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Volkswagen: Winterkorn im Visier

Volkswagen : Winterkorn im Visier

Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen gegen den Ex-Chef von Volkswagen aus. Inzwischen werden 37 Personen als Beschuldigte geführt - obwohl VW immer davon sprach, der Abgasskandal sei das Werk einiger weniger.

Es ist gar nicht so lange her, dass die damalige stellvertretende US-Justizministerin Sally Yates sagte: "Es sind keine multinationalen Unternehmen ohne Gesicht, die Verbrechen begehen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut."

Verbrechen - das ist ein Wort, dass so ganz anders klingt als die "Dieselthematik", von der sie in Wolfsburg gerne sprechen, wenn sie bei Volkswagen den millionenfachen Betrug bei Abgaswerten meinen. Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe ist in seiner Wortwahl zurückhaltender. Er spricht lieber von "Beschuldigten", wenn er über die Hintermänner des Diesel-Skandals spricht.

Seit einigen Monaten nutzt die Staatsanwaltschaft den Begriff auch, wenn sie über Martin Winterkorn sprechen. Sie wirft ihm vor, die Börse zu spät über den Abgasskandal informiert zu haben, in dessen Folge die VW-Aktie rasant an Wert verlor. Gestern gaben die Staatsanwaltschaft nun bekannt, dass sie die Ermittlungen sogar ausdehne.

Es gebe nun auch den "bestehenden Anfangsverdacht des Betruges und der strafbaren Werbung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb". Es hätten sich "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte" ergeben, dass Winterkorn früher als von ihm öffentlich behauptet von der Betrugssoftware bei Diesel-Fahrzeugen und ihrer Wirkung gewusst haben könnte.

Winterkorn wies die Vorwürfe erneut zurück. Sein Anwalt erklärte, gegenwärtig bleibe es bei dem, was der 69-Jährige vergangene Woche im Bundestags-Untersuchungsausschuss gesagt habe. Dort hatte Winterkorn bestritten, früher als im September 2015 von den Manipulationen erfahren zu haben. Damals war der Abgasskandal durch die US-Umweltbehörden öffentlich gemacht worden. "Ich bin ja kein Software-Ingenieur", hatte er zur Entschuldigung vorgebracht.

Er sprach von tiefer Bestürzung darüber, "dass wir Millionen unserer Kunden enttäuscht haben". Das belaste ihn ganz besonders, habe er doch sein gesamtes Berufsleben dem Streben nach allerhöchster Produktqualität gewidmet.

Der 69-Jährige ist ein Autonarr, berüchtigt für seine Detailversessenheit. Immer wieder ließ er sich Fahrzeuge zur persönlichen Prüfung vorführen, nicht nur aus den VW-Werken, sondern zum Beispiel auch aus Ingolstadt. Seit Winterkorn nicht mehr da ist, heißt es dort bei der VW-Tochter Audi, müsse man viel seltener Fahrzeuge nach Wolfsburg bringen.

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Man kann sich gut vorstellen, wie dieser Perfektionist, der es als Aufsteiger bis an die Spitze des größten Industriekonzerns Europas gebracht hat, leiden muss. Im September 2015, als der Skandal bekannt wurde und Winterkorn wenig später zurücktreten musste, fiel der zuvor gefeierte Manager von 100 auf Null.

Plötzlich muss er Berichte lesen, in denen von einem "Schreckensregime" die Rede ist. Plötzlich werden, so wie in den vergangenen Tagen laut "Bild" in München, seine Villa im Stadtteil Oberföhring und sein Büro in der Innenstadt durchsucht.

Er ist das Gesicht des Skandals, in den Ermittlungsakten der Staatsanwälte jedoch nur einer von vielen. Insgesamt 28 Gebäude wurden nämlich auch in der Gegend um Braunschweig und Wolfsburg durchsucht. Die Zahl der Beschuldigten erweiterte die Behörde von bislang 21 auf nun 37.

Stück für Stück kämpfen sich die Ermittler durch die Terrabyte von Daten, die sie gesichert haben, durch Dokumente und Vernehmungsprotokolle.

Es gibt Anwälte, die gegen Volkswagen klagen, die die Arbeit der Staatsanwaltschaft Braunschweig sehr kritisch beurteilen. Dort würde halbherzig ermittelt, heißt es dann. Das sei jedoch auch kein Wunder, immerhin sei deren Dienstherr das Land Niedersachsen - und das wiederum sei ja an VW beteiligt und mit dem Ministerpräsidenten und dem Wirtschaftsminister auch im Aufsichtsrat vertreten. Das "Handelsblatt" schrieb zuletzt, dass das Wissen, was unter Martin Winterkorn bei VW passiert sei, überwiegend aus der Arbeit der amerikanischen Justiz stammen würde. Dort wurde der Abgasskandal zunächst aufgedeckt, dort wurden bereits Volkswagen-Manager verhaftet, wurden Kronzeugen präsentiert. Dort bemühte sich das Unternehmen schnell um Vergleiche, auch wenn sie samt Strafzahlungen knapp 20 Milliarden Dollar kosteten.

Doch das will Klaus Ziehe so nicht stehen lassen: "Sie können davon ausgehen, dass die Quellen der Erkenntnis auf beiden Seiten des Atlantiks sprudeln." Und je mehr sie sprudeln, umso klarer wird, dass die von VW zunächst verbreitete These, dass dieser Abgasskandal die Tat von ein paar Einzeltätern sei, genauso wenig realistisch ist wie die in der Vergangenheit angegebenen Abgaswerte beim Diesel.

(frin)