1. Wirtschaft
  2. Wirtschaft im Wandel

Dermanostic aus Düsseldorf bringt Hautarzt per App in die Hosentasche

NRW - Wirtschaft im Wandel (10/11) : Der Hautarzt in der Hosentasche

Viele Menschen gehen trotz Beschwerden nicht zum Hautarzt. Die Firma Dermanostic bringt ihn daher auf digitalem Wege zu ihnen nach Hause – oder auch in Apotheken. Denn viele von ihnen sehen in einer Kooperation mit dem Start-up viel Potenzial.

Das Muttermal sieht komisch aus. Muss ich das untersuchen lassen? Aber dafür zum Hautarzt? Muss ich mir wegen des Sonnenbrands Sorgen machen? Was ist das denn plötzlich für ein Ausschlag? Puh, warum juckt das denn so?

Immer wieder stellen sich Menschen diese und ähnliche Fragen – oder aber sie stellen sie Alice Martin und Estefanía Lang. Immer wieder wandten sich Freunde und Bekannte bei Problemen mit der Haut an die beiden Dermatologinnen, schickten Fotos per Whatsapp oder suchten per Chat nach Rat. Und irgendwann dachten sich die beiden Ärztinnen: Könnte man nicht eine Lösung machen, mit der man mehr Menschen bei solchen Problemen hilft?

Dermanostic vermittelt Patienten an Hautärzte

Im Oktober 2019 gründeten sie, gemeinsam mit ihren beiden Ehemännern Ole Martin und Patrick Lang, Dermanostic. Per App vermittelt das Düsseldorfer Start-up Patienten mit einem Hautproblem an Dermatologen, die dann wiederum innerhalb von maximal 24 Stunden auf Basis von Beschreibungen und Bildern der Patienten eine Diagnose erstellen. Rezepte werden, sofern benötigt, zugeschickt oder direkt bei einer Apotheke hinterlegt. Den Hautarzt hat man dadurch quasi immer in der Hosentasche dabei.

Mehr als 3000 Patienten hat Dermanostic inzwischen behandelt – doch die Gründer sind überzeugt, dass es noch viel mehr Potenzial gibt. „Es gibt zum Beispiel kaum Hautärzte, die Altenheime besuchen. Da wird viel zu wenig Energie investiert – und am Ende landen die schlimmen Fälle in der Klinik“, sagt Ole Martin. Anders formuliert: Die App von Dermanostic kann auch bei der Prävention helfen. „Durch Corona hat Telemedizin einen Schub bekommen. Trotzdem ist sie auf dem Markt noch nicht etabliert. Viele Menschen glauben gar nicht, dass auf der anderen Seite der App ein echter Arzt sitzt“, sagt Alice Martin. Sie und ihre Mitgründer wollen den Gesundheitsmarkt daher verändern, ohne die niedergelassenen Hautärzte zu ersetzen.

Auch Google hat schon Hautveränderungen analysiert

Der Gesundheitsmarkt ist einer der größten Märkte weltweit. Und gleichzeitig einer der kompliziertesten und sensibelsten. Gesundheitsdaten der Patienten müssen besonders gut vor dem Zugriff Dritter geschützt werden, ein Fehler kann hier dauerhaft das Vertrauen beschädigen.

Das ist auch ein Grund, warum Dermanostic beim Einsatz künstlicher Intelligenz aktuell eher zurückhaltend agiert. Technisch wäre es möglich, die Aufnahmen von der Haut nicht von Ärzten, sondern einer Software analysieren zu lassen. Ein Arzt würde dann das Ergebnis nur noch überprüfen. Doch Dermanostic müsste dafür aktuell auf externe Anbieter zurückgreifen – weshalb man zunächst verzichtet, bis ein eigener Datenbestand aufgebaut ist. „Man braucht circa 80.000 Bilder, um eine künstliche Intelligenz zu trainieren“, sagt Ole Martin: „Google hat schon Hautveränderungen analysiert, aber nur die zehn häufigsten. Ich bin mir sicher, dass auch in fünf Jahren noch ein Arzt den Fall beurteilen wird.“

Der Kontakt zum Arzt soll bei Dermanostic zentral bleiben

Bei Dermanostic soll der Kontakt zum Arzt daher auch in Zukunft zentral bleiben – speziell bei heiklen Fällen. Denn Akne, Gürtelrose oder Herpes sind einerseits zwar die häufigsten Fälle, die Dermanostic erreichen. Andererseits gab es aber auch schon Fälle, in denen die Diagnose Hautkrebs lautete. In solchen Momenten, sagt Alice Martin, werde der Patient persönlich angerufen. „Obwohl wir eine App betreiben, bleiben wir Ärzte. Und wir sprechen auch von Patienten und nicht von Kunden“, betont sie. Daher gehören zum Team, das inzwischen aus 13 Leuten besteht, auch Krankenschwestern, die alle Patienten nach zwei bis drei Wochen anrufen, um zu klären, wie es ihnen geht und ob die Behandlung angeschlagen hat.

Mit dieser Mischung aus Mensch und Technik will Dermanostic, das bislang von Business Angels finanziert wird, nun weiter wachsen. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten von 25 Euro pro Behandlung bereits, gesetzliche noch nicht.

Apotheken bemühen sich verstärkt um Kooperationen

Dafür bemühen sich laut Alice Martin zahlreiche Apotheken verstärkt um eine Kooperation – auch aus Eigeninteresse, weil die Konkurrenz in ihrem Geschäft durch Online-Anbieter zunimmt. Viele stationäre Apotheken suchen daher laut Martin nach neuen Ideen: „Umgekehrt kommen immer wieder Patienten in die Apotheke, die einen Ausschlag haben und eine Salbe wollen.“ Diese könnten dann zunächst eine Behandlung bei Dermanostic kaufen und sogar direkt vor Ort durchführen – entweder mit dem eigenen Smartphone oder per Tablet, das das Start-up den Apotheken zur Verfügung stelle. Auch einige Unternehmen würden das Angebot bereits im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements einsetzen.

Die vier Ärzte wollen den Wandel der Medizin mit ihrem Start-up weiter vorantreiben, denn schon jetzt wäre aus ihrer Sicht viel mehr möglich: „Wir könnten mit unseren System theoretisch bis zu 5000 Patienten pro Tag behandeln“, so ihr Credo.