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Frank Schablewski schrieb das Buch "Ein Paar aus vier Menschenhälften"

Roman : Keine Gerechtigkeit nach dem Tod

In Frank Schablewskis Roman geht es um einen Mord und einen unfairen Prozess. Die Getötete wird in „Ein Paar aus vier Menschenhälften" zu einer Stimme für viele fremdbestimmte Frauen.

In Istanbul tötet ein Metzger seine Frau auf brutale Weise, er schlachtet sie wie ein Tier. Nachdem er ihren Körper in Einzelteile zerstückelt und in Plastiktüten verpackt hat, lässt er sie auf dem Grund des Bosporus verschwinden. Darauf folgt ein Gerichtsprozess, bei dem der Richter die Schuld des Täters anzweifelt und sie beim Opfer selbst sucht. Der Mörder wird letztlich freigesprochen.

Der Plot von Frank Schablewskis neuem Roman „Ein Paar aus vier Menschenhälften“ klingt nach Krimi. Doch statt eines Thrillers erwartet den Leser die poetisch erzählte Sichtweise der Toten. Ihr Körper liegt zerstückelt auf dem Meeresgrund, ihre Seele nimmt dessen düstere Umgebung wahr. Auch erlebt sie mit, wie das Leben weiter oben ohne sie weitergeht, und den unfairen Gerichtsprozess, in dem sie keine Stimme hat. Immer wieder springt sie zurück und gewährt dem Leser Einblicke in das Zusammenleben mit ihrem aggressiven Mann.

Eine Schlüsselrolle nimmt der Richter ein. Bei der Prozesseröffnung geht es zunächst gar nicht um die verschwundene Frau, geschweige denn die Ermittlungen. Er fokussiert sich in seiner ausschweifenden Erzählung auf Istanbul, in der sich die Geschichte abspielt, Schablewski stellt sie dar, als sei die Stadt am Verschwinden beteiligt. Kommt er auf das Mordopfer zu sprechen, wird schnell klar, wem er die Schuld zuweist: „Diese Frau muss wie ein schreiendes Kind gewesen sein, um so ihre Rechte geltend zu machen, um zum Leben durchzudringen“, sagt er: „Da hat sich der Mann dem Rausch anvertraut, um einem Zwang zu entfliehen.“

In den Augen des Richters war es die Frau, die ihren eigenen Tod provoziert hat – durch fehlende Hingabe und Aufmerksamkeit ihrem Mann gegenüber. Ihr Tod ist für den Richter auch eine natürliche Folge der Ehe zwischen Mann und Frau: „Ohne ein Element von Grausamkeit, das jeder Liebe zugrunde liegt, ist eine Ehe nicht möglich.“

Und grausam war ihre Ehe, das wird in den weiteren Rückblenden deutlich: Der Mann machte die Regeln in ihrer Beziehung, zwang sie zum Sex, nahm sich, was er wollte – sie bezeichnet sich als ein Hündchen an seiner Leine, das nichts empfinden durfte, „höchstens seinen Schmerz“. Sein Besitzergreifen findet den Höhepunkt im Mord an ihr, den Schablewski immer wieder minutiös beschreibt.

Damit verleiht der Autor einer Frau Aufmerksamkeit, die in ihrem Leben und darüber hinaus kein Gehör bekommt: „Ich war nicht der einzige Fall“, sagt sie: „Aus einer Vielzahl von Fällen, die einfach aus den Archiven entfernt wurden, ging der gewaltsame Tod hervor.“ Und auch der Richter hat „große Übung bei solchen Prozessen“, auch darin, die Presse kleinzuhalten. Stellvertretend für viele fremdbestimmte Frauen, die große Ungerechtigkeit erfahren, erhält die Protagonistin eine Stimme.

Auch die Flüchtlingspolitik wird an einzelnen Stellen kurz erwähnt, jedoch so sehr am Rande, dass sich erst im Nachhinein ein Bezug zwischen der am Meeresgrund liegenden Leiche der Frau und den unzähligen – wenn auch in anderen Gewässern ertrunkenen – Geflüchteten aufdrängt.

Der Roman ist definitiv kein leichter Urlaubsschmöker, ganz im Gegenteil: Schablewski erzählt Schweres schwer. Man merkt, dass ein Dichter schreibt: Die Sprache ist poetisch, bildreich, manchmal auch umständlich. Lässt man sich an den Rhythmus immer wiederkehrender Erzählelemente an, entfaltet sich ein spannender, gesellschaftskritischer Roman, der hinter die Ohnmachtsposition einer Frau blickt, die weder von ihrem Mann noch von der Justiz erhört wird.

Nach 164 Seiten ist die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt: „Ein Paar aus vier Menschenhälften“ ist der erste Teil aus Schablewskis Roman „Schwarmbeben“.