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Krefeld: Junge Erwachsene bekommen im Kolpinghaus die Chance auf ein neues Leben

Wohnprojekt in Krefeld : Kolpinghaus: Chance auf ein neues Leben

Vom Leben und schwierigen Umständen gebeutelte junge Erwachsene finden im Kolpinghaus Hilfe und werden von ihren Betreuern darauf vorbereitet, eigentständig den Alltag zu meistern. Wir erzählen Vincenzos Geschichte.

Vincenzo fällt es nicht schwer, offen über seine leidvolle Vergangenheit zu reden. Er hat akzeptiert, dass sie ein Teil von ihm ist und steht zu ihr. Das war nicht immer so. Seit eineinhalb Jahren lebt er aber nun im ersten Stock des Kolpinghauses, dem Jugendwohnheim in der Nähe des Westwalls. Dort kümmert man sich um gestrandete Jugendliche und junge Erwachsene, die an einem Scheideweg ihres Lebens stehen und nicht mehr wissen, wohin.

„Sehr, sehr gutgetan“ habe ihm die Zeit bisher, sagt Vincenzo, er gehe wieder einem geregelten Tagesablauf nach und habe Freunde gefunden. Nicht solche, wie die, die er vorher hatte, gegenüber denen es ihm schwerfiel, „Nein“ zu sagen, und die mit dafür verantwortlich sind, dass Vincenzo Knecht, 23, einen großen Schuldenberg angehäuft hatte. Er stand kurz vor der Obdachlosigkeit, ehe ihn das Kolpinghaus aufnahm. „Man muss sich erstmal eingestehen, dass man Hilfe benötigt und dann noch mal überwinden, hierher zu kommen“, sagt er. Nach einem halben Jahr Wartezeit wurde einer der zehn Plätze frei, die es im Kolpinghaus für junge Erwachsene mit sozialen Schwierigkeiten gibt.

Ihnen wird geholfen, wieder Fuß im Leben zu fassen. Denn die für andere vermeintlich leichten oder selbstverständlichen Dinge des alltäglichen Lebens müssen die Bewohner häufig erst erlernen. „In der Schule ist das nie Thema und viele hatten eben nie jemand, der ihnen beigebracht hätte, eigenverantwortlich zu handeln“, gibt Betreuerin Susann Obladen zu verstehen. Sie hilft den Bewohnern, selbständig zu werden, unterstützt sie bei Behördengängen, geht mit ihnen einkaufen oder ist einfach für sie da, wenn sie mal jemand zum Reden brauchen. Es geht um Sozialkompetenz, den richtigen Umgang mit Geld oder Pünktlichkeit, „überhaupt, wieder Menschen zu vertrauen, oftmals haben die Bewohner sehr negative Erfahrungen mit Personen oder Institutionen gemacht“, erklärt Leiter Uwe Zurhorst. Viele würden schnell merken „wenn ich verlässlich bin, sind andere das auch“, sagt Ludger Wilstacke, der Vorsitzende des Trägervereins. Er nennt die Resozialisierungsmaßnahmen „indirekte Steuerung“ und sieht das Kolpinghaus als „Drehscheibe von und zur Außenwelt“.

Außerdem werden die Bewohner animiert, sich konstruktiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. In der Gruppe arbeiten die Bewohner ihre Biographie mit sogenannten Persönlichkeitswappen auf und machen sich ihre Stärken und Schwächen bewusst. „Ich habe dadurch gemerkt, dass es den anderen früher ähnlich ging, wie mir, und sie mich verstehen“, sagt Vincenzo und Zurhorst erklärt: „Die Jugendlichen machen sich bewusst: Was ist in meinem Leben gewesen und was möchte ich daraus machen.“ Sie stellen das kreativ mit Symbolen dar.

Vincenzo hat seinen Vater nie kennengelernt und zu seiner Mutter seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Eines Tages, er war gerade 17, hatte sie auf einmal das Türschloss ausgetauscht. „Meine ganzen Sachen waren in der Wohnung und meine Mutter hatte mich, ohne mir was zu sagen, vor die Tür gesetzt“, erzählt er. Danach war er quasi drei Jahre lang wohnungslos, übernachtete bei Freunden, mit 20 fand er dann eine Wohnung und lernte seine Freundin kennen. Doch als sie sich von ihm trennte, fiel er wieder in ein mentales Loch. „Es kamen immer viele Leute zu mir, die ständig etwas in der Wohnung kaputt gemacht haben“, erinnert sich Vincenzo an die schwierige Zeit. „Ich hatte ständig Sorgen wegen der Schulden. Hier im Kolpinghaus bekomme ich den Kopf frei.“

Im Kolpinghaus hat er sein eigenes Zimmer mit Balkon und eigenem Bad. Er habe sich vom ersten Tag an wohlgefühlt, andere bräuchten dafür länger, würden den Aufenthalt zunächst als Bestrafung empfinden. Sein großes Zimmer hat er sich durch die Fortschritte, die er gemacht hat, erarbeitet. Vincenzo wurde von den anderen zum Gruppenleiter der Treffen gewählt, die immer donnerstags stattfinden. Wilstacke erklärt: „Das Wohnen hier ist quasi eine Trainingsmöglichkeit für ein selbständiges Leben und den Beruf: Im privaten Bereich gilt es, sich zu finden, das eigene Wohnen zu organisieren, im gemeinschaftlichen Bereich muss man den Mut aufbringen, auf Menschen zuzugehen.“ Als Gemeinschaftsräume gibt es die „Chillateria“ mit Fernseher, Tischkicker, Spielekonsole, einen Fitnessraum, ein Musikzimmer, wo man etwas aufnehmen kann, auch eine Kegelbahn im Keller.

Einmal die Woche wird gemeinsam mit den Betreuern gekocht: „Das ist eine nette Runde, und die Bewohner lernen: ‚Was kann ich wie einfach und lecker kochen und was muss ich dafür einkaufen’“, erklärt Vincenzo. 114 Euro Taschengeld und 150 Euro für Verpflegung haben die Bewohner zur Verfügung. Wenn Schulden abgezahlt werden müssen, wie bei Vincenzo, wird ein Betrag vom Taschengeld abgezogen. Finanziert wird der Aufenthalt der Wohnungslosen durch den Landschaftsverband Rheinland, nicht durch das Jugendamt, wie bei den Minderjährigen. Dass beide Altersgruppen in einem Haus leben, hat seine Vorteile. Die Jüngeren würden oft eher auf die Älteren als auf die Betreuer hören, so Zurhorst: „Diese Konstellation ist einzigartig in NRW. Wir sehen klare Synergieeffekte.“

Am Donnerstag wurde mit allen Betreuern und Bewohnern ein vorgezogenes Weihnachtsfest mit gegenseitiger Bescherung gefeiert. Diejenigen, die keine Familie haben, feiern später noch einmal im kleinen Kreis. Vincenzo wohnt noch bis Mai im Kolpinghaus. Er bekommt Hilfe bei der Wohnungssuche für die Zeit danach und arbeitet derzeit in der Küche eines Restaurants in Düsseldorf. Zurhorst bemüht sich über sein Netzwerk um einen Ausbildungsplatz, Vincenzo möchte Koch werden.