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Karneval 2020 in Düsseldorf: Eine Flüstersitzung ohne große Show

Flüstersitzung im Apollo-Varieté : Karneval ohne große Show

Statt auf Party und Halligalli setzten die Veranstalter der Flüstersitzung im Apollo Varieté auf leise Töne und Büttenreden. Ein Format, das gut ankam, aber auch nur wenig junge Zuschauer fand.

Ein wenig nervös war Stefan Kleinehr. Eigentlich ist er ein absoluter Karnevalsprofi, doch bei der ersten „Nostalgie & Flüstersitzung“ des Allgemeinen Vereins der Karnevalsfreunde (AVDK) und der Düsseldorfer Bürgerwehr hatte Kleinehr nur eine leichte Ahnung von dem, was auf ihn und das ausverkaufte Apollo-Theater zukam. „Ich weiß, wer auftritt, aber ich weiß überhaupt nicht, was sie machen“, gestand Kleinehr, kurz bevor er gemeinsam mit dem Bürgerwehr-Stadtkommandanten Peter Schäfer den Abend eröffnete.

Die Kleinehrsche Aufregung war aber völlig unbegründet, weil die Legenden des rheinischen Karnevals ganz genau wussten, was sie taten und dem Düsseldorfer Karneval eine lange vermisste Note zurückgaben. Die leisen Töne des Karnevals, die politische Satire, Parodien, Persiflagen der „oberen Zehntausend“ und der hintergründige Witz bestimmten die Szenerie. „Es ist ja der Sinn des Karnevals, den Regierenden den Spiegel vorzuhalten und auch mal vor’s Schienbein zu treten. Das ist in der letzten Zeit bei vielen Karnevalssitzungen verloren gegangen“, kritisiert Kleinehr. „Nur Party, nur Musik jeder Stimmungslage hintereinander kann jeder. Die Kunst ist doch, die ausgewogene Mischung zwischen ausgelassener Partylaune und inhaltlich Wertvollem hinzukriegen.“ So war die Premiere des „Karnevals wie anno dazumal“ eine fast verstärkerfreie Zone. Das Orchester Michael Kuhl spielte ohne elektronische Unterstützung in angenehmer Lautstärke. Die Vortragskünstler liefen durchweg unter der Rubrik „die Älteren werden sich erinnern“, gehören aber immer noch zu den besten ihrer Zunft. Willibert Pauels zog als „Ne Bergische Jung“ tiefgründige und dennoch witzgewaltige Parallelen zwischen Humor und Religion, „Ne Kölsche Schutzmann“ alias Jupp Mendt ließ und lässt sich von niemandem den Mund verbieten, Barbara und Christiane Oxenfort kramten tief in der Karnevalsliederkiste, fanden ein paar alte Schätzchen und motzten sie mit frisch getexteten Strophen zu topaktuellen Songs auf. Die Düsseldorfer Wortakrobaten Winfried Ketzer und Hermann Schmitz ließen die Künste der gereimten Büttenrede und des subtilen Humors wieder auferstehen. Die Kölner Fraktion wurde durch JP Weber und Hans Süper witzig-wortgewandt und mit der „Flitsch“ (Mandoline) sich selbst begleitend verstärkt.

Süper war der komische Teil des „Colonia Duetts“ und erlangte durch die vielen WDR-Übertragungen aus dem Kölner Karneval bundesweite Bekanntheit. 2004 hatte Süper Abschied von der Bühne genommen. „Hans Süper hat sofort zugesagt, als wir ihn fragten, ob er bei der Premiere der Flüstersitzung in Düsseldorf auftreten kann“, freut sich Kleinehr. Und der 84-jährige Süper gehörte zu den Abräumern des Abends. In aller Seelenruhe füllte er mit seiner Bühnenpräsenz den gesamten Saal aus, war witzig und reaktionsschnell und improvisationsfähig. „Für Düsseldorf habe ich extra den Jakobsweg abgesagt“, witzelte er und gab einen tiefen Einblick in seinen Charakter. „Ich mache halt gerne viel Blödsinn.“

Die alte-neue Mischung der Nostalgiesitzung kam beim überwiegend älteren Publikum gut an, wie viele „närrische Raketen“ und Standing Ovations bewiesen. „Das war mal was anderes. Ein schöner Kontrapunkt zu den üblichen Karnevalspartys“, urteilte Irene Kugler. „Ich finde es schön, dass der Karneval so abwechslungsreich ist.“ Und auch Kleinehrs Nervosität war verflogen. „Es war ein grandioser Abend, er hat meine Erwartungen übertroffen. Ans nächste Jahr hatten wir noch gar nicht gedacht, die Flüstersitzung war ein Experiment, aber das Resultat schreit nach Wiederholung.“

Tino Hermanns