Grevenbroich: Demente Seniorin flüchtet aus Heim und wird entlassen

Albert-Schweitzer-Haus in Grevenbroich: Demente Seniorin flüchtet aus Heim und wird entlassen

Eine demente 80-jährige Frau kann ungehindert aus einem Pflegeheim entkommen. Ein Taxifahrer bringt sie zurück. Tags darauf gibt es Ärger und die Seniorin wird aus dem Heim entlassen. Die Angehörigen fühlen sich im Stich gelassen.

Es ist die Nacht vom 6. auf den 7. Februar gegen 2.15 Uhr, als ein Taxifahrer am Montanushof einen Fahrgast aufnimmt. Es ist eine 80 Jahre alte Dame, die nach Korschenbroich gefahren werden möchte. Der Taxifahrer fährt los, dann hört er einen Funkspruch: Die Polizei suche eine demente Seniorin, die aus dem geschützten Bereich des Albert-Schweitzer-Seniorenhaus geflüchtet ist. Der Taxifahrer erkennt schnell: Die Gesuchte sitzt neben ihm.

Der Fahrer bringt die Seniorin rasch zurück ins Heim, auch die Polizei wird informiert. Die 80-Jährige, die erst einen Tag zuvor in das Albert-Schweitzer-Haus eingezogen ist, will unbedingt nach Hause. „Meine Schwiegermutter kann zu Hause aber nicht alleine sein. Sie weiß nicht mehr, was sie sagt. Die Demenz ist stark vorangeschritten. Deshalb hatten wir ein Jahr lang auf den Platz im Heim gewartet“, berichtet Schwiegertochter Susanne Hirschberg, die auch für ihren Ehemann, den Sohn der Betroffenen, spricht.

Was am Morgen nach der Flucht passiert, macht das Ehepaar Hirschberg fassungslos: Ihre Mutter wird aus dem Heim entlassen – auf eigenen Wunsch, wie das Albert-Schweitzer-Haus mitteilt. Die Hirschbergs stellen das anders dar: Die Pflegedienstleiterin habe ihnen gesagt, das Haus könne sich keine Einsätze der Polizei leisten, die Mutter müsse es verlassen.

Jörg und Susanne Hirschberg haben zwar eine Vollmacht, sie seien jedoch nicht gehört worden. Auch habe zu diesem Zeitpunkt noch kein Vertrag über die Unterbringung im Albert-Schweitzer-Haus bestanden. „Wir können uns nicht erklären, wie meine Schwiegermutter mitten in der Nacht ungehindert das Haus verlassen konnte“, sagt Susanne Hirschberg. „Wir hatten gedacht, das Haus sei spezialisiert auf Senioren mit starkem Bewegungsdrang. Deshalb hatten wir uns ja für das Albert-Schweitzer-Haus entschieden.“

Tatsächlich verfügt das Heim über einen geschützten Bereich, in dem 18 demenziell veränderte Menschen untergebracht sind. „Die Menschen leben freiwillig hier. Da der Bereich nur geschützt und nicht geschlossen ist, können die Bewohner diesen auch selbständig verlassen“, sagt Einrichtungsleiterin Ines Netzer-Schikora. In einem Protokoll, das unserer Redaktion vorliegt, heißt es, dass die Flucht der 80-Jährigen erst durch eine piepende Tür bemerkt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Seniorin jedoch bereits verschwunden. Das Personal habe das Haus und den Außenbereich vergeblich abgesucht.

Das Ehepaar ärgert sich darüber, dass die 80-Jährige „keine zweite Chance bekommen“ habe, es fühlt sich im Stich gelassen. Das Albert-Schweitzer-Haus bezieht Stellung: „Wir haben noch nie jemanden des Hauses verwiesen. Wenn ein Bewohner selbst nicht bei uns wohnen möchte, dann akzeptieren wir dies – auch wenn die Angehörigen mit einer Vollmacht gerne etwas anderes hätten.“ Ihre Schwiegermutter habe das Hin und Her stark mitgenommen, berichtet Susanne Hirschberg. Nach einem Aufenthalt in einer Psychiatrie und der erneuten Unterbringung in einem Heim in Jüchen habe die 80-Jährige nun einen so starken Demenz-Schub erlitten, dass sie sich kaum mehr richtig äußern könne.

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