Krefeld: Lutherkirche im Südbezirk hat keinen Nachwuchs, die Pfarrstelle ist verwaist

Evangelisch in Krefeld : Auslaufmodell Lutherkirche

Die Zukunft eines der traditionsreichsten evangelischen Gotteshäuser in Krefeld steht auf der Kippe: Im Umfeld der Lutherkirche mangelt es an jungen Menschen, die Pfarrstelle ist verwaist. Ein schmerzhafter Prozess für die Gläubigen.

Pfarrerin weg, Kirchturmuhr kaputt, Gottesdienst nur einmal im Monat: Die Situation der Lutherkirche im Krefelder Süden lässt wenig Raum für Optimismus. Gemeindemitglieder befürchten inzwischen, dass ihre Kirche ein Auslaufmodell ist und über kurz oder lang aufgegeben werden könnte. Dass der Titel des aktuellen Gemeindebriefs mit „Krise als Chance“ überschrieben ist, passt zum Gesamtbild. Damit ist die Zukunft eines der ältesten und wertvollsten evangelischen Gotteshäuser Krefelds in Frage gestellt.

Die Lutherkirche bildet gemeinsam mit der Markuskirche in Fischeln die Kirchengemeinde Krefeld-Süd. Aktivitäten für Kinder und Jugendliche finden seit geraumer Zeit fast ausschließlich in Fischeln statt. Dafür gibt es gute Gründe, wie der Vorsitzende des Presbyteriums, Dietmar Krebbers, erklärt. „Das Quartier um die Lutherkirche ist ein Gebiet des Wegzugs“, sagt er. „Die Leute ziehen weg, wenn Kinder kommen. Die möchten hier im Umfeld nicht bleiben“, ergänzt Pfarrer Marc-Albrecht Harms und macht die Nachwuchs-Misere in Zahlen deutlich: „Nur ein Viertel unserer Gemeindemitglieder lebt im Einzugsbereich der Lutherkirche, 40 Prozent davon in Single-Haushalten.“ Zum Konfirmationsunterricht hatten sich zuletzt zwei Jugendliche angemeldet. In Fischeln waren es 36.

„Wir versuchen immer wieder, mit unseren Projekten für Kinder und Jugendliche auch in die Lutherkirche zu kommen. Das bedeutet aber, dass wir alles an Material, Personal und die Kinder hierherbringen müssen“, erzählt der Pfarrer. Fischelner Eltern, die ihre Kinder an der Lutherkirche absetzen, sagt Harms, „reiben sich besorgt die Augen“ ob des Trinkerszenen-Ambientes neben der Kirche.

Dass ein neuer Pfarrer, wie bis vor kurzem Sabina Busmann, sich hauptamtlich um die Lutherkirche kümmern wird, sei ausgeschlossen. Auch, weil die Kirche mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat. Immer weniger junge Leute wollen Pfarrer werden. Und in Krefeld stehen 50 Prozent der evangelischen Geistlichen zwei bis fünf Jahre vor der Pensionierung, sagt Harms, der mit seinen 49 Jahren der Zweitjüngste ist. „Wir versorgen die Gemeinde mit“, sagt Harms, der seit kurzem als neue Kollegin Christine Grünhoff an seiner Seite hat. Sie ist 39 Jahre alt und Krefelds jüngste Pfarrerin. Sie hat sich von Paderborn nach Fischeln beworben, weil „das eine Gemeinde ist, die sich zukunftsorientiert aufstellt“, sagt sie. Die Markuskirche sei „Heimat für viele“.

Anders sieht es am Lutherplatz aus. „Es ist ein schmerzhafter Prozess, langjährigen Gemeindemitgliedern klarzumachen, dass es nicht wieder wie früher wird“, sagt Harms. Es sei schwierig, Verständnis für die Ist-Situation zu finden. Schwierig sei es für die alten Gemeindemitglieder auch deshalb, weil etliche von ihnen die Schließung der Matthäuskirche in Stahldorf miterlebt hatten, in der Lutherkirche eine neue Heimat fanden und sich nun wieder sorgen müssen, heimatlos zu werden. „Dieser ganze Prozess hat sich sehr schnell, innerhalb einer Generation, abgespielt“, erklärt Harms. „Wir versuchen schon, die Angebote für Ältere hier in deren Lebensumfeld aufrechtzuerhalten.“ Jüngere sollen in die Arbeit an der Markuskirche integriert werden, auch damit sie ein „Gruppenerlebnis“ haben können. „Mit zwei Jugendlichen kann man keine Konfi-Gruppe machen“, verdeutlicht der Pfarrer.

Beliebt ist die Kirche hingegen für Trauungen. Während in der Markuskirche 2018 einmal das Jawort gegeben wurde, waren es in der Lutherkirche acht Eheschließungen. „Die Kirche ist wunderschön, deswegen kommen die Menschen“, berichtet Harms, der immer auch dafür sorgt, dass eine Gruppe der Konfirmanden in der Lutherkirche feiert, auch wenn die meisten Familien aus Fischeln stammen.

An ein Aufgeben der Lutherkirche sei aktuell nicht gedacht. „Die Lutherkirche ist Keimzelle und Monument des evangelischen Krefelds“, sagt Harms. Aber: „Wir stehen schon unter dem Diktat der Finanzierbarkeit“, warnt Presbyter Krebbers. Und nennt eine drastische Zahl: Allein das Heizen der Kirche für einen einzigen Gottesdienst kostet rund 1000 Euro. Krebbers fragt: „Können wir uns das in zehn Jahren noch leisten?“

Er glaubt, dass zusätzliche Nutzungen des Kirchenraums erforderlich werden könnten. Deshalb strebe man die Vernetzung mit anderen „Mitspielern“ an, so dass die Lutherkirche sonntags Predigt­raum bleiben kann, während der Woche aber vielleicht andere Zwecke erfüllt, etwa für Fortbildungen oder als Aula. „Wir versuchen unser Möglichstes, die Lutherkirche zu erhalten“, verspricht Marc-Albrecht Harms. Und hofft auch auf eine Lösung für die Kirchturmuhr, die vor einigen Wochen stehen geblieben ist: Nicht um Fünf vor Zwölf, sondern um Viertel vor Fünf.

Mehr von RP ONLINE