Nach Schlag gegen Kinderporno-Netzwerk Missbrauchsbeauftragter fordert mehr Befugnisse für Ermittler

Berlin · Unter den Bildern und Videos, die sich die Mitglieder der Plattform „Boystown“ im Darknet schickten, sollen sich auch Aufnahmen des schwersten sexuellen Missbrauchs von Kleinkindern befunden haben. Vier Männer wurden festgenommen. Die Plattform ist mittlerweile abgeschaltet. Experten klagen über zu starken Datenschutz, der bessere Ermittlungen verhindert.

 Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, bei einer Pressekonferenz in Berlin. (Archiv)

Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, bei einer Pressekonferenz in Berlin. (Archiv)

Foto: dpa/Fabrizio Bensch

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die Ermittlungen gegen ein Kinderporno-Portal im Darknet begrüßt und Nachbesserungen der Politik gefordert. „Der Schlag gegen das Kinderporno-Portal ,Boystown‘ ist ein wichtiger Erfolg der Ermittler“, sagte er, fügte aber hinzu: „Diese unbeschreiblichen Verbrechen müssen noch besser bekämpft werden. Leider stehen sich dabei bislang Daten- und Kinderschutz diametral gegenüber.“

Nach mehrmonatigen Ermittlungen war der Polizei die Zerschlagung einer der weltweit größten Kinderpornografie-Plattformen gelungen. Drei Männer wurden in Deutschland festgenommen und ein weiterer Tatverdächtiger in Paraguay gefasst, wie das Bundeskriminalamt (BKA) am Montag in Wiesbaden mitteilte. Die Darknetplattform soll mehr als 400.000 Mitglieder gehabt haben und international ausgerichtet gewesen sein. Unter den geteilten Bild- und Videoaufnahmen hätten sich auch Aufnahmen des schwersten sexuellen Missbrauchs von Kleinkindern befunden.

Ermittler des BKA und der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hatten Mitte April sieben Objekte in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hamburg wegen des Verdachts der bandenmäßigen Verbreitung von kinderpornografischen Inhalten durchsucht und die drei Männer festgenommen. Zeitgleich sei auf Ersuchen der deutschen Strafverfolgungsbehörden die Festnahme eines weiteren mutmaßlichen Bandenmitglieds in Paraguay erfolgt. Alle vier Beschuldigten haben demnach die deutsche Staatsangehörigkeit.

Bei den drei Hauptbeschuldigten handele es sich um einen 40 Jahre alten Mann aus dem Kreis Paderborn, einen 49 Jahre alten Mann aus dem Landkreis Mühldorf am Inn in Bayern und einen 58 Jahre alten, aus Norddeutschland stammenden Mann, der seit mehreren Jahren in Südamerika lebt. Ihnen werde vorgeworfen, die kinderpornografische Darknetplattformen als Administratoren betrieben zu haben, erklärte das BKA. In dieser Funktion sollen sie maßgeblich mit der technischen Umsetzung der Darknetseite, der Einrichtung und Wartung der Serverstruktur und der Mitgliederbetreuung auf der Plattform beschäftigt gewesen sein.

Die Plattform mit dem Namen „Boystown“ hatte nach Erkenntnissen der Ermittler seit mindestens Juni 2019 existiert und war ausschließlich über das sogenannte Darknet zu erreichen. Dabei sei es vor allem um den weltweiten Austausch von Missbrauchsaufnahmen von Jungen unter den Mitgliedern gegangen.

„Dieser Ermittlungserfolg hat eine klare Botschaft: Wer sich an den Schwächsten vergeht, ist nirgendwo sicher“, betonte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). „Dafür arbeiten die Fahnder Tag und Nacht, online und offline, weltweit. Wir ziehen die Täter zur Rechenschaft und tun das Menschenmögliche, um Kinder vor so widerwärtigen Verbrechen zu schützen.“ Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) sprach von einer „widerwärtigen Plattform“ und lobte ebenfalls den Ermittlungserfolg bei der Bekämpfung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

Rörig forderte Nachbesserungen. „Hunderttausende Kinder werden gequält, gefoltert, vergewaltigt, damit Täter und Täterinnen auf solchen Portalen ihre sexuellen Gewaltfantasien gegen Kinder ausleben können“, sagte er. Dazu nannte er neue Zahlen: „Die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2020 weist 18.761 Strafanzeigen wegen sogenannter Kinderpornografie aus. Das ist eine Steigerung um erschreckende 53 Prozent, die nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass stärker hingeschaut wird in der Gesellschaft“, sagte Rörig. Er forderte Konsequenzen: „Diese unbeschreiblichen Verbrechen müssen noch besser bekämpft werden. Leider stehen sich dabei bislang Daten- und Kinderschutz diametral gegenüber. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Messengerdiensten wie Whatsapp oder Telegram erlaubt es den Täternetzwerken, weitgehend geschützt zu sein. Diese Verschlüsselung muss aufgeweicht werden“, sagte der Missbrauchsbeauftrage. „Der Fall Metzelder hat gezeigt, dass hier nur ein aufmerksames persönliches Umfeld hilft, Täter zu überführen. Ich würde mir wünschen, dass der nächste Bundestag eine Enquete-Kommission einsetzt, um ein eine neue Balance  zwischen Datenschutz und besserem Kinderschutz zu finden.“ Außerdem sollten IP-Adressen auf Computern künftig sechs Monate gespeichert werden, zudem brauche man eine EU-konforme Vorratsdatenspeicherung, forderte Rörig. „Alle Bundesländer sollten sich an Nordrhein-Westfalen ein Beispiel nehmen und die Ermittlergruppen vergleichbar gut ausstatten“, sagte er.

(jd/dpa)
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