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Stahlfusion: Thyssenkrupp macht Druck auf Tata

Stahlfusion : Thyssenkrupp macht Druck auf Tata

Konzernchef Hiesinger glaubt nicht, dass er einen Plan B braucht für den Zusammenschluss mit dem Wunschpartner in Europa.

Rund um den Ruhrcongress in Bochum ragen zahlreiche Pappschilder aus dem Boden: "Ohne Stahl kein Auto", "Ohne Stahl keine Brücken", "Ohne Stahl keine Gebäude" und so weiter. Die Thyssenkrupp-Beschäftigten, präziser gesagt: die Stahlarbeiter sind in Aufruhr. Das wird den Aktionären des Konzerns deutlich, als sie vom Parkhaus zum Tagungsort der Hauptversammlung pilgern und sich ihren Weg durch die vor dem Einlass in der Kälte ausharrenden Demonstranten bahnen müssen: "Wir schaffen Werte - Missmanagement vernichtet sie" steht auf einem Plakat. Die Stimmung ist kämpferisch.

Willi Segerath, Konzernbetriebsratschef, gesellt sich an diesem Morgen nicht zu den demonstrierenden Kollegen. Er ist in anderer Funktion in Bochum: als Aufsichtsrat. Doch auch er macht aus seiner Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation kein Hehl, als er seinen Aktenkoffer an der Sicherheitsschleuse des Besuchereingangs auf das Durchleuchtungsband legt. Ob er sich neue Erkenntnisse von der Rede des Konzernchefs Heinrich Hiesinger erwarte? Segerath schüttelt den Kopf. "In den Gesprächen mit dem Management über die im Stahl geforderten Einsparungen hören wir ja auch nichts Konkretes." Und angesprochen auf die mögliche Fusion mit Tata: "Von einer solchen Fusion halte ich gar nichts." Sagt es und verschwindet in Richtung Saal.

Die Anspannung bei einem der wichtigsten deutschen Industriekonzerne ist nahezu mit den Händen greifbar. Die Verhandlung über eine mögliche Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel, dazu die vom Management verlangten Einsparungen im Stahl, der verloren gegangene australische U-Boot-Großauftrag und Korruptionsfälle - all dies sorgt nicht gerade für Ruhe im Unternehmen. Der Industriekonzern musste im abgelaufenen Geschäftsjahr Rückgänge beim Auftragseingang, Umsatz und Ergebnis verschmerzen. Viele Aktionäre sind beunruhigt. Die Dividende fällt mit 15 Cent bescheiden aus. "Thyssenkrupp ist immer noch ein Koloss auf tönernen Füßen", sagt Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment.

Der Konzernchef spricht dagegen von einem "nicht einfachen Jahr". Die Gründe dafür sind aus seiner Sicht insbesondere Faktoren, die sich nur schwer oder gar nicht beeinflussen lassen - etwa die Billigimporte aus China. Auch der Fakt, dass das Eigenkapital weiter abgeschmolzen ist - allein im vergangenen Geschäftsjahr um 900 Millionen auf 2,6 Milliarden Euro -, liegt dem Management zufolge an den Niedrigzinsen, die die Pensionsverpflichtungen in die Höhe schnellen ließen.

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Das bestimmende Thema der Hauptversammlung bleibt aber die Zukunft des Stahls. Hiesinger wirbt erneut für die Fusion in Europa: "Seit Jahren verdienen wir unsere Kapitalkosten nicht. Und das, obwohl Steel Europe zu den zwei profitabelsten Herstellern in Europa gehört." Sparprogramme verschafften dem Konzern nur kurzfristig eine Atempause. "Ohne grundlegende Änderungen würden wir unweigerlich ein Restrukturierungsprogramm nach dem anderen anstoßen müssen." Ob, wann und mit wem ein Konsolidierungsschritt kommen werde, sei aber weiterhin offen. "Tata müsste zum Beispiel eine tragfähige Lösung für die hohen Pensionsverpflichtungen in Großbritannien finden", sagt er mit Blick auf die Gespräche mit dem indischen Konzern, der unter anderem ein Stahlwerk im walisischen Port Talbot betreibt. "Vorher ist ein Joint-Venture mit diesem Partner nicht möglich, sonst wären die Risiken zu hoch." Allerdings macht Hiesinger Fortschritte aus. "Solange wir Dynamik sehen macht es Sinn, diesen Weg weiterzugehen." Weil er sowohl Fortschritte bei den Amerika-Aktivitäten der Stahlsparte als auch bei der Frage nach Konsolidierungen in Europa sehe, gebe es keinen Plan B, sagt Hiesinger.

Unabhängig von Fusionsplänen hält der Konzernchef an seinem Stahl-Sparprogramm fest. Die Gespräche dazu würden wohl noch bis zum Frühsommer dauern, Entscheidungen über das Schließen von Standorten oder Anlagen gebe es noch nicht. Dass Hiesinger langfristig den Stahlanteil herunterfahren will, macht er an anderer Stelle deutlich: "Unser Ziel ist es, den Anteil der Industriegüter- und Dienstleistungsgeschäfte auszubauen und profitabel zu wachsen." Die Beschäftigten dürfte das nicht gerade beruhigen.

(maxi)