Schriftsteller Jan Brandt schreibt über Wohnungssuche

Wohnungskrise in Berlin : „Es gibt kein Idyll, auch in der Stadt nicht“

 Jan Brandt hat ein vielschichtiges Buch über neue Lebenswelten und den Konkurrenzkampf auf dem Wohnungsmarkt geschrieben.

Elf Monate hat Jan Brandt in Berlin nach einer Wohnung gesucht. Wegen einer Eigenbedarfskündigung musste er sein Zuhause verlassen. Kurzfristige Pläne, in seine Heimat Ostfriesland zurückzukehren, zerschlagen sich, als der alte Hof seiner Familie verkauft und abgerissen wird. Von dort waren seine Vorfahren einst nach Amerika ausgewandert. Und dorthin waren sie zurückgekehrt.

Von Aufbrüchen, der Suche nach Freiheit und dem Verlust von Zugehörigkeit erzählt der Berliner Schriftsteller in seinem neuen Buch „Eine Wohnung in der Stadt/Ein Haus auf dem Land“. Am Dienstag, 23. Juli, liest er in der Düsseldorfer Zentralbibliothek.

Sie mussten Ihr Zuhause gegen Ihren Willen verlassen und haben elf Monate gebraucht, um ein neues zu finden. Das alles habe Sie in „Alarmbereitschaft“ versetzt, schreiben Sie. Fühlen sie sich jetzt sicher?

Brandt Nein, die Alarmbereitschaft hält an. Ich bin ja immer noch Mieter, das Haus, in dem ich jetzt lebe, kann jederzeit von einem Investor gekauft werden. Die Mieten können steigen, und dann muss ich wieder ausziehen, womöglich aufs Land, denn in Berlin gebe ich schon jetzt die Hälfte meines Einkommens für die Miete aus.

Berlin war lange auch wegen der günstigen Mieten ein Magnet für Künstler. Was hat sich verändert?

Brandt Viele Entwicklungen kommen zusammen. Der soziale Wohnungsbau wurde nicht mehr verfolgt, die Gemeinnützigkeit von Wohnbauprojekten wurde aufgehoben, es gibt einen enormen Zuzug in Städte, und wegen der Niedrigzinspolitik sind Immobilien für internationale Investoren und Privatanleger ungemein attraktiv. Das verschärft die Situation.

Sie stammen aus Ostfriesland und spielen in Ihrem neuen Buch „Eine Wohnung in der Stadt/Ein Haus auf dem Land“ auch die Möglichkeit durch, dorthin zurückzukehren. Warum sind Sie nicht aus Berlin geflohen?

Brandt Ich habe das während meiner monatelangen Wohnungssuche überlegt. Und genau in jener Zeit wurde das Haus meines Urgroßvaters, das nicht mehr in Familienbesitz war, zum Verkauf angeboten. Ein 150 Jahre alter Gulfhof. Ich bin nach meinem Urgroßvater benannt, in seinem Haus steckte Geschichte, also dachte ich, wenn überhaupt: dann in dieses Haus. Aber wenn man wie ich 20 Jahre in der Großstadt gelebt hat, ist man ein anderer Mensch geworden. Ich habe das Landleben nicht als Idyll kennengelernt und bin skeptisch, wenn frustrierte Städter aufs Land wollen.

Wie hat Sie die Stadt verändert?

Brandt In der Stadt gibt es ein stärkeres Gefühl von demokratischer Teilhabe. Man bekommt die Debatten an Universitäten mit, die Demonstrationen auf der Straße und natürlich die kulturelle Vielfalt. Das würde ich auf dem Land vermissen.

Die kulturelle Vielfalt hat konkret für Sie bedeutet, in Berlin neben Gangster-Rappern zu wohnen. Auch nicht nur schön, wie Sie in Ihrem Buch beschreiben.

Brandt Es gibt kein Idyll, auch in der Stadt nicht. Man muss immer Dinge in Kauf nehmen, in Berlin etwa die überlastete Infrastruktur. Jeder muss entscheiden, welche Kompromisse er eingehen will.

Das Haus Ihrer Familie wird am Ende abgerissen. Verfolgen Sie den Verfall ländlicher Strukturen mit einer gewissen Sentimentalität?

Brandt Den Niedergang etwa des Einzelhandels gibt es auch in der Stadt. Ich verfolge das mit großer Skepsis, denn es gibt immer weniger Selbständige, immer mehr abhängig Angestellte. Das verändert das Bewusstsein von Menschen. Es gibt weniger Leute, die Widerstand leisten gegen die Strukturen, da findet eine Entmündigung der Gesellschaft statt.

Ein Teil Ihrer Vorfahren ist in die USA ausgewandert. Braucht man heute ähnlichen Pioniergeist, um auf dem Wohnungsmarkt seinen Platz zu finden?

Brandt Ich sehe die Parallelität eher darin, dass ich nach Berlin ausgewandert bin. Es ging in beiden Fällen darum, möglichst frei zu sein.

Und der Preis dafür ist der Verlust von Zugehörigkeit und Sicherheit?

Brandt Zum Teil schon. Wenn man ständig umziehen muss, ständig seine gewohnten Strukturen, familiären, nachbarschaftlichen, freundschaftlichen Bezüge hinter sich lassen muss, geht das zu Lasten der Zugehörigkeit. Das ist auch ein Grund dafür, dass viele Menschen sich so abgehängt fühlen und wütend sind auf die politischen Verhältnisse. Sie haben das Gefühl, dass sie nicht mehr mithalten können und dass ihnen an allen Ecken und Enden das Wasser abgegraben wird.

Wie sieht ihre Vision eines anderen Berlins aus?

Brandt Das wäre ein Berlin, das wirklich den Berlinern gehört, den Menschen, die hier leben. Es wäre eine Stadt, in der Menschen keine Angst vor Verdrängung haben müssten, in der genossenschaftliche Strukturen wieder lebendig würden. Viele Städte haben den Kapitalfehler begangen, ihren eigenen Wohnungsbestand zu verkaufen. Diesen Handlungsspielraum müsste die Politik sich wieder erarbeiten – mit welchen Maßnahmen auch immer.

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