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Im Oktober ist Politik oft Kunst

Im Oktober ist Politik oft Kunst

Revolutionen sind unbequem. Dies ist die reale Körperempfindung der neuen Reihe "Enthusiasm" im Kleinen Haus des Schauspielhauses. Trotz des fast vierstündigen Marathons hat man dort lange nichts so aufwühlend Politisches gesehen.

"Enthusiasm I – Die Politik ist Kunst" will künstlerische und politische Avantgarden spiegeln; das gelingt vollkommen. Regisseur Kevin Rittberger, Musiker Stefan Schneider und Dramaturg Ludwig Haugk geben einen Einblick in die russische Aufbruchsstimmung nach der Oktoberrevolution. Umbrüche und Revolten sind zurzeit aktuell. Soeben wurde auf der Berlinale die Premiere der neu restaurierten Fassung von Sergej Eisensteins "Oktober" in einer Galaaufführung gezeigt. Der Düsseldorfer Weg ist steiniger und authentischer. Die Musikerin Lena Willikens stellt die unglaubliche Biografie des 1896 geborenen Physikers und Erfinders Lew Termen vor, der interkontinental gefeiert wurde. Seine Erfindung, das Theremin, das durch Frequenzveränderungen im elektrischen Feld mit Körperbewegungen gesteuert wird, untermalt mit seinen unirdischen Klängen Ingo Tomis Lesung eines Gedichttextes des Futuristen Wladimir Majakowski. Nach dieser Darbietung ist man ratlos und überwältigt von der wirren Sprachfülle.

Die Filmaufführung von Dziga Vertovs "Entuziasm", einem selten gezeigten Klassiker des sowjetischen Revolutionskinos über den Fünfjahresplan der späten 1920er Jahre, wird überzeugend live von der Karlsruher Elektronikband "Kammerflimmer Kollektief" vertont. Die Möglichkeit zur Diskussion wird aus Erschöpfungsgründen vom Publikum nicht mehr angenommen. Daher liefern die künstlerisch Verantwortlichen noch selbst drei spannende Beiträge zur Psychologie von Enthusiasmus und Euphorie.

Der erste Teil hätte problemlos für drei Abende gereicht, aber der körperliche Effekt jenseits aller Intellektualität wäre vermutlich ausgeblieben. Ohne Programmheft, ohne Erläuterungen bleibt erstaunlicherweise eine Elektrisierung, die man im Theater so oft vermisst. Die Stimmung des revolutionären Russlands, dessen Avantgarde davon träumte, neue Welten zu schaffen und die Elektrizität zur Religion zu erheben, wirkt nach.

Mag man Staffan Holms Theaterführung bisher als gediegen erlebt haben, so zeigt sich hier eine spannende neue Tendenz, die den Besuch für alle Altersschichten interessant macht. "Entuziasm II" folgt am 28. März.

Hoffentlich wird es wieder anstrengend.

(RP)