern wir als politische Bewegung weiterhin das Kohledeputat und die Energiebeihilfe zurück“, sagt Wallenstein. Am 16. März wird es eine Demonstration der „Kumpel für AUF“ in Essen geben. Die Bergleute um Wallenstein werden hingehen. Sie wollen kämpfen. Gegen eine Entscheidung, die über ihren Kopf hinweg getroffen wurde.