NRW – Wirtschaft im Wandel (1/11) : Schauspiel trotz Corona

2003 rutschte das Kinder- und Jugendtheater in die Insolvenz und erfand sich neu. Nun ist erneut Kreativität gefragt.

Theater ist auch nicht mehr das, was es mal war. Wie auch, angesichts der zahlreichen Veränderungen, die durch die Corona-Pandemie angestoßen wurden und die vor, auf und hinter der Bühne ein Umdenken erfordern. Dieser Herausforderung hat sich das Junge Theater Bonn (JTB) nun gestellt und mitten in der Krise nach neuen Formaten gesucht. Mit Erfolg. Eine Open-Air-Version von Rudyard Kiplings „Das Dschungelbuch“ lockt derzeit pro Vorstellung zwischen 400 und 500 Besucher in die Rheinauen, während gleichzeitig die Proben für ein virtuelles TKKG-Stück laufen, das fast vollständig in der digitalen Sphäre spielen soll. So wird aus der Not eine Tugend, wie so oft in der 51-jährigen Geschichte des Hauses.

Kein Wunder also, dass die hochkarätig besetzte Jury des Wettbewerbs „NRW-Wirtschaft im Wandel“ das JTB in diesem Jahr als eines von elf Unternehmen für seine Wandlungsfähigkeit auszeichnet. „Es ist für uns eine erfreuliche Überraschung, dass wir zu den Preisträgern gehören“, betont Intendant Moritz Seibert. Gerade in dieser schwierigen Zeit sei das auch ein riesiger Motivationsschub für das ganze Team.

Seit Jahren hat das Junge Theater Bonn eine Vorreiterrolle in der deutschen Theaterlandschaft inne. Schon unmittelbar nach der Gründung durch Helmut Tromm und seine Frau Heidi Scholz-Tromm im Jahr 1969 machte das Haus, damals noch unter dem Namen „Theater der Jugend“, von sich reden, als es die Kinder und Jugendlichen in den Stücken mit Gleichaltrigen besetzte, mit Laien also, die sich aus der Schülerschaft der Bundesstadt rekrutierten und die an der Seite von professionellen Schauspielern zum Teil ihre ersten Schritte auf der Bühne machten.

Damals zum Teil umstritten, ist das Modell längst etabliert und bis heute der Motor des JTB-Erfolgs. „Wir verzeichnen im Jahr rund 140.000 Besucher“, erklärt Seibert. „Damit gehören wir zu den zehn bestbesuchtesten Privattheatern in Deutschland, und bei den Kinder- und Jugendtheatern führen wir das Feld an.“

2003 sah das noch anders aus. Damals rutschte das Junge Theater in die Insolvenz, nachdem das Gründungsehepaar Tromm sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Leitung zurückgezogen hatte. „Damals wie heute befanden wir uns in einer Krise, die uns als Team alles abverlangte“, sagt Seibert, der zu jener Zeit gerade erst die Intendanz des Hauses übernommen hatte. „Auf der einen Seite erleben wir momentan eine enorme Welle der Solidarität, weil ja wirklich alle Menschen auf die ein oder andere Art und Weise von Corona betroffen sind und die Gesellschaft dadurch ein Stück weit zusammenrückt. Auf der anderen Seite hängen wir aber in der Luft und warten darauf, dass irgendein Pharmakonzern einen Impfstoff entwickelt. Vor 17 Jahren konnten wir die strukturellen Probleme wenigstens aktiv angehen.“ Man entschied sich, das Programm noch konsequenter an den Interessen der Besucher auszurichten – etwa mit den Uraufführungen diverser Cornelia-Funke-Adaptionen wie „Herr der Diebe“ (2004), „Drachenreiter“ (2005) oder „Tintenherz“ (2006), aber auch mit ernsten Stoffen wie dem Homosexuellen-Drama „Beautiful Thing“ (2008) oder „Nichts“ (2013).

Seit dem Abschluss des Insolvenzverfahrens 2004 konnte das Theater die Besucherzahl rund vervierfachen, der Etat wurde in der Vor-Corona-Zeit zu rund 80 Prozent aus eigenen Einnahmen bestritten – ein in der hochsubventionierten Theaterszene exzellenter Wert.

„Das Theater ist ein Ort, an dem in fiktiven Geschichten eine Verständigung über die Werte und Normen in unserer Gesellschaft stattfindet“, betont Seibert. „Insbesondere angesichts der Corona-Krise müssen wir nun herausfinden, wie wir diese Aufgabe bewältigen und trotzdem den derzeit leider notwendigen Abstand halten können. Insofern müssen wir versuchen, neue Räume zu erschließen.“ Etwa in der digitalen Welt.

„Ich bin sehr gespannt, wie unser TKKG-Experiment angenommen wird, wenn wir es vom 5. bis 13. September aus dem Telekom-Forum senden werden“, gesteht Seibert. „Es ist nicht einfach, in diesem Medium eine theatrale Qualität zu erzeugen.“ Doch die brauche es, um sich in diesem Experiment per Video-Stream vom Film abzuheben.

Ab Anfang Oktober will das Junge Theater Bonn zudem wieder die eigene Bühne im Stadtteil Beuel bespielen, in der Hoffnung, dass das Publikum sich bis dahin auch wieder in einen Theatersaal wagt. „Wir werden sicherlich noch einige Zeit mit Einschränkungen und Einbußen rechnen müssen“, glaubt Seibert, „zumindest bis das Virus seinen Schrecken verliert. Dennoch gibt es mehr als genug Geschichten, die wir gerade jetzt erzählen und diskutierten sollten.“