Kaarst: Das "ganz alte" Rathaus

Kaarst : Das "ganz alte" Rathaus

Der Vor-Vor-Vorgänger des neuen Rathauses in der Stadtmitte stand an der heutigen Mittelstraße. Im Jahr 2010 wurde das ehemalige Bürgermeisteramt abgerissen und machte Platz für einen Rewe-Supermarkt.

Das als Alte Rathaus bekannte Gebäude an der Rathausstraße ist gar nicht so alt, nur etwas mehr als 50 Jahre. Davor hatte die Verwaltung der Gemeinde Kaarst ihren Sitz auch an der Rathausstraße, die aber heute Mittelstraße heißt.

Im linken Gebäudeflügel besaß der "Dorfarzt" Josef Rademacher seine Praxis. Als er starb, führte sie seine Witwe Josefine Rademacher weiter. Foto: Stadtarchiv Kaarst

Mit dem Umzug des Bürgermeisteramts zog auch der Straßenname um. Und der Vor-Vor-Vorgänger des heutigen Rathauses in der Stadtmitte stand einst an der heutigen Bergerfurthstraße, die nach dem Bauherrn des Rathauses an der Rathausstraße, also an der Mittelstraße, benannt wurde. "Bürgermeister Ferdinand Bergerfurth hat Kaarst ins zwanzigste Jahrhundert geführt", sagt Stadtarchivar Peter Brinkmann. Bergerfurth war von 1904 bis 1928 der letzte hauptamtliche Bürgermeister "alter Ordnung".

Josefine Rademacher besuchte ihre Patenten auch mit dem Auto. Foto: Stadtarchiv Kaarst

Die Liste seiner Verdienste ist lang — und auch für die heutige Zeit von Bedeutung: Er schloss einen Stromliefervertrag für Kaarst ab, ließ ein Wasserleitungsnetz anlegen, die Straßen befestigten, das Kriegerdenkmal und einen Marktplatz an der romanischen Kirche errichten, gründete eine Volksschule (heute Martinusschule) und holte die Straßenbahn nach Kaarst. Und schließlich baute er um das Jahr 1908 ein Rathaus.

Im alten Gebäude gegenüber des Hofs der Familie Baumeister war zu wenig Platz. Bis dato waren dort Bürgermeisteramt, Schule, Lehrerwohnung, Sparkasse und Spritzenhaus der Feuerwehr untergebracht.

Die Gemeinde wuchs aber, zählte damals rund 2000 Einwohner, und die Arbeit der Verwaltung nahm zu. Das Standesamt und die Aufgaben eines heutigen Bürgerbüros, die Kämmerei und Polizei lagen in der Verantwortung eines Bürgermeisters zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das neue Rathaus war gut ausgestattet für die damaligen Verhältnisse: vier Amtsräume, ein Sitzungssaal und Bürgermeisterwohnung. Im linken Gebäudeflügel besaß der "Dorfarzt" Josef Rademacher seine Praxis.

Als er starb, führte sie seine Witwe Josefine Rademacher weiter. Natürlich besuchte die Ärztin die Patienten auch zu Hause oder im Krankenhaus Büttgen — und zwar mit dem Auto, eine absolute Seltenheit im Gemeindebild. "Damals gab es überhaupt nur vier oder fünf Autos in Kaarst", erinnert sich Karl-Josef Hebben. Dazu war Josefine Rademacher die einzige Frau mit Führerschein.

Bis 1959 diente das Gebäude als Verwaltungssitz. Danach übernahm die Familie Rademacher das ganze Haus. Bis zuletzt blieb es ein Wohn- und Ärztehaus. Zwischen 1975 und 1995 wurde es mehrfach saniert und umgebaut.

Mit der Klinkerfassade und einem neuen Dach erinnerte das Gebäude später nicht mehr an das Rathaus mit seinem Baustil des frühen 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2010 wurde es abgerissen und machte Platz für den Rewe-Markt. Mit insgesamt 1900 Quadratmetern Verkaufsfläche bedient er heute die Nahversorgung der Menschen im Kaarster Norden.

(stef)
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