Duisburg: Künstler und Forscher blicken aufs Emschergebiet

Umweltbuch : "Im Emscherbruch“: Viel mehr als ein schöner Bildband

Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Vereins „Theorie und Praxis“ entstand das mit vielen Fotografien versehene Buch „Im Emscherbruch“, das jetzt im Lokal Harmonie in Ruhrort vorgestellt wurde.

Dieser Tage fand im Lokal Harmonie in Ruhrort eine Buchvorstellung statt, die ein beachtenswertes Buch zutage brachte. Die Protagonisten der Veranstaltung waren dabei weitestgehend identisch mit den Akteuren des Buches. Diese sind Sarah Berndt (Video), Stella Cristofolini (Installation), Annette Jonak (Foto), Christian Schoppe (Lektorat), Stefan Schroer (Lektorat) und Klaus Steffen (Text). Entstanden ist die Buchveröffentlichung im Rahmen eines Projektes namens „Im Emscherbruch“, das der Verein „Theorie und Praxis“ im Sommer 2018 dort realisierte. Der Verein, 2008 Mitbegründer des Lokal Harmonie, übernahm zudem die Rolle des Herausgebers des Buches.

Der Emscherbruch liegt nahe der ehemaligen Zeche Ewald und der Halde Hoheward in Herten an der Grenze zu Gelsenkirchen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein war der Emscherbruch eine kaum besiedelte, sumpfige Wald- und Wiesenlandschaft, geprägt durch die in zahlreichen Windungen fließende Emscher dort. Mit den Zechen „Bismarck“, „Ewald“ und „Unser Fritz“ drang ab den 1870er-Jahren dann der Bergbau in diese Region vor. Der Steinkohleabbau ließ das Gelände in den Folgejahren kontinuierlich absinken. Gleichzeitig entstand im Zuge des Autobahnbaues der A2 der Ewaldsee. Dieses Stillgewässer diente der Zeche Ewald als Kühlwasser-Reservoir. Heute sind Ewaldsee und Emscherbruch Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.

Anfang Juni 2018 machten sich die vorhin namentlich Genannten auf, um den besagten Emscherbruch zu erkunden. Als Basisstation für ihre Recherchen und Exkursionen diente ihnen eine Parzelle im Kleingartenverein „Unser Fritz“ in Wanne-Eickel. Bis Ende September führten sie akribisch Buch über ihre Erlebnisse, Eindrücke und Forschungen. All das hielten sie fest in schriftlichen Aufzeichnungen, Videos und Fotos. Davon gibt es mittlerweile eine schön anzusehende und gut aufbereite Internetseite (www.theorieundpraxis.info). Die Präsentation der Projektergebnisse war der eine Teil der Veranstaltung, der andere widmete sich dem großformatigen Bildband, der im Übrigen denselben Namen trägt, wie das Projekt selbst: „Im Emscherbruch“. Der Text darin stammt von Klaus Steffen, die Fotos von Annette Jonak. Erstmals sind jetzt hier die bisher nur in Performances – zuletzt bei den diesjährigen Duisburger Akzenten – aufgeführten Geschichten des Erzählzyklus‘ um den geheimnisvollen Emschamanen, den letzten Menschen im sonst menschenleeren Ruhrgebiet des 22. Jahrhunderts, nachzulesen.

Eingebettet in eine Rahmenerzählung zweier Schüler (Sebi und Sera), die mit einer Drohne im Emscherbruch auf Öko-Filmjagd für ein Youtube-Video gehen, dort den letzten Schamanen, den Emscher- oder Emschamanen Norbert Eliah Schwarzenbeck treffen, der sie auf seine Zeitreisen in die Vergangenheit und die Zukunft mitnimmt, beschreibt Steffen mit einem ins Phantastische gesteigerten satirischen Pathos voller Wortwitz und beißendem Spott die Geschichte des Emschergebiets, von der sumpfigen Waldregion über die Industrialisierung und den Strukturwandel, eine um ein paar Zeitwindungen bis ins Jahr 2119 weitergeschraubte Vision eines zu diesem Zweck wiederaufgebauten Freizeitparks, der zum Erleben des ultimativen Industriearbeiter-Kicks führen soll. Als auch dieser letzte Versuch, die Region durch Strukturwandel mithilfe der neuen Nibelungen, dem Prekariat der Kreativen, zu retten, misslingt, entvölkert sich die Region und wird zu einer Geisterstadtlandschaft.

Annette Jonak hat ein menschenleeres Ruhrgebiet dazu fotografiert. Ihre Bilder zeigen die Gegend an Emscher und Rhein-Herne-Kanal bei Wanne-Eickel in ihrer ganzen post-apokalyptischen Schönheit. Die Bilder sind in ganz- und doppelseitigen Reproduktionen von kompromissloser Druckqualität und lassen in ihrer fast unerträglichen Klarheit die ganze Kraft eines dokumentarisch ausgenüchterten Blicks zeigen, indem sie die künstlerisch-technischen Mittel der Fotografin erbarmungslos in sich aufzusaugen scheinen. Diese ihre Fotos sind übrigens bis zum 28. September Teil einer neuen Pixelprojekt Ruhrgebiet-Ausstellung im Wissenschaftspark Gelsenkirchen.

Dem Buch, in seiner Erstauflage noch im Selbstverlag erschienen, würde es guttun, wenn ein passender Verlag sich finden würde, der sich seiner annimmt, um dessen zweite Auflage zu verlegen. Der Bildband hätte dies mehr als verdient.

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