Filmkritik "Human Nature"

Jahrhundert-Entdeckung : Doku über Forschungsrevolution

Biotechnologie im Kino: „Human Nature“ erklärt sehr gelungen die Crispr-Technik.

Darf der Mensch Gott spielen? Welche Eingriffe in die Natur sind erlaubt? Wer sich mit moderner Gentechnik beschäftigt, der stößt gleich auf die großen Fragen des Lebens. Die Wissenschaft hat eine einfache und kostengünstige Methode entwickelt, um das Erbgut von Menschen, Tieren und Pflanzen zu verändern. Das Wunderwerkzeug trägt den komplizierten Namen Crispr, die Experten bezeichnen es als Jahrhundertentdeckung der Biotechnologie, eine Revolution. Die Welt unserer Kinder werde eine durch Crispr geprägte Welt sein, prophezeit Peter Dabrock, Theologie-Professor und Vorsitzender des deutschen Ethikrats.

Doch außerhalb der Forschung kennt kaum jemand Crispr. Deshalb hat Regisseur Adam Bolt für seine Dokumentation viele Türen geöffnet. Er zeichnet ein breites Bild der Möglichkeiten. Bolt spricht mit den Entdeckern, den täglichen Anwendern und interviewt Menschen, für die Crispr eine große Hoffnung oder eine Quelle der Angst ist. „Human Nature“ ist der bisher umfassendste (aber sicher nicht vollständige) Versuch, das neue Werkzeug der Biotechnologie als Film für das Kino aufzubereiten. Ein aufregender Wechsel von Naturaufnahmen, Computeranimationen, Laboren und Menschen. Die Bilder sind so gut, dass sie auch eine große Kinoleinwand vertragen.

„Human Nature“ erzählt, wie aus der Natur eine Technik geboren wurde, die die Natur verändern wird. Der Titel darf als Wortspiel von dem, was in der Natur des Menschen liegt und der menschengemachten Natur verstanden werden. Ausgang offen: „Ich hoffe, dieser Film entlässt die Menschen mit einer gewissen Unsicherheit“, erklärt Bolt. Denn in einer Welt, in der sich Technologien so schnell entwickeln, sei „ein wenig kollektive Unsicherheit eine gute Sache“.

Adam Bolts tiefe Recherche profitiert von der finanziellen Unterstützung der Sandbox-Films als Produzenten. Sandbox will im gesellschaftlichen Auftrag Wissenschaft erklären und zielt nicht auf möglichst großen Einnahmen an der Kinokasse. Human Nature Stärke liegt darin, dass der Film sich trotz einer Wissenschaftsfreundlichkeit nur selten festlegt. Mögliche Anwendungen für Crispr müssen sich ohne Lobeshymnen rechtfertigen. Ein Junge, der auf eine Therapie für seine Erkrankung wartet, gibt beispielsweise offen zu, dass seine Krankheit zu ihm gehöre. Er sei erst durch seine Krankheit zu dem Menschen geworden, der er heute sei. Der Film reduziert Wissenschaft nicht auf schnelllebige Unterhaltung, obwohl er auch humorvoll ist. „Human Nature“ verlangt Aufmerksamkeit. Das passt zum Thema Biotechnologie.

Human Nature, USA 2019 — Regie: Adam Bolt,  91 Min.

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