Köln feiert die Götter der Antike

Köln feiert die Götter der Antike

Von Zeus bis zu Aphrodite – das Römisch-Germanische Museum in Köln bietet seinen Besuchern ab heute einen Olymp aus Marmorgestalten. 171 kostbare Leihgaben der Berliner Antikensammlung lassen die Welt der alten Griechen und Römer auferstehen – ein Erlebnis.

Köln Die Götter der Antike hatten ein schweres Schicksal. Der Mythologie zufolge waren sie in unablässige Streitereien verstrickt, und als sie dann in Marmorgestalt Tempel und andere ehrwürdige Orte des Altertums schmückten, begann des schweren Schicksals zweiter Teil. Etliche der marmornen Skulpturen gelangten in Absprache mit dem Osmanischen Reich in den Westen, überdauerten mehr als 300 Jahre bei den brandenburgisch-preußischen Kurfürsten und Königen in Spree-Athen alias Berlin und wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs als Beute nach Moskau und Leningrad verfrachtet. Erst 1958 kehrten sie von dort zurück – nach Ost-Berlin.

Inzwischen zählen sie zum Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Antikensammlung, haben sich auf Kosten einer brasilianischen Stiftung einer Restaurierungskur unterziehen dürfen und wirken makellos und glücklich wie nie zuvor. Davon kann man sich zurzeit im Römisch-Germanischen Museum neben dem Kölner Dom überzeugen, wo die ursprünglich für Sao Paulo arrangierte Schau "Die Rückkehr der Götter" nun nach mehreren Stationen, die insgesamt 570 000 Besucher begeisterten, angelangt ist – ein Gegengeschenk an Nordrhein-Westfalen, das die Preußen-Stiftung wesentlich mit finanziert.

Die Rückkehr der Götter gestaltet sich in Köln lehrreich und unterhaltsam zugleich. Den Ausgangspunkt des Rundgangs markieren die sogenannten Vatergottheiten: die Brüder Zeus, Poseidon und Hades, allesamt vollbärtig. Griechische Originale sind in diesen wie in allen anderen Fällen fast ausnahmslos durch römische Nachschöpfungen überliefert.

Zeus in Marmor gebietet Achtung, doch Anmut fließt naturgemäß vor allem aus den weiblichen Skulpturen. Aphrodite, die Göttin der Liebe, tritt uns in einer Marmorplastik nackt und mit gelöstem Haar gegenüber. Sie wringt sich nach ihrer eigenen Meergeburt den Schaum aus den Haaren. Und als bedürfte es noch eines Beweises für ihre Herkunft aus dem Wasser, taucht links neben ihr ein Delfin ab auf den Meeresboden, wo er einen Tintenfisch verschlingt. Da hat der unbekannte Künstler ganze Arbeit geleistet – und eine hochästhetische dazu.

Fast könnte man auch Apoll für eine Frau halten, so wie er sich in einer römischen Plastik leicht überlebensgroß emporreckt. Im linken Arm hält er eine Kithara, sein Saiteninstrument, das er zusätzlich auf einen Baumstamm stützt. Antik ist an dieser Plastik allerdings nur der Torso. Alles andere hat das späte 18. Jahrhundert hinzugefügt.

Geht das denn? Hätte man die Skulptur bei der Restaurierung nicht auf ihre ursprüngliche Gestalt zurückführen müssen? Andreas Scholl, Direktor der Berliner Antikensammlung, entgegnet darauf, dass man allgemein noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts so verfahren sei. In der Welt der Gelehrten aber habe sich inzwischen die Auffassung durchgesetzt, dass man anhand einer antiken Plastik auch die Geschichte ihrer Aufnahme durch die Nachwelt erleben solle.

Zu den aufregendsten Stücken der Ausstellung zählt ein kleines, fast unscheinbares Relief, das unter anderem Athene als Standbild darstellt, die Göttin der Weisheit. Neben ihr ragt eine Priesterin auf, die von der Siegesgöttin Nike auf der Hand des Kultbildes der Athene bekränzt wird. Gemeint ist damit die kolossale, zwölf Meter hohe Athene-Statue aus Gold und Elfenbein, die einst der berühmte Phidias für den Parthenon-Tempel der Akropolis schuf. Das waren noch Zeiten in Griechenland.

Der zweite Raum der Antiken-Schau steht überwiegend im Zeichen des Dionysos – eine Berliner Verbeugung vor den Kölner Gastgebern, denn der Gott des Weines, der Freude und der Fruchtbarkeit ist im Römisch-Germanischen Museum durch jenes berühmte Mosaik gegenwärtig, das die Kölner nach ihm, der Zentralfigur, benannt haben. Weingefäße, Satyrn und Festszenen öffnen dem Besucher die Augen für das heiter-beschwipste Reich, in dem Dionysos das Zepter trägt.

Am Ende wird die Schau ihrem selbst auferlegten Motto untreu, dass sie ausschließlich antike Originale zeigt. Doch man verzeiht ihr rasch, denn bei dem wandfüllenden Gipsabguss handelt es sich um die Zeus-Szenerie des Berliner Pergamon-Altars: der Göttervater im Kampf gegen die Giganten.

Das hätte man gern auch mal in Farbe gesehen. Schließlich waren die antiken Skulpturen, wie man seit langem weiß, teilweise grell bemalt. Museumsdirektor Scholl aber winkt ab. Bei vielen Skulpturen seien zwar Farbreste erhalten, doch wisse man nicht, wie sie aufgetragen waren. Weder lässt sich rekonstruieren, welche Partien wie gefärbt waren, noch ist bekannt, in welcher Dicke die Pigmente den Marmor überzogen. Eine dickpastige Malerei erscheint ausgeschlossen, denn sie hätte den kostbaren Stein verdeckt. Solch ein Kunstfehler unterläuft einem Griechen nicht. So wahr Zeus helfe.

(RP)
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