Campinos zweite Vorlesung an der Heine-Uni „Lüge ist salonfähig geworden“

Düsseldorf · Im rappelvollen Hörsaal 3a der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gab Campino seine zweite und vorerst letzte Gastvorlesung. Diesmal dozierte er über die Kakophonie unserer Zeit.

Martin Bewerunge
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So war die 2. Vorlesung von Campino an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf​
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So war die 2. Vorlesung von Campino an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf

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Foto: Bretz, Andreas (abr)

Punk, jene stürmische Jugendkultur, die Mitte der 70er-Jahre in New York City und London entsteht, wurzelt in einer zutiefst antibürgerlichen Haltung, einer vehementen Ablehnung des Establishments und – was seine ersten Protagonisten betrifft – radikalen Abkehr vom Starkult. Funktioniert hat das nur zeitweise. Auch der Punk brachte schließlich Idole hervor, umschwärmt, begehrt als Aushängeschild von Kapitalismuskritik, als Schickeria- ebenso wie als Kleinbürger-Schreck, und irgendwann war auch das nurmehr ein modisches Zitat.

Trotzdem: Wenn Campino, der jetzt 61 Jahre alte Frontmann der Toten Hosen, inzwischen auch mal geschniegelt und gestriegelt im Frack zum Staatsbankett im Berliner Schloss Bellevue zu Ehren des Besuchs des britischen Königs Charles III. und seine Gattin Camilla erscheint und damit Irritationen provoziert, belegt das eine immerhin noch bestehende Unabhängigkeit von Erwartungen und Rollenbildern. Oder wenn er aktuell als geschätzter Dozent an renommierten akademischen Lehranstalten auftritt.

Am Dienstag ist es jedenfalls wieder soweit gewesen. Im Konrad-Henkel-Hörsaal – dem größten der Heinrich-Heine-Uni (HHU) in Düsseldorf – knubbeln sich die Fans zur zweiten und letzten Vorlesung von Gastprofessor Campino. Der Andrang ist wie bei seiner Antrittsveranstaltung Anfang April riesig. Es gab mehr als 20.000 Anfragen, doch abermals konnten nur 680 Plätze vergeben werden. Einen davon zu ergattern – pures Glück, denn darüber entschied das Los. Darf man im Hörsaal klatschen?, wird gefragt. Man darf.

Campino hält Vorlesung an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf​
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Campino hält Vorlesung an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf

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Foto: Anne Orthen (orth)

Nach „Punkrock und Poesie“ lautet die Überschrift diesmal „Alle haben was zu sagen. Die Kakofonie unserer Zeit“. Begleitet wird der Alt-Punker von Philipp Oehmke, Kulturchef beim „Spiegel“, sowie vom Freund und Band-Gitarristen Kuddel. Schon Heinrich Heine wusste: „Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung“. Im Übrigen setzte die Freiheit der Meinung voraus, dass man eine habe. Womit wir beim Thema wären. Es gibt mehr Emotionen als Standpunkte.

„Alle sagen das“, ist nämlich der Titel des ersten Songs, bei dem es um die permanenten pauschalen Behauptungen geht, die Menschen einfach in den Raum stellen. Ironischerweise lautet der Refrain: „Ein Hoch auf die Gerüchteküche!“ Campino hat deshalb vor Kurzem das griffige Motto ausgegeben: „Wir alle gegen die Dummheit“. Nun liest er wie zum Beleg die nicht sonderlich intelligenten Hass-Posts vor, die er daraufhin erhalten hat. „Dieser Lärm im Internet wäre kein Problem, wenn man ihn wieder herausholen könnte.“ Nur wie?

Anfeindungen habe es immer gegeben, weiß der Sänger, „Ich kenne es nicht anders.“ Das habe seinem politischen Engagement freilich nie einem Dämpfer verpasst. Auch Philipp Oehmke teilt als langjähriger Journalist die Beobachtung, dass eine spürbare Verrohung Einzug in die öffentliche Debatte gehalten hat – was im eigentümlichen Kontrast dazu steht, dass es andererseits immer mehr Tabus in der öffentlichen Kommunikation gebe.

Oehmke ist ein alter Bekannter, sein erstes Interview mit den Toten Hosen führte er 1992 noch für eine Schülerzeitung. Vor knapp zehn Jahren hat er dann die Story der Band in dem Buch „Am Anfang war der Lärm“ aufgeschrieben, eine Geschichte von fünf Leuten, von denen vier kein Instrument beherrschten, deren Aussehen zum Davonlaufen und deren Benehmen inakzeptabel war, wie es eingangs in dem Werk heißt, und die doch – oder vielleicht gerade deshalb – zu einer der größten Rock-Bands Deutschlands aufstiegen.

„Ich hoffe, dass zumindest meine Familie, insbesondere meine Kinder und die Polizei, diese Biografie nie zu Gesicht bekommen“, soll Band-Kollege Kuddel damals gestöhnt haben. Aber um Tage wie jene damals geht es ja an diesem kalten Frühlings-Nachmittag in Hörsaal 3a weniger. Campino ist sensibler geworden – auch was frühere Lieder der Toten Hosen betrifft, die er heute für nicht mehr singbar hält. „Ülüsü“ ist eines davon, es geht um Ausländerfeindlichkeit, die auf ironische-künstlerische Weise verurteilt, aber auch für viele missverständlich zum Ausdruck gebracht worden war. Dann kam der Brandanschlag von Solingen, bei dem der Rassismus seine Fratze zeigte.

„Willkommen in Deutschland“, geschrieben 1993, unter dem Eindruck des mörderischen Anschlags, kennzeichnet eine Wende. Damals tourte die Band durch die Welt, und oft wurden die Mitglieder gefragt: Was ist da los bei euch Zuhause? „Das war der Moment, wo wir zu Vertretern unseren Landes geworden sind“, erinnert sich Campino, und das Lied wurde ein Bekenntnis für Toleranz, Verantwortung und mutiges Einschreiten gegen Gewalt.

Sachlichkeit verliert heute gegen das Laute und Aggressive, bedauern Campino und Oehmke, die Lüge sei salonfähig geworden, spätestens mit der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. „Es geht auch ohne Wahrheit“, laute das Motto der Populisten. Aber dann spielen Campino und sein Gitarrist Kuddel einen der berühmtesten Songs der Rolling Stones, kraftvoll und leidenschaftlich: „You can‘t always get what you want“. Man könnte es auch so verstehen: Vielleicht erreichen die Feinde der Demokratie ihr Ziel ja doch nicht so schnell – wenn der Kampf um die Wahrheit nicht erlahmt.

Beim Punkt „Künstliche Intelligenz“ bleibt Campino überraschend gelassen: Was das Texten von Songs angehe, sei er dem Computer hoffnungslos unterlegen. Und erst die Möglichkeiten der Imitation von Stimmen: „Wer weiß, vielleicht wird Olaf Scholz ja das nächste Tote-Hosen-Album singen.“

Gastprofessor Campino bei seiner zweiten Vorlesung an der Heine-Uni gemeinsam mit Band-Kollege Kuddel.

Gastprofessor Campino bei seiner zweiten Vorlesung an der Heine-Uni gemeinsam mit Band-Kollege Kuddel.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Bitte nicht. Bei aller Koketterie, lieber Campino: So haben wir uns die schöne neue Welt wirklich nicht vorgestellt. Ganz desillusioniert will der Sänger das Publikum dann doch nicht entlassen. Und deshalb macht der letzte Song wieder Mut: „You‘ll Never Walk alone“.

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