Filmkritik "Lara" mit Corinna Harfouch

Neuer Film von Jan-Ole Gerster : Grandioses Porträt einer Frau

„Lara“ mit Corinna Harfouch ist ein Höhepunkt im deutschen Kinojahr.

Scheinbar flüchtig zeigt die Kamera auf dem Streifzug durch die früh morgendlich verdunkelte Wohnung jene Lücke in der Regalwand. Eine große, quadratische Aussparung umgeben von Büchern. Hier muss einmal das Klavier gestanden haben, das über viele Jahre für Lara (Corinna Harfouch) und ihren Sohn Viktor (Tom Schilling) der Lebensmittelpunkt gewesen ist. Jetzt ist der Platz verwaist. Lara rückt einen Stuhl vor das geöffnete Hochhausfenster und steigt darauf. Nur das Klingeln an der Tür hindert sie daran, sich hinabfallen zu lassen. Es ist ihr 60.Geburtstag und der Tag, an dem ihr Sohn das wichtigste Konzert seiner Karriere gibt.

Kein Mensch würde diese Lara als Sympathieträgerin bezeichnen. Wenn ihr Blick sich von innen nach außen richtet, dann meistens um eine vernichtende Wirkung zu entfalten. In jungen Jahren hat Lara mit großem Ehrgeiz eine Karriere als Konzertpianistin angestrebt und ließ ihre Pläne fallen, weil sie glaubte nicht gut genug zu sein. Die enttäuschten Erwartungen an sich selbst hat die Verwaltungsangestellte auf ihren Sohn übertragen, der heute in einem mit Spannung erwarteten Konzert die eigene Komposition darbieten wird. Seine Mutter hat Viktor nicht eingeladen.

Sieben Jahre hat sich Jan-Ole Gerster nach seinem vielbeachteten Debüt „Oh Boy“ für sein Nachfolgewerk Zeit gelassen, und das Warten hat sich gelohnt. Nach einem Drehbuch des slowenischen Autors Blaž Kutin erstrahlt dieser Film geradezu in seiner narrativen Präzision. Nach und nach werden die Informationen über Bande angespielt, aus denen sich das Mosaik einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung und das Porträt einer Frau zusammensetzt, die am eigenen Ehrgeiz und den damit einher gehenden Minderwertigkeitsgefühlen zerbrochen ist.

Harfouch ist grandios als tief Titelheldin. Wo andere ins Overacting verfallen würden, geht Harfouch in den Minimalismus. Die lauernde, bissige Stimme schneidet sich förmlich durch den Kinosaal. Da reicht ein Wort, um den Sohn in die Abgründe der Verunsicherung zu stürzen. Ein wenig „muskantisch“ sei Viktors Komposition, befindet die Mutter nach dem skeptischen Studium der Notenblätter. Dennoch beginnt man diese Lara zu mögen, weil man versteht, wie sie zu der wurde, die sie ist. Ein Leben, das sich auf die Wut über das eigene Versagen definiert. Ein Versagen, das keines war, sondern sich nur auf die launische Bemerkung eines Lehrers gründet.

„Lara“ ist einer der besten deutschen Filme dieses Kinojahres, gerade auch weil Gerster die Angelegenheit trotz machtvoller Hauptdarstellerin nie zur One-Woman-Show verkommen lässt. Jede noch so kleine Nebenfigur wird mit großer Sorgfalt besetzt und zum stimmigen Charakter ausgebaut. Die mit wunderschöner Strenge durchkomponierten Bilder von Kameramann Frank Griebe finden sich in vollkommenen Einklang mit der kontrollsüchtigen Protagonistin und lassen diesen Film auch visuell als überzeugendes Gesamtkunstwerk erstrahlen.

Lara, BRD 2019 – Regie: Jan-Ole Gerster, mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, 98 Min.

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