1. NRW
  2. Städte
  3. Kaarst

Kaarst: "Kaarst hat liberales Potenzial"

Kaarst : "Kaarst hat liberales Potenzial"

Erst so gut wie totgesagt, dann mit 8,6 Prozent in den Landtag eingezogen. Die NGZ sprach mit FDP-Chef Heinrich Thywissen und Vize Günter Kopp – über die Stimmungsschwankungen in der Partei in Kaarst.

Erst so gut wie totgesagt, dann mit 8,6 Prozent in den Landtag eingezogen. Die NGZ sprach mit FDP-Chef Heinrich Thywissen und Vize Günter Kopp — über die Stimmungsschwankungen in der Partei in Kaarst.

Herr Thywissen, nach der NRW-Landtagswahl im Mai müsste die liberale Welt in Kaarst doch in Ordnung sein, oder?

Heinrich Thywissen Das stimmt. Wir haben mit 15 Prozent das drittstärkste Ergebnis für die FDP in Nordrhein-Westfalen erzielt. Hinter diesen 15 Prozent stehen etwa 3200 Wähler. Das ist in etwa auch das Potenzial, das wir hier sehen. Im Ergebnis kann man also sagen, dass Kaarst durchaus wieder etwas liberaler geworden ist. Das ist erfreulich.

Günter Kopp Wobei man schon sagen muss, dass Kaarst eigentlich immer eine Stadt mit starkem liberalem Potenzial war. Bei der Bundestagswahl 2009 hatten wir 21,1 Prozent, bei der Europawahl 18,1 Prozent, bei der Landtagswahl 2010 waren es 10,5 Prozent. Dieses letzte Ergebnis muss man allerdings auch vor dem Hintergrund gewisser Irritationen sehen, die es damals in Berlin gegeben hat.

Bei der letzten Kommunalwahl 2009 lag die FDP in Kaarst aber auch nur bei 9,9 Prozent ...

Kopp Das liegt sicher daran, dass sich in unserer Stadt ein politisches Umfeld darstellt, das den Bürgern eine Wahlmöglichkeit bietet, die auf Landes- und Bundesebene nicht da ist.

Nun sah es vor dem Antritt von NRW-Spitzenkandidat Christian Lindner ja lange so aus, als stehe ein Debakel bevor. Der Einzug in den Landtag stand auf der Kippe. Hat Liberalsein da überhaupt noch Spaß gemacht?

Thywissen In der Tat haben wir im Wahlkampf auch in Kaarst oft Häme gespürt, nach dem Motto: die Ein-Prozent-Partei — was wollt Ihr überhaupt? In Büttgen standen wir zum Beispiel vor dem von der Schließung bedrohten Schlecker-Markt. Das hat natürlich einige provoziert. Wir sind dann aber in den Markt hinein gegangen, haben mit den Verkäuferinnen gesprochen und ihnen erklärt, dass wir uns nicht gegen, sondern für ihre Interessen einsetzen. Und das kam meiner Meinung nach auch so an.

Wie frustrierend ist es eigentlich, als Ortsverband einer Partei ständig die Schelte für die Bundes- oder Landespolitik einstecken zu müssen?

Thywissen Damit muss man einfach leben lernen. Das Problem liegt in der Organisationsstruktur der Parteien. Sie werden Mitglied durch Eintritt in den Ortsverband. Aber die Mitglieder gewinnen Sie in der Regel dann, wenn der Bundesverband eine tolle Nummer macht. Genauso verliert sie der Ortsverband, wenn es im Bundesverband schlecht läuft. Das ist in beiden Fällen unverdient aber nun einmal nicht zu ändern.

Die Kaarster FDP ist also ohne größeren Schaden aus den vergangenen, "schweren" Monaten hervorgegangen?

Thywissen Natürlich haben wir auch Austritte gehabt. Im Moment liegen wir bei rund 50 Mitgliedern. Nach dem, was in der Bundespartei los war, konnte man die Begründungen aber auch nachvollziehen. Auf der anderen Seite haben uns im Wahlkampf viele Leute gesagt: "Wir wollen nicht, dass die FDP untergeht, deshalb wählen wir euch — zumindest mit der Zweitstimme".

Auf Kaarst bezogen — wo schlägt die FDP ihre Pflöcke ein?

Thywissen Unsere Kernforderung ist nach wie vor: Wir wollen, dass Kaarst schuldenfrei wird und bleibt. Das ist eine Grundsatzentscheidung, und wir möchten, dass sich die Stadt dazu verpflichtet.

Kopp Ein anderes Thema, das uns seit Jahrzehnten am Herzen liegt, ist ein Leitbild, das die Stadtentwicklung in ihren Rahmenbedingungen festlegt. Das heißt, es ist keine Einengung der Entscheidungsfreiheit, sondern lediglich eine Richtungsentscheidung im Sinne von: Wohin will sich die Stadt entwickeln? Das Parteiprogramm der CDU reicht dafür nicht aus.

Julia Hagenacker führte das Gespräch.

(NGZ/rl)