Duisburg: Bravouröses Konzertexamen im Lehmbruck-Museum

Öffentliches Konzertexamen : Gipfeltreffen von Bach und Lehmbruck

Nikolay Bogdanovskiy absolvierte sein Konzertexamen mit Bachs Goldberg-Variationen.

Zum zweiten Mal nach dem vergangenen Jahr gab es jetzt im Lehmbruck-Trakt im gleichnamigen Museum ein öffentliches Konzertexamen-Recital des Fachbereichs Alte Musik am Campus Duisburg der Folkwang-Universität der Künste unter dem Motto „Alte Musik trifft Moderne“ (die RP berichtete). Diesmal war das Publikum besonders zahlreich – nicht nur, weil der Eintritt frei war, sondern auch weil auf dem Programm ein sehr bekanntes und geradezu legendäres Werk von Johann Sebastian Bach stand, nämlich die „Goldberg-Variationen“ BWV 998.

Wenn man – so wie es hier geschah – alle vom Komponisten in der Aria und den 30 Variationen vorgeschriebenen Wiederholungen auch so ausführt, dauert das Ganze gut anderthalb Stunden. Bach schrieb das Meisterwerk „vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ (also für ein Cembalo mit zwei Tastenreihen) seinerzeit im Auftrag des kurländischen Grafen Hermann Carl von Keyserlingk, der russischer Gesandter in Dresden war, für dessen außerordentlich begabten jugendlichen Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg, damit er den Grafen in schlaflosen Nächten mit einigen Stücken „sanften und etwas muntern Charakters“ erheitern könne. Das Ergebnis ist eine nicht nur außergewöhnlich kunstvolle, sondern auch abwechslungsreiche Abfolge von heiteren und besinnlichen, kantablen und fugierten sowie tänzerischen und virtuosen Nummern. In der letzten Variation, bevor das Thema noch einmal in seiner ursprünglichen Form erklingt, zitiert Bach die Volkslieder „Ich bin so lang nicht bei dir g‘west“, „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“ und „Hätt‘ meine Mutter Fleisch gekocht, so wär‘ ich länger blieben“.

Nikolay Bogdanovskiy heißt der junge Cembalist, der mit diesem Abend in das große Konzertleben entlassen wurde. Geboren wurde er in der Stadt Archangelsk ganz im Norden von Russland, seinen ersten Studienabschluss auf dem Klavier machte er am Rachmaninow-Musikcollege in Kaliningrad, also Duisburgs ostpreußischer Patenstadt Königsberg. Danach begann er im wiederaufgebauten Königsberger Dom Orgel zu spielen, was ihn zum Orgelstudium zuerst am Moskauer Konservatorium und dann an der Hochschule für Musik und Tanz Köln führte, dort bei den Professoren Johannes Geffert und Thierry Mechler. In Köln absolvierte Bogdanovskiy das B-Kirchenmusikdiplom. Danach studierte er Cembalo, zuerst in Köln bei Prof. Ketil Haugsand, Johannes Poth und Prof. Michael Borgstede und dann eben in Duisburg im Exzellenz-Studiengang „Folkwang Konzertexamen“ bei Prof. Christian Rieger. Jetzt im Lehmbruck-Museum zeigte er sich allen Anforderungen, Hürden und Fallen des monumentalen Zyklus‘ gewachsen, entfaltete in aller Gelassenheit dessen subtiles Panorama, entdeckte sogar Klangfarben, die Bach komponiert hatte und die es so nur auf dem Cembalo gibt.

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