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Der Rattenfänger von Düsseldorf

Der Rattenfänger von Düsseldorf

Nach mehreren vergeblichen und kostspieligen Versuchen der Stadt, den Kö-Graben trotz des Schattens der Platanen mit Rasen zu begrünen, liegt jetzt eine Idee von Tita Giese auf dem Tisch: Die Künstlerin will an den Ufern des Gewässers auf hellem Quarzsplit ausgefallene Efeu-Sorten wachsen lassen. Zu ihrem Konzept, das 560 000 Euro kosten soll, gehört ein Rattenbekämpfungssystem. Es stammt von Werner Steinheuser. Er ist IHK-geprüfter Schädlingsbekämpfer und immer wieder für die Stadt Düsseldorf im Einsatz.

Herr Steinheuser, wann haben Sie das letzte Mal eine Ratte auf der Königsallee gesehen?

Steinheuser Vor eineinhalb Wochen.

Ratten sind auf der Kö also keine Seltenheit?

Steinheuser Definitiv nicht. Sie sind da, und das seit langem. Nicht nur am Kö-Graben, sondern in der gesamten Altstadt, aber auch in vielen anderen Teilen Düsseldorfs.

Und Sie haben ein System entwickelt, das Teil des Konzepts von Tita Giese ist und Kö wie auch den Graben von Ratten befreien soll? Wie geht das?

Steinheuser Ich habe die Möglichkeiten, die auf dem Markt sind, optimiert und mir als erstes die Frage gestellt, was bei einem Kö-Graben mit Efeu-Bepflanzung nötig ist. Denn ein zehn bis 15 Zentimeter hoher Efeu-Teppich ist natürlich ein perfekter Unterschlupf für die Ratten. Im Fachjargon heißt das "befallsbegünstigende Situation". Die machen wir uns aber zunutze.

Inwiefern?

Steinheuser Ich baue 120 künstliche Rattennester mit Futterstellen, schaffe also ideale Aufenthaltsbedingungen mit gedecktem Tisch und gefülltem Kühlschrank, so dass sich die Ratten wohlfühlen. Außerdem bauen wir zu jedem Nest vier perfekte Zugänge. Die Ratten müssen nicht einmal selbst bauen, sondern können direkt einziehen. Das wird wie ein Magnet wirken.

Warum machen Sie es den Ratten denn so gemütlich?

Steinheuser Ratten sind schlau und haben keine Vorkoster. Würden sie die Jungen dafür nehmen, hätten sie keinen Nachwuchs, wären es die älteren Tiere, würde Erfahrung verloren gehen. Es ist bei Ratten so, dass alle Tiere melden, ob Nahrung in Ordnung ist oder nicht. Die stehen sogar Schlange an der Futterquelle. Deshalb ist wichtig, was wir den Ratten auftischen.

Und das wäre?

Steinheuser Alles, was auf dem Markt verfügbar ist: Hierbei handelt es sich um Rodentizide. Diese Wirkstoffe wirken zeitversetzt, und sind für die Tiere erst nach einigen Tagen tödlich. Da können die Ratten keinen Zusammenhang feststellen. Vielleicht haben sie kurz vor ihrem Tod Pommes gegessen. Dann müsste die Population Pommes meiden, nicht aber das Futter in ihren Nestern. Die Rückverfolgbarkeit ist für das Tier und das Rudel nicht mehr möglich. Weil es in ihren Apartments am Kö-Graben aber so gemütlich ist, werden sie immer wieder dort hin zurückkehren und das giftige Futter fressen. Wichtig ist, dass die Stationen dauerhaft befüllt und in Schuss gehalten werden.

Kostet diese neue Maßnahme nicht zu viel?

Steinheuser Die Folgekosten liegen bei 30 000 Euro jährlich. Das ist sogar billiger, als die Pflege des Rollrasens war.

Kurzfristige Abschreckmethoden funktionieren nicht?

Steinheuser Nein. Das hat der Einsatz von Akutgiften in den 1970er und 1980er Jahren gezeigt. Das hat sich bei den Ratten sofort herumgesprochen. Auf dem Land war es lange Zeit üblich, eine Ratte anzuzünden und brennend über den Hof laufen zu lassen. Das wirkte, alle Ratten sind abgehauen. Aber nach einigen Wochen war in der Population die Erinnerung daran gelöscht. Die Ratten kamen wieder, meist in größerer Zahl und gestärkt. So kamen die Rattenplagen zustande, über die Bauern oft geklagt haben. Sie waren quasi hausgemacht. Außerdem war es Tierquälerei.

Es heißt, ihr System würde nicht nur die Kö, sondern einen Bereich im Umkreis von 500 bis 1000 Metern von Ratten frei halten...

Steinheuser Das ist richtig. Die Kö-Anlieger müssten nur noch ihre Gebäude sichern und auch sicherstellen, dass mit der Ware nichts hineinkommen kann. Auch für die Passagen habe ich Konzepte. Es ließe sich sogar ein gesamtstädtischer Plan entwickeln. Vertreter der Kö-Anlieger fanden mein Konzept bei einem Besuch im Atelier von Tita Giese offenbar überzeugend.

Wie sind Sie auf Giese gekommen?

Steinheuser Sie hat mich angerufen, wie andere Schädlingsbekämpfer zuvor auch. Doch die hatten alle gleich abgewunken. Mich hatte die Idee jedoch gereizt. Ich nahm mir zwei Wochen Zeit, um mir eine Strategie auszudenken, wie man das Problem am besten angeht. Und es hat geklappt. Das ist jetzt mehr als drei Jahre her.

Was können Bürger tun, damit Ratten sich nicht ausbreiten?

Steinheuser Zur generellen Bürgerpflicht sollte gehören, dass nichts ungeachtet weggeworfen wird. Es ist schade, dass das immer betont werden muss.

Stimmt es, dass man Essen nicht in die Toilette werfen darf?

Steinheuser Die Kanalisation ist die Autobahn der Ratten. Dort kommen sie am schnellsten von A nach B, es ist für sie sicher und schön warm. Doch dort finden sie ohnehin ausreichend Nahrung. Denn es spielt keine Rolle, ob man die Suppe in den Abfluss oder in die Toilette kippt – sie landet immer in der Kanalisation. Was hilft, ist eine Rattensperre an der Hauptleitung.

Ratten sind nicht die einzigen Tiere, mit deren Bekämpfung Sie sich gut auskennen. Es heißt, Sie haben 2011 den Eurovision Song Contest gerettet.

Steinheuser Das vielleicht nicht. Aber es gab im Vorfeld die große Befürchtung, dass es auf den Parkplätzen für die Arena-Besucher auf dem Gelände der Messe eine Plage von Eichenprozessionsspinnern geben könnte.

Warum wäre das gefährlich?

Steinheuser Die Eichenprozessionsspinner haben Nesselhaare, und ab der vierten Generation können diese bei Menschen Allergien auslösen, schlimmstenfalls sogar zu Atemstillstand, Schock und Erstickungstod führen. Zudem lösen sie auf der Haut starke Reizungen mit Pusteln und Juckreiz aus.

Was haben Sie gemacht?

Steinheuser Ich habe mir die Bäume mit den Insekten angeschaut. In Absprache mit der Stadt musste ich beurteilen, ob zum Zeitpunkt des ESC eine Gefahr davon ausgeht.

Und?

Steinheuser Es gab tatsächlich Bereiche, die nicht genutzt werden konnten, weil das Larvenstadium zu fortgeschritten war. Das Absammeln kam in diesen Bereichen nicht in Frage, weil dabei Nesselhärchen hätten abfallen können. Der Parkplatz wurde stillgelegt. Nach dem ESC haben wir die Prozessionsspinner komplett beseitigt.

Dann haben Sie im Rathaus also einen guten Stand?

Steinheuser Ich denke schon, sonst hätten sie mich auch nicht gerufen.

(RP)