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Filmkritik: Nomadland gilt als Favorit für den Oscar als bester Film

Verleihung am 25. April : Warum „Nomadland“ die besten Chancen bei den Oscars hat

Frances McDormand gibt in dem Sozialdrama eine fabelhafte Vorstellung. Die Produktion von Chloe Zhao erzählt von Arbeitsnomaden in den USA. Sie ist voll von unglaublichen Landschaftsaufnahmen.

Der Film beginnt 2011 in Empire, Nevada. Fern packt ihre Sachen in einen Van. Das Auto hat sie umgebaut, darin ist ein Bett, eine kleine Küche und eine Toilette. Die Witwe verlässt ihre Heimat. Dort wurde jahrelang Gips abgebaut, doch nachdem das Werk geschlossen wurde, ist der Ort tot. Fern zieht es auf die Straße. Ob sie homeless sei, wird sie später gefragt. Sie schüttelt den Kopf: „Nicht homeless, sondern houseless.“

„Nomadland“ heißt der Film, der bei den Oscars von vielen als Favorit für den besten Film gehandelt wird. Sechs Mal ist er nominiert, auch Regisseurin Chloe Zhao und Hauptdarstellerin Frances McDormand dürfen sich Hoffnungen machen, am 25. April eine Auszeichnung zu gewinnen. Tatsächlich ist das ein besonderer Film, der den Zuschauer mit einem anderen Blick auf die Welt zurücklässt.

Fern ist eine von etwa neun Millionen Arbeitsnomaden in den USA. Ihr Kalender richtet sich nach den Angeboten: vor Weihnachten arbeitet sie bei Amazon, im Sommer reinigt sie die Toiletten auf einem Parkplatz in den Badlands, im Herbst fährt sie zur Rübenernte nach South Dakota.

Chloe Zhao erzählt episodisch und allmählich. Das Tempo passt sich der schweren Müdigkeit an, die nach langen Tagen am Steuer und nach Feierabend auf Ferns Lidern liegt. Kameramann Joshua James Richards inszeniert majestätische Landschaftspanoramen. „Nomadland“ berichtet zwar von prekären Zuständen, und es gibt enorm viele Schicksalsschläge zu verdauen. Aber er ist kein Elendsfilm. Im Gegenteil: Der Zuschauer begreift, wie heilsam die überwältigenden Ansichten von Kalifornien, Nebraska oder Arizona wirken können.

Das Script basiert auf dem Sachbuch „Nomaden der Arbeit“ von Jessica Bruder, das von Menschen erzählt, die in der Weltfinanzkrise 2008 ihre Häuser verloren. Viele der Personen, die Bruder für ihre Reportage traf, spielen im Film Variationen ihrer selbst. Nur Fern ist eine fiktive Figur. So ergibt sich eine wirkungsvolle neue Form, ein semifiktionaler Roadmovie, eine Dokumentation mit fiktionalem Rahmen. „Adaptiver Realismus“ wurde das in amerikanischen Kritiken genannt.

Eine der realen Personen ist Bob Wells, der nach einer Scheidung auf der Straße lebte. Der Mann, der ein bisschen wie Santa Claus aussieht, ist Initiator der „Rubber Tramp Rendezvous“ in Quartzide, Arizona, zu denen jährlich zehntausende Arbeitsnomaden kommen. Wells bietet dort Seminare etwa zu rechtlichen und finanziellen Fragen an. Die Mischung aus Kulturfestival und Coaching bildet wie das Herz des Films. Dort öffnet sich Fern, dort findet sie in Linda May eine Vertraute. Dort trifft sie David, der sie einladen wird, gemeinsam sesshaft zu werden.

Frances McDormand gibt in „Nomadland“ einer ihrer besten Vorstellungen. Sie spielt empathisch und diszipliniert. In den Szenen, in denen sie neben schauspielerischen Laien zu sehen ist, gelingt es ihr nicht nur, dass alles realistisch wirkt. Sondern wahr. Der Zuschauer kommt ihr nahe, allerdings bleibt der Kern ihrer Persönlichkeit verborgen. Man kann nur mutmaßen, was sie zu ihrem letzten Entschluss bewegt.

Denn Fern hat durchaus die Möglichkeit, ein traditionelles Leben zu führen. Ihre Schwester bietet ihr an, bei ihr zu wohnen. David, der sich offensichtlich in sie verliebt hat, ebenfalls. Aber sie flieht jedes Mal. Und obwohl sie platte Reifen nicht selbst wechseln kann, obwohl ihr Auto reparaturbedürftig ist, die Winter bitterkalt sind und die Löhne niedrig, fährt sie weiter.

„Nomadland“ ist ein Western. Er erzählt von einer Frau, die sich von der Zivilisation abgekehrt. Es gibt ein spirituelles Element in dieser Produktion. Und das geht von der Natur aus. Die Kamera folgt Fern in Felsenfelder und Sonnenuntergänge. Fern wird immer kleiner, die Natur birgt sie, und die zentrale Einstellung ist jene, in der sie nackt in einem See treibt. Fern geht zurück an den Ursprung. Es ist eine Art des Nachhausekommens. Sie kehrt heim.

Der Film, der bei den Festspielen in Venedig den Goldenen Löwen gewann, lässt seinen Figuren Luft zum Atmen. Fern agiert in einem Hallraum, der so groß und weit ist, wie man das im Kino selten erlebt. Die Kompositionen aus Licht und Wind spiegeln die Seelenzustände der Personen. Der Film erklärt nicht, er urteilt auch nicht. Es geht vielmehr darum, zu beobachten und mitzuatmen. Hinter den Bildern liegt eine große Ruhe.

Das Ende ist offener angelegt, als man es von den meisten Filmen mit ähnlichem Thema gewohnt ist. Die ungewöhnliche und selbstbewusste Entscheidung, die Fern trifft, wirkt plötzlich logisch. Das ist ein rührendes Ende. Und obwohl das Lied im Film nicht vorkommt, hat man beim Abspann ein Lied von Tom Petty im Kopf: „Into The Great White Open“.