Trotz aller Kritik an der Jagd: Warum die Hubertus-Messe immer belebter wird

Jagd und kirchliche Tradition : Warum St. Hubertus immer beliebter wird

Trotz verbreiteter Kritik an der Jagd: Am Sonntag finden zwei Hubertusmessen statt; die Tradition wird immer beliebter. Die Hubertusmesse deutet die Jagd als Dienst an der Schöpfung und plädiert für Demut bei der Jagd.

Krefelder haben am kommenden Sonntag gleich zweimal Gelegenheit, eine Hubertusmesse zu erleben und damit eine Tradition zu pflegen, die erstaunlich vital ist, trotz der teils massiven Kritik an der Jagd und trotz aller Tendenzen zur Entkirchlichung der Gesellschaft. Die Geschichte des Heiligen Hubertus als Schutzpatron der Jäger ist aus mehreren Gründen spannend. Zum einen ist sie ein Lehrstück, wie Legenden sich um einen historischen Kern entwickeln, zum anderen, weil in der Verehrung von Hubertus die Jagd und auch das Töten von Tieren schöpfungsthelogisch gewürdigt werden: Der Mensch ist demnach Heger des Waldes und des Wildes, wie er überhaupt Heger der ihm anvertrauten Schöpfung sein soll. Diese Perspektive ist für Kritiker der Jagd schwer erträglich, dennoch wird die Hubertusmessentraditon immer stärker. Was auch daran liegen mag, dass diese Messe über die Musik von Jagdhornbläsern würdig und schön und ein phänomenales Erlebnis ist.

So verspricht Martina Borgmann für die Hubertusmesse, die am Sonntag, 18 Uhr, in der Annakirche stattfindet, Gänsehaut-Momente. Borgmann gehört zum Jagdhornbläserkorps der Kreisjägerschaft, eben zu jenem Ensemble, das amtierender deutscher Meister im Jagdhornblasen ist. „Das besondere Klangerlebnis wird durch die Architektur des Kirchenschiffes verstärkt; in dieser Akustik entfalten die Naturtöne der Jagdhörner ihren optimalen Sound“, sagt sie. Zu sehen und zu hören ist das kleinere Fürst-Pless-Horn sowie das optisch größere Parforce-Horn, einem Vorläufer des orchestralen Waldhorns. „Ohne Klappen und Ventile werden hier reine Naturtöne intoniert.“

Borgmann berichtet von einem wachsenden Interesse an der Hubertusmesse. „Die Messebesucher melden uns zurück, dass die besondere Stimmung greif- und fühlbar wird, weil ein starker Bezug zwischen Natur, Tier, Mensch erlebbar wird und es guttut und Freude macht, in eine stimmungsvoll, der Jahreszeit entsprechend geschmückte Kirche zu blicken“. Die Kirche sei im Sinne eines Ernte-Dank-Fest und vorweihnachtlich mit Fichten und Kerzenbeleuchtung geschmückt; die Messe werde zudem flankiert von mehreren Reitern in Uniform (vom Reitstall Luisenhof aus dem Hülser Broich) sowie von zwei Falknern mit ihren Greifvögeln, genauer gesagt, von zwei Wüstenbussarden vom Gut Heimendahl in Kempen, berichtet Borgmann.

Die Hubertusmesse als Typ mit eigener Liturgie bildete sich im 19. Jahrhundert aus; die Hubertus-Tradition ist viel älter, reicht ins 8.Jahrhundert zurück und hat einen historischen Kern. Hubertus wurde demnach um 655 als Adeliger im französischen Toulouse geboren. Er lebte zunächst das normale Leben eines Adeligen seiner Zeit. Nach dem Tod seiner Frau bei der Geburt seines Sohnes krempelte er sein Leben um und wurde für einige Jahre Einsiedler in den Ardennen, lebte in dieser Phase auch von der Jagd, unternahm eine Pilgerreise nach Rom. Seine Frömmigkeit muss seine Zeitgenossen so beeindruckt haben, dass er 705 zum Bischof von Maastricht ernannt wurde. 717/718 verlegte er den Bischofssitz nach Lüttich und ließ dort eine Kathedrale an der Stelle errichten, an der sein Lehrer, Bischof Lambert, ermordet worden war. Hubertus starb, verehrt als „Apostel der Ardennen“, im Jahr 727 in Tervuren bei Brüssel in Belgien.

Die Hubertus-Legende entstand erst im 11. Jahrhundert. Demnach ist Hubertus, als er noch das Leben eines Adeligen lebte, bei der Jagd an einem Karfreitag einem Hirsch begegnet, in dessen Geweih das Bild eines Kruzifixes erschien. Wie das so ist bei Legenden: Der Geschichte wachsen Motive aus anderen Traditionen zu. Das Motiv vom Kruzifix im Geweih gab es schon in der Legende vom heiligen Eustachius, der als römischer Soldat unter Kaiser Trajan diente und nach seiner Begegnung mit dem Hirsch samt Erscheinung im Geweih Christ wurde.

Die Hubertus-Tradition wurde rasch populär; der Heilige wurde zum Schutzpatron für Jäger, Forstleute, Kürschner, Gießer, Metallarbeiter, Drechsler, Metzger und Optiker, Mathematiker, Schellenmacher, Jagdhunde und Schützengilden. Man bat den Heiligen um Hilfe bei Schlaflosigkeit, Tollwut, Hunde- und Schlangenbiss – in Frankreich heißt Tollwut auch die „Hubertus-Krankheit“.

Die Jagd blieb ein herausragendes Motiv der Hubertus-Tradition, die aber den Jäger gerade nicht verherrlicht, sondern ihn Demut lehrt. In der Hubertusmesse erscheint die Jagd als Ausdruck menschlicher Hege der Schöpfung und nicht als maßlose Selbstermächtigung des Menschen zum Töten von Tieren. Diesen Gedanken bringt ein schöner Hubertus-Segensspruch zum Ausdruck, der sich auf der Internetseite der „Kärntner Jägerschaft“ findet und an einem erlegten Stück Wild gesprochen wird: „Nimm, du Gsell, den grünen Bruch/ und beherzige Hubertus´ Spruch:/ Das ist des Jägers Ehrenschild,/ dass er beschützt und hegt sein Wild./ Weidmännisch jagt, wie sich´s gehört,/ den Schöpfer im Geschöpfe ehrt“ (der „grüne Bruch“ ist Jägersprache und meint einen Zweig zur Markierung). Den Schöpfer im Geschöpf ehren: Diese Verse verpflichten Jäger darauf.

Übrigens: Eine verwandte, nämlich demütige Deutung der Jagd gibt es auch in der Sagenwelt nordamerikanischer Indianer: Dort danken die Jäger, wenn sie einen Hisch getötet haben, dem „Bruder Hirsch“, dessen Geist sein Fleisch dem Menschen übereignet hat und der mit neuem Hirschleib auferstehen wird. Auch dort ist die Jagd eingebunden in den Glauben, dass den Tieren des Waldes mit Dankbarkeit zu begegnen ist, weil sie dem Leben des Menschen dienen.

Ob der Gedanke trägt, kann man in den Hubertusmessen am Sonntag überprüfen und erleben.

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