Filmkritik: So ist "Das perfekte Geheimnis" mit Elyas M‘Barek

Neue Komödie mit Elyas M‘Barek : „Das perfekte Geheimnis“ – Wenn die Wahrheit zwei Mal klingelt

Die neue Komödie des Regisseurs Bora Dagtekin („Fack Ju Göhte“) handelt von den Geheimnissen, die jeder im Mobiltelefon verbirgt. Das Ergebnis ist eine gelungene Mischung aus Unterhaltsamkeit und Tiefe.

Mit der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ und vor allem durch die Schulkomödie „Fack Ju Göhte“, deren drei Folgen insgesamt 20,7 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte, gehört Bora Dagtekin zu den erfolgreichsten Regisseuren Deutschlands. Aber nachdem im letzten Teil Aushilfslehrer Zeki Müller seine chaotische Pennäler ins Happy-Abi-End geführt hatte, stellte sich auch für Dagtekin die Frage, wie das Leben nach der Gesamtschule weitergeht. Mit „Das perfekte Geheimnis“ bleibt der Regisseur zwar der Komödie treu, begibt sich allerdings in einen ganz anderen sozialen Mikrokosmos: Schluss mit prolligen Jugendlichen und Schulhof-Geplänkel, hinein ins bürgerliche Establishment.

Hauptaustragungsort des Kammerlustspiels ist eine noble Münchner Dachgeschosswohnung, in die Schönheitschirurg Rocco (Wotan Wilke Möhring) und Psychologin Eva (Jessica Schwarz) zum Abendessen geladen haben. Rocco kocht gern und schlecht. Aber das macht nichts. Schließlich haben er und seine Freunde Leo (Elyas M‘Barek), Pepe (Florian David Fitz) und Simon (Frederick Lau) bereits in der dritten Klasse einen blutsbrüderlichen Treueschwur abgelegt, der auch im Erwachsenenalter noch hochgehalten wird. Mit am Tisch sitzen auch Leos Ehefrau Carlotta (Karoline Herfurth) sowie Bianca (Jella Haase), die als Simons Verlobte erst kürzlich in den Freundeskreis aufgenommen wurde.

Mit dem Eintreffen der Gäste konstituiert sich auf der Leinwand die Atmosphäre langjähriger Vertrautheit. Man witzelt und spöttelt übereinander, wie es eben nur gute Freunde tun können. Hier zeigt sich erneut Dagtekins Talent fürs Dialogische. Im gut geölten Schlagabtausch werden die Figuren und Beziehungen zueinander skizziert. Tiefe Verbundenheit, aber auch erste Konfliktlinien werden deutlich. Da schaut und hört man gerne zu und setzt sich bereitwillig als unsichtbarer Gast mit an den Tisch.

Irgendwann, wie so oft an solchen Abenden, kreist das Gespräch um die Omnipräsenz des Smartphones in unserem Alltag. „Das sind die Flugschreiber unseres Lebens“ sagt Eva und schlägt ein Spiel vor: Alle legen ihr Mobiltelefon auf den Tisch. Eintreffende Nachrichten werden sofort vorgelesen und Anrufe auf Lautsprecher gestellt. Eine solch totale Transparenz dürfte in diesem vertrauten Freundeskreis wohl kein Problem sein, wo doch alle immer beteuern, keine Geheimnisse voreinander zu haben. Mit sichtbarem Unbehagen lassen sich die sieben Freunde auf den Vorschlag ein. Schön, dass wir da nicht mitmachen müssen und dennoch zusehen können, wie mit jeder SMS und jedem Anruf immer neue Wahrheiten ans Licht kommen, die die Vertrautheit von Freundschafts- und Liebesbeziehungen gründlich hinterfragen.

Die Prämisse von „Das perfekte Geheimnis“ stammt aus der italienischen Komödie „Perfetti Sconosciuti“ von Paolo Genovese, die sich 2016 mit 2,6 Millionen Zuschauer in Italien zum echten Exportschlager entwickelte. Nach Spanien, Frankreich, Griechenland, Korea, China, in die Türkei und zahlreiche andere Länder wurden die Remake-Rechte verkauft. Das internationale Interesse an dem Stoff liegt auf der Hand. Schließlich ist das libidinöse Verhältnis zum Smartphone, dem wir mehr anvertrauen als unseren besten Freunden, ein weltweites Phänomen.

Dagtekin hat den Stoff mit sicherem Gespür im deutsche Hier und Jetzt vernetzt. Hier geht es nicht nur um heimliche Affären und Betrügereien, sondern auch um das Rollenverständnis von Männern und Frauen im Me-Too-Zeitalter, elterliche Verantwortung, Karrieredruck, Homophobie und jede Menge enttäuschtes Vertrauen. Anders als in ähnlich gelagerten Genre-Klassikern wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ oder „Gott des Gemetzels“ steht jedoch nicht die Entlarvung bürgerlicher Scheinheiligkeit auf dem Menü, sondern die prinzipielle Frage nach der Ehrlichkeit in Ehe- und Freundschaftsbeziehungen.

Mit gewohnt leichter Hand und einem beherzt aufspielenden Ensemble inszeniert Dagtekin die hochdramatische Gruppendynamik. Nur punktuell sackt der Humor auf „Fack-Ju-Göhte“-Niveau, wenn etwa über die Gemächtgröße eines Ex-Liebhabers diskutiert wird. Aber insgesamt stimmt die Balance zwischen Unterhaltsamkeit und Tiefe, mit der es hier ans Eingemachte geht. Auf das angehängte Massen-Happy-End, mit dem alles wieder ins Lot gebracht werden soll, hätte man allerdings getrost verzichten können.

Das perfekte Geheimnis, Deutschland 2019 – Regie: Bora Dagtekin, mit Elyas M‘Barek, Jella Haase, Wotan Wilke Möhring, 111 Min., FSK ab 12

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