Machenschaften in der Finanzwirtschaft : Entfesselte Gier

Packendes Theaterstück über den Milliarden-Steuerraub mit Cum-Ex-Papieren beim Asphaltfestival.

Sie haben nicht an die Kitas gedacht, an die Polizisten, Krankenschwestern, Lehrer, die aus Steuergeldern bezahlt werden. Sie sahen nur dieses Schlupfloch, diese unglaubliche Möglichkeit, Aktienpakete so geschickt hin und her zu verkaufen, dass sie nur einmal Steuern zahlen mussten – diese Steuer aber vom Staat zweimal rückerstattet bekamen. Kinderleicht. Risikolos. Enorm bereichernd. Und so kippen die Aktienhändler einen Sack Silberflitter nach dem anderen auf die Bühne und stopfen sich Hemd und Taschen voll, bis sie schier platzen. Einfach geil, diese Gier, dieses Geld.

Im vergangenen Herbst deckten investigative Journalisten unter Leitung des Recherchezentrums Correctiv den wohl größten Raub an Steuergeldern in der Geschichte Europas auf. Banken und Investoren sollen mit so genannten Cum-Ex-Geschäften allein in Deutschland einen Schaden in Höhe von 31 Milliarden Euro angerichtet haben. Sie nutzten eine gesetzliche Lücke, um sich Kapitalertragssteuer erstatten zu lassen, die sie gar nicht gezahlt hatten. Sie zogen also viel Geld aus dem System, das für die Allgemeinheit gedacht war. Und obwohl der Staat gewarnt wurde, gelang es ihm nicht, die Gesetzeslücke zu stopfen. Die Amtszeiten von drei Finanzministern mussten vergehen, ehe nun die ersten Aktienhändler wegen Cum-Ex-Geschäften angeklagt wurden. Doch glauben Experten, dass die Geschäfte auch heute in neuen Variationen weiterbetrieben werden.

Komplizierte Materie. Und doch hat Theaterregisseur Helge Schmidt aus dem Skandal ein süffiges Theaterstück gemacht. Darin verarbeitet er vor allem die Aussage eines jungen Anwalts, der nach einer Blitzkarriere bei einer Londoner Kanzlei in die Cum-Ex-Geschäfte einstieg, dann aber als Kronzeuge über die Geschäftspraktiken aussagte. Dieser Whistleblower wird auf der Bühne zum Prototyp des schlauen Fuchses, der ganz nach oben will und seine Intelligenz und juristischen Kenntnisse einsetzt, um den Staat auszutricksen. Je mehr Geld er verdient, desto größer wird die Gier. Skrupel wegen der Schädigung der Allgemeinheit kommen nicht auf. In einer starken Szene sitzt Jonas Anders als junger Anwalt neben seinem Chef, der mal von Ruth Marie Kröger, mal von Günter Schaupp gespielt wird. Die Cum-Ex-Agenten müssen warten und beginnen ihren unnützen Reichtum zu vergleichen: Armbanduhr, Zahl der Porsche, Hotelkosten in Dubai, je teurer, je sinnloser, je sündiger, desto besser.

Natürlich kennt man den Typus des skrupellosen Finanzmarkt-Händlers, in Filmen wie „Wolf of Wall Street“ oder „The Big Short“ wurde er grandios porträtiert. Schmidts Inszenierung für das Lichthof-Theater Hamburg, die jetzt beim Asphaltfestival zu erleben war, zitiert und persifliert solche Filme. Sein großartiges Drei-Personen-Ensemble wechselt virtuos die Tonlagen. Mal wird im Lehrerton spielend einfach die Cum-Ex-Logik erklärt, schon sind die Darsteller wieder in der Finanzwelt, feiern in Zeitlupe Champuspartys und fühlen sich wie die Könige der Welt.

Das ist unterhaltsam, aufklärerisch und weckt vor allem eine Emotion: Empörung über die Machenschaften – und darüber, wie zögerlich die Politik reagierte. Die ersten Cum-Ex- Prozesse wird man nach diesem Abend wacher verfolgen.

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