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Schwere Kritik am Sicherheitskonzept: Internes Dokument belastet Verantwortliche

Schwere Kritik am Sicherheitskonzept : Internes Dokument belastet Verantwortliche

Am Tag nach der Loveparade-Tragödie mit 19 Toten geraten die Planer des Massen-Events massiv in die Kritik. Schon im Vorfeld wurden erhebliche Zweifel am Sicherheitskonzept laut. Mittlerweile liegen die Planungsunterlagen bei der Staatsanwaltschaft. Einem Medienbericht nach bringen zudem interne Dokumente der Stadt Duisburg die Veranstalter in Erklärungsnot.

Die ersten Reaktionen nach der Massenpanik waren einhellig: Wer verantwortet diese Planung? Wie soll es möglich sein, eine Million feierwütiger Menschen durch ein einziges Nadelöhr, den etwa 300 Meter langen Tunnel auf der Karl-Lehr-Straße zu schleusen? Der westliche Tunnel zum Gelände war nach Angaben des stellvertretenden Polizeipräsidenten von Duisburg, Detlef von Schmeling, bis zum Unglück der einzige Zu- und Abgang zur Loveparade. Unmittelbar daran knüpft sich ein weiterer Vorwurf an: das Veranstaltungsgelände soll viel zu klein gewesen sein.

Sollte sich ein Bericht von Spiegel Online bestätigen, bringt vor allem der zweite Punkt die Veranstalter in Erklärungsnot. Das Online-Magazin beruft sich in seinem Bericht auf ein internes Verwaltungsdokument. Das zeigt angeblich erhebliche Mängel beim Sicherheitskonzept auf. Demnach war das Festgelände für maximal 250.000 Menschen freigegeben. Die Veranstalter rechneten aber mit deutlich mehr als einer Million Teilnehmern. Die hoffnungslose Überfüllung, die Massen im Tunnel - war all das programmiert?

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Schlossen Stadt und Veranstalter einen schmutzigen Deal?

Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 mit dem Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026 trage den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" und richte sich an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Love Parade. Der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung habe darin die Organisatoren von der Vorschrift befreit, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet.

Dafür gaben sie laut "Spiegel Online" den Ausrichtern der Party vor: "Die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, wird (...) auf 250.000 Personen begrenzt." Die Veranstalter des Festes hatten wenige Stunden vor dem Unglück indes von etwa 1,4 Millionen erwarteten Teilnehmern gesprochen. Treffen die Angaben zu, müssten die Organisatoren sich den Vorwurf der Mauschelei gefallen lassen. Der Eindruck, dass die Stadt allen Gegenargumenten zum trotz alles der Loveparade untergeordnet hat - er verstärkt sich.

Vertuschungsaktion

Auch die Polizei kommt in dem Bericht nicht ungeschoren davon. Wie es weiter heißt, wurden inzwischen bei der Bundespolizei sämtliche Unterlagen zur Love Parade wie Einsatzbefehle, Lagemeldungen und Karten von den Computern der Beamten sowie aus deren E-Mail-Accounts gelöscht. "Da kam sehr schnell der ganz große Staubsauger", sagte ein Beamter demnach.

Schon unmittelbar nach der Katastrophe sahen sich Polizei und Veranstalter massiver Kritik ausgesetzt. Im Netz kursiert derzeit ein Bild (siehe oben im Text), das die Zugangswege der Loveparade in Duisburg und Berlin vergleicht: die Luftaufnahme auf der linken Seite zeigt einen Duisburger Flaschenhals, die andere Platz auf den mehrere Straßen sternförmig zugehen. "Liebe Verantwortliche, könnt Ihr damit was anfangen?", schreibt ein User bei Twitter dazu. Der Gründer der Loveparade, Dr. Motte, spart weist klipp und klar den Veranstaltern die Schuld an der Katastrophe zu. Ein einziger Zugang durch einen Tunnel berge "die Katastrophe in sich".

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Massive Bedenken schon im Vorfeld

Zweifel gab es schon weit im Vorfeld der Veranstaltung. Auch und insbesondere bei der Polizei. Ein Einsatzleiter äußerte während des Still-Leben-Spektakels auf der A40 Bedenken: Das Kulturfest auf der Autobahn sei kein Problem. Aber vor der Loveparade habe man richtig Bammel. Selbst einfache Duisburger Bürger kamen Zweifel: "Die meisten können sich einfach nicht vorstellen, dass bis zu einer Million Menschen auf dem Festgelände Platz finden sollen", sagte Harald Jeschke, Vorsitzender des Bürgervereins Neudorf.

Offensichtlich wurden diese Bedenken auch bei der Organisationsleitung vorgetragen. Nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft äußerten Sicherheitskräfte bereits im Vorfeld massive Vorbehalte. Die Stadt Duisburg sei bei der Planung der Loveparade von Veranstalterseite derart in die Enge getrieben worden, dass sie trotz "eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich" nur habe "Ja" sagen können, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Wolfgang Orscheschek.

Schriftlich Warnungen schon im Oktober

Gewerkschafts-Chef Rainer Wendt schlägt in die gleiche Kerbe. Schon vor einem Jahr habe er darauf hingewiesen, dass Duisburg aus aus Sicherheitsgründen als Veranstaltungsort der Love-Parade ungeeignet sei, sagte Wendt Reuters TV. "Eine Großstadt mit enger Wohnbebauung ist für eine solche Veranstaltung nicht gemacht." Berlin sei mit seinen breiten Zugangswegen und dem Tiergarten als Ausweichfläche passender gewesen. "Duisburg war völlig ungeeignet", sagte Wendt weiter.

Nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeiger" äußerte ein führender Mann der Duisburger Berufsfeuerwehr schon Monate vor der Loveparade massive Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept - und das schriftlich in einem Brief an Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Schon im Oktober warnte der Direktor der Duisburger Berufsfeuerwehr auf diesem Weg davor, die Veranstaltung auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs stattfinden zu lassen. Sinngemäß soll es in dem Schreiben heißen, dass die Platzfläche nicht ausreiche, um die zu erwartende Masse an Besuchern aufzunehmen.

"Reine Profitgier"

Die Vorwürfe, denen sich die Veranstalter nun ausgesetzt sehen, sie sind erheblich. Riskierte da jemand fahrlässig und allen Bedenken zum Trotz das Leben von Menschen? Ja, meint Gewerkschafter Orschescheck. Die 19 Toten und 342 Verletzten seien "Opfer materieller Interessen" geworden. Auch Dr. Motte wirft den Veranstaltern vor, sie hätten aus "reiner Profitgier" gehandelt. "Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt", sagte er dem "Berliner Kurier".

Andere Berichte stützen das Bild. Unter Berufung auf Führungskreise der Duisburger Polizei berichtete am Sonntag Spiegel Online von einem Alternativkonzept für Anreise und Kanalisierung der Loveparade-Gäste, das von der Stadtverwaltung aber verworfen worden sei — augenscheinlich wegen des erheblich größeren Aufwandes. Demnach hätten die Besucher aus mehreren Richtungen das Gelände erreichen und auch wieder verlassen können. Größte Sorge der Experten: die Nadelöhrsituation. Exakt dazu kam es jedoch am Samstag.

Hubschrauber beobachtet Tunnel

Mittlerweile sichtet die Staatsanwaltschaft die Planungsunterlagen. Auf der Pressekonferenz am Sonntag gaben die Verantwortlichen ein klägliches Bild ab. Wegen der laufenden Ermittlungen beantworteten sie kaum die detaillierten Fragen zum Unglücksort. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland verteidigte die Planungen als ausgeklügelt und stichhaltig. Im gleichen Atemzug verspricht er lückenlose Aufklärung.

Auch Polizei-Chef Schmeling verteidigte das Sicherheitskonzept. Teil davon sei die Regulierung zum Tunnelzugang gewesen, die auch erfolgt sei. Teilnehmern sei zu keinem Zeitpunkt der Zugang zum Gelände versperrt gewesen. Laut Schmeling hatte die Polizei keine eigenen Kameras zur Beobachtung der Menschenmassen in dem Tunnel, sondern beobachtete die Lage per Hubschrauber. Nach Angaben eines Sprechers der Loveparade hatten die Veranstalter Kameras installiert. Über das Material könne er aber noch nichts sagen.

Zwei Aufgaben für die Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft hat nun also zwei Aufgaben zu erfüllen. Zum einen muss sie beurteilen, ob die Planungsszenarien den Anforderungen angemessen waren oder sich doch die vorgetragenen Bedenken als so stichhaltig erweisen, dass den Veranstaltern Fahrlässigkeit vorzuwerfen ist. Der an den Planungen beteiligte Panikforscher Michael Schreckenberg wies die Kritik zurück. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen. Zudem seien im Vorfeld viele mögliche Notfälle durchgespielt worden. "Es gibt aber immer Menschen, die sich nicht an die Spielregeln halten", meinte er. In der Umsetzung habe es jedoch offenbar Störungen gegeben. Schreckenberg stellt zudem infrage, ob die Veranstalter bestimmte Risiken wie die Risikobereitschaft der Gäste richtig eingeschätzt haben.

Das verweist auf die zweite Herausforderung für die Staatsanwaltschaft: Sie muss den exakten Verlauf des Geschehens rekonstruieren. Wie genau die 19 Menschen ums Leben kamen ist noch längst nicht einwandfrei geklärt. Vielmehr bestimmen widersprüchliche Aussagen das Bild: Augenzeugen berichteten, dass an dieser Stelle dichtes Gedränge und Geschubse geherrscht habe. Nach Polizeiangaben wollten einige Menschen eine Mauer und Treppe hinaufklettern. Als sie abstürzten, brach laut Polizei Panik aus. "Im Sicherheitsplan war", so Schreckenberger, "nicht vorgesehen, dass Menschen von oben herunterfallen."

Keine Toten im Tunnel

Augenzeugen sagten indes, dass niemand abgestürzt sei. Der Tunnel sei vielmehr so voll gewesen, dass Menschen zu Tode getrampelt worden seien. Vertreter von Polizei und Krisenstab weisen die Darstellung zurück. Vielmehr seien die 19 Personen ausnahmslos nicht im Tunnel gestorben. 14 seien von einer Metalltreppe an der westlichen Seite des Zugangs gestürzt, zwei an einer Plakatwand am Aufgang zum Gelände ums Leben gekommen. Die anderen starben im Krankenhaus. Polizei-Chef Schmeling beteuerte, nach seinem Eindruck habe es auch auf der Bewegungsrampe noch Bewegungsmöglichkeit gegeben. "Mein persönlicher Eindruck bestätigt eine Massenpanik nicht", sagte von Schmeling.

Schmelings Beobachtung steht gegen zahlreiche Augenzeugenberichte. Viele Raver warnten Polizeibeamte nach dem Verlassen des Tunnels vor einer Eskalation und einer möglichen Panik. Fest steht nur: ein Sicherheitskonzept für eine Großveranstaltung, das am Ende 19 Tote zu beklagen hat, ist tragisch gescheitert. Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller erklärte am Sonntag das Aus für die Loveparade. Sie wäre in Zukunft stets von den tragischen Ereignissen in Duisburg überschattet worden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Trauer am Unglückstunnel

(ddp/AFP/dapad/RTR/RPO)