Kunstverein Krefeld zeigt kinetische Objekte junger Künstler

Kunstverein Krefeld : Kunst mit Steckdose

Der Kunstverein Krefeld zeigt „Kinetic Machines“: bewegte Objekte von jungen Künstlern. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Kunstverein Mönchengladbach. Ihr Ziel: Auch jüngere Leute für Kunst zu interessieren. Freitag ist Eröffnung.

Solange der Stecker gezogen ist, passiert gar nichts. Ohne Strom wäre „Silk Road“ ein minimalistisches Tryptichon: drei weiße Boxen an der ebenso weißen Wand des Buschhüterhauses. Doch der Ausstellungstitel „Kinetic Machines“ verheißt Bewegung. Stecker in die Steckdose – und plötzlich ruckeln und tanzen die weißen Quader, von drinnen stampft ein Beat. Die Schatten, die die Boxen an die Wand werfen, scheinen lebendig zu werden. Das Künstlerduo (Anne) Pfeifer & (Bernhard) Kreutzer will Aufsehen und Irritation erzegen. Kunst, die man hören kann und die überrascht: So will der Kunstverein auch jüngere Leute für seine Arbeit interessieren.

Elke Meyer-Michael, Vorsitzende des Kunstvereins, erinnert sich an wenig begeisterte Schüler, die sie vor Jahren für den Museumsbesuch begeistern wollte. Das sei schwierig gewesen – bis die Kinder Jean Tinguelys „Olympia“, die ratternde Schreibmaschine im Kaiser-Wilhelm-Museum, entdeckten. Kinetische Kunst macht allen Spaß, weiß Meyer-Michael seither. Und deshalb sind „Kinetic Machines“ die Exponate der Ausstellung, die am Freitag, 23. August, um 19 Uhr im Kunstverein, Westwall 124, eröffnet wird.

Es ist die vierte Zusammenarbeit mit dem Kurator Wilko Austermann, der für den Krefelder Traditionsverein ein echter Glücksgriff ist. Er hat acht junge Künstler und ein Künstlerduo gefunden, die einer Kunstrichtung, mit der in den 1950er und 60er Jahren Tinguely, Agam, Calder oder Ruthenbeck und ihre Künstlerkollegen Objekte in Bewegung setzten, neue, moderne Ausdrucksformen geben. Schon im Erdgeschoss des Buschhüterhauses darf der Besucher staunen.

Zum Beispiel über einen Steinbrocken, der frei in der Luft schwebt und sich dabei um die eigene Achse dreht. Das Objekt ist aus Keramik, einem echten, behauenen Stein nachempfunden, lässt sich Bastian Hoffmann entlocken. Warum er das Objekt „Jürgen“ nennt und wie es der Schwerkraft entkommen ist, verrät er nicht. Auch Denise Werths Objekt gibt Rätsel auf. Aus Gips hat sie ein lilafarbenes Ding geformt, das je nach Perspektive an eine weiblihe Brust erinnert, an einen futuristischen Lautsprecher, oder, wenn es hin und herschaukelt, an eine eigentümliche Wiege.

Pure Magie: frei schwebt die Keramik namens „Jürgen“. Foto: Petra Diederichs

Über den Köpfen der Besucher kreist Björn Schülkes „Drone“ – ein graues Flugobjekt, dessen Form an eine Bombe erinnert. Mit einer Kamera filmt es die Besucher, und wenn die anmontierten Spiegel sich entsprechend drehen, beobachtet es auch mal sich selbst. „Es weiß nicht genau, was es soll“, sagt Schülke. Er hat sich intensiv mit dem Thema Drohnen beschäftigt. „Im militärischen Bereich wurden sie bereits vor dem Weltkrieg zur Verteidigung eingesetzt, Bomben wurden mit Kameras ausgestattet. Heute ist es möglich, dass Menschen in einem Container in Nevada ein Ziel in einem anderen Land anvisieren, beobachten und beschießen und danach wieder nach Hause gehen. Eine erschreckende Vorstellung.“ Er möchte anregen, dass der Betrachter darüber nachdenkt, wie sich die Rolle der Verteidigung durch die Distanz verändert, die eine Fernsteuerung schafft.

„Drone“ nennt Björn Schülke  sein Objekt, das die Besucher per Kamera „beobachtet“. Foto: Petra Diederichs

Politisch sind auch die Themen, die Hakan Eren behandelt. Er hat an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Katharina Fritsch studiert. Beim Kunstverein zeigt er „Pentagon“. Ein 1,10 Meter großes Holz-Fünfeck, dessen Oberfläche wie rostiger Stahl wirkt. Per Knopfdruck setzt es sich in Bewegung. Dreht seine Runden wie ein Riesenrad. ab und an klackert was im Inneren. Doch harmlos ist es nur, solange man die Ritterfigürchen aus dem Abstand betrachtet und Details der Kriegsausrüstung nicht sieht. „Das Pentagon ist seit den 1940er Jahren das Verteidigungsministerium der USA. Mit dem Karussellcharakter verweist Eren auf die Frage, wie die Verteidigungspolitik in Zukunft aussehen wird“, sagt Kurator Austermann. „Dazu sollte man wissen, dass die Arbeit 2017 entstanden ist, in dem Jahr, in dem Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden ist.“

Kirmestreiben für die „Insekten“ in dem Objekt „Das Karussell“ von Oskar Klinkhammer. Foto: Petra Diederichs

Erens Objekt ist der Blickfang im Obergeschoss. Doch im Nebenraum lässt sich in Oskar Klinkhammers „Das Karussell“ eine noch größere Fülle von Details entdecken. Er hat ein gläsernes Aquarium mit skurrilen Mikrokosmen gefüllt: Eine nostalgische Puppe hockt auf einer Schaukel; ihre Füße berühren zersplittertes Glas. Ein Karussell dreht sich über einem Roulette-Rad. Die „Mitfahrer“ sind Insekten. Und in regelmäßigen Abständen öffnet sich ein künstliches Gebiss zu einem Lachen. Eine Kamera nimmt die Szenerie aus dem Tivoli der Vergänglichkeit auf und projiziert die Bilder an die gegenüberliegende Wand.

Es gibt viel zu entdecken im Buschhüterhaus. Für manches braucht es etwas Geduld. Dann ist das Aktionsintervall auf 20 Minuten programmiert. Schwaderers Stockente wird nur alle vier Minuten hinter einem metallenen Vorhang sichtbar. Der Staub, der von kleinen Ventilatoren aus der Luft in einen Glaskasten gesaugt wird, muss sich 500 Jahre lang ansammeln, bis der Kasten voll ist.

Im Mönchengladbacher Kunstverein in einer Industriehalle zeigen die Künstler, zu denen auch Tina Tonagel und Julia Batzdorf gehören, parallel andere Werke.

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