Ruhrtriennale – neu

Ruhrtriennale – neu

Interview Intendant Heiner Goebbels

Bochum Der Komponist, Regisseur, Produzent und Professor Heiner Goebbels hat als vierter Intendant der Ruhrtriennale vor knapp zwei Monaten sein Amt angetreten. Der experimentierfreudige Theatermacher gab bereits jetzt erste Programmpunkte bekannt, die auf einen Paradigmenwechsel des Nobel-Festivals hindeuten: John Cages Musiktheater-Schlüsselwerk "Europeras 1&2" und die Life-Art-Ausstellung "12 Rooms" im Essener Folkwang-Museum versprechen neue Wege ohne Beteiligung der "üblichen Verdächtigen" des internationalen Festival-Produktions-Zirkus.

Sie sind kein Freund eines Mottos für das Festival?

Goebbels Ich finde ein Thema zu eng. Es ist durchaus so, dass sich mehrere Themen ergeben, weil sich die Künstler mit ähnlichen Fragen beschäftigen. Aber ich möchte lieber deren Themen entdecken, als sie ihnen vorzugeben.

Aber Ihr eigentliches Thema ist schon Musiktheater im weitesten Sinne?

Goebbels Die Musik ist schlecht wegzudenken, selbst wenn wir über Sprache sprechen. Weil auch das Inszenieren von Texten musikalische Fragen berührt, Fragen des Rhythmus, des Kontrapunkts, der Polyphonie, der Form. Es gibt aber eine zweite Tür, die ich gern sehr weit aufmachen will, und das ist die zu den Inspirationen und Impulsen, die aus der bildenden Kunst kommen.

Die Industrieräume sind das Alleinstellungsmerkmal der Ruhrtriennale. Sie wollen darauf wieder stärker antworten?

Goebbels Oder die Räume befragen – nicht selbst Antworten geben. Eine Guckkastenproduktion würde mich für dieses Festival wirklich nicht interessieren.

Sie inszenieren John Cages "Europeras", ein Werk, das bislang kaum zu sehen war.

Goebbels "Europeras" ist ein Werk, über das ich schon seit Jahren nachdenke, weil es auf so radikale Weise die Hierarchisierung des Theaterbetriebs in Frage stellt. Nicht nur in der Art, wie es produziert wird, sondern auch darin, wie es für den Zuschauer als ein demokratisches Angebot von sehr unabhängigen Elementen funktioniert.

Cage und Performance-Kunst: Ist Ihr Programm intellektueller als das Ihrer Vorgänger?

Goebbels Nein, gar nicht – das ist eine falsche Befürchtung. Eine Shakespeare-Aufführung kann mit all dem bildungsbürgerlichen Vorwissen, das Sie glauben mitbringen zu müssen, weit weniger zugänglich sein als ein neues Werk, wo wir als Zuschauer alle mit den gleichen Voraussetzungen reingehen. Darum geht es mir auch: dass man ein Publikum nicht einschüchtert und dass es stattdessen voraussetzungslos reingehen kann. Denn das ist die Aufgabe des Festivals: dass für uns der Horizont von Kontinuität und Gewohnheit einmal im Jahr aufgerissen wird.

(RP)