Bernhard May im Interview: Baumliebe verhinderte zeitige Fällung

Bernhard May im Interview : Baumliebe verhinderte zeitige Fällung

Für den langjährigen Chef der Unteren Landschaftsbehörde sind die Baumfällungen Folgen früherer Versäumnisse.

Herr May, Sie waren bis 2012 Leiter der Naturschutzbehörde (ULB) des Kreises Mettmann und davor der Ökologe des Zweckverbands Neandertal. Verfolgen Sie die Waldarbeiten im Neandertal und die aktuellen Diskussionen darüber?

May Als Bürger der Stadt Erkrath verfolge ich selbstverständlich diese Vorgänge und es wird Sie vielleicht erstaunen, wenn ich sage: Ich verfolge das Thema "Baumfällungen im Neandertal" seit 30 Jahren und der Verursacher der jetzigen Kahlschläge sind es viele!

Seit 30 Jahren?

May Ja, eigentlich haben die jetzigen Fällungen ihre Wurzeln in zwei Forstmaßnahmen, die dort in den Jahren 1979 und 1980 durchgeführt wurden. Auf zwei Grundstücken einer Kirchengemeinde an der Talstraße - östlich des Hauses Talwart und gegenüber - sollten Gefahrenbäume beseitigt werden. Stattdessen waren schon damals die gesamten beiden Parzellen geräumt worden. Überbordende Baumliebe in der Bevölkerung führte später dazu, dass etwa 70 von einem Forstamtsgutachter zur Fällung markierte Altbäume an der gesamten Talstraße von Mettmann bis Erkrath stehen bleiben mussten, weil neue Parteien und die Bürger das erzwungen haben.

Darunter die Gefahrenbäume, die jetzt alles auslösten?

May Vermutlich ja.

Maguire: Das würde bedeuten, dass es die Untere Landschaftsbehörde aus Furcht vor öffentlicher Ächtung über 30 Jahre hinweg versäumt hat, eigentlich notwendige Verkehrssicherungsmaßnahmen durchzuführen?

May Das klingt jetzt vielleicht wie eine Ausrede. Aber auf den Grundstücken, für die der Kreis Mettmann zuständig ist, bestand zumindest bis zu meinem Ausscheiden aus der Behörde kein dringender Handlungsbedarf, der uns dazu gezwungen hätte, tätig zu werden.

Naturschützer laufen Sturm gegen den "Kahlschlag" im Neandertal. Wie stehen Sie persönlich zu dieser Maßnahme?

May Ich finde sie überwiegend klasse. Aber man hätte durch eine gut mit Zeit ausgestattete Baustellenbegleitung die punktuellen, schlimmen Schäden vermeiden müssen. Und die Behörden hätten die gesetzliche Pflichtaufgabe gehabt, den Artenschutz ordentlich abzuhandeln. Die Folgen dieses Versäumnisses sind nun offensichtlich. So wurde beispielsweise das Feuersalamanderbiotop, das die Faunistisch-Floristische Arbeitsgemeinschaft dort seit Jahrzehnten gepflegt hat und in das auch Naturschutzgelder der ULB geflossen sind, sinnlos schwer geschädigt.

Warum ist die ULB ihrer gesetzlichen Pflichtaufgabe nicht einfach nachgekommen?

May Die Antwort ist vielschichtig und einfach zugleich. Scheinbare Sparzwänge haben die Naturschutzmittel und die Naturschutzpersonalstellen im Kreishaushalt seit zehn Jahren um ein Drittel geschrumpft. In den Köpfen derjenigen, die solche Entscheidungen treffen, herrscht leider immer noch die sachlich falsche Sichtweise, Geld für menschenbezogene Sozialausgaben seien "Pflichtaufgaben" und der Naturschutz nur eine "freiwillige Leistung".

Wäre es nicht auch Aufgabe der beteiligten Biostation Haus Bürgel gewesen, die entstandenen Schäden zu verhindern?

May Man darf nicht die Biostation, einen Mitarbeiter der ULB und einen Förster mit mangelhaften Zeitkontingenten in eine solche große Maßnahme schicken. Das muss schief gehen, weil die ebenfalls unter Erwerbsstress stehenden Säger schneller sind, als standortangepasste Pflegevorgaben ausgesprochen oder auch nur zu Ende gedacht werden können.

SABINE MAGUIRE STELLTE DIE FRAGEN.

(magu)
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