Brigid Wefelnberg: Bei Ultraläufen entscheidet der Kopf

Ultraläuferin Brigid Wefelnberg : Diese Frau ist Ironwoman

Brigid Wefelnberg läuft Hunderte Kilometer am Stück durch Wüsten. Der Kopf sei entscheidend, sagt die 55-Jährige. Und der Verzicht.

Brigid Wefelnberg kommt leicht ins Schwärmen, ist enthusiastisch, lebensfroh. Wenn es aber etwas gibt, das sie aufregt, dann sind das Menschen, die viel wollen, denen es aber an Selbstdisziplin fehlt. Wenn man etwas erreichen will, muss man viel dafür tun, ist ihr Mantra. „Für große Ziele fehlt es den meisten Menschen einfach an Selbstdisziplin“, sagt sie. Sie erlebe das immer wieder: Regelmäßig spricht sie bei Vorträgen über ihre Abenteuer, mal vor mehr, mal vor weniger Publikum. Immer wieder kommen dann Leute, die wissen wollen, ob sie das, was Wefelnberg tut, auch könnten. Die Antwort lautet dann fast immer: leider nein. Das sagt sie ganz unverblümt, aber sachlich. „Man sollte seine Ziele realistisch einordnen.“

Wefelnberg ist Ultraläuferin. Sie rennt Hunderte Kilometer durch unwirtliche Landschaften, Wüsten aus Stein, Sand oder Eis, über Berge und durch Täler. Bei dem Rennen „The Track“ in Australien etwa lief die 55-Jährige 520 Kilometer in Etappen durch das Outback. In 92 Stunden. „The Track“. So heißt auch das Buch, das Wefelnberg nun veröffentlicht hat. Es erzählt ihre persönliche Geschichte.

Selbst im ewigen Eis ist sie schon gerannt. 90 Kilometer bei tiefen Minusgraden. Aber das müsse sie nicht wieder machen, sagt sie. Dann lieber brüllende Hitze. Die Lebensgefahr, die bei den Rennen immer mitläuft, besonders, wenn sich ein Läufer mal verläuft, versucht sie auszublenden.

Wefelnberg stammt aus den USA. Dort war sie Leistungsschwimmerin, Ende der 1980er Jahre kam sie nach Deutschland, um zu studieren. Im Schwarzwald suchte sie Erholung beim Wandern. Bald wurden die Touren länger und länger. Weil sie keinen Führerschein hatte und gut zu Fuß war, beschloss sie, den 18 Kilometer langen Weg zu ihrer Arbeitsstelle einfach zu gehen. In dem Gebäude, in dem sich ihr Büro befand, war auch eine Polizeiwache. Die Beamten erlaubten Wefelnberg, in ihren Räumen zu duschen.

14 Jahre ist es inzwischen her, dass aus der Wanderin eine Extremläuferin wurde. Angestoßen wurde die Wandlung durch eine Textnachricht. Ein Freund wollte wissen, ob sie nicht Lust hätte, an einem 250-Kilometer-Lauf durch die Sahara teilzunehmen, dem damals härtesten Ultramarathon der Welt. „Heute bin ich sehr dankbar dafür“, sagt Wefelnberg, die zuerst am Geisteszustand ihres Bekannten gezweifelt hatte. Dann aber ließ sie die Idee nicht mehr los. Seit ihrem ersten Lauf macht Wefelnberg jedes Jahr bei vier Rennen mit. „Den inneren Schweinehund kenne ich nicht“, sagt sie. „Ich mache meine Sachen einfach.“

Als Training absolviert Wefelnberg heute alle paar Tage längere Läufe, wie sie sagt. Sie meint damit Strecken von 20 bis 60 Kilometern. 60 Kilometer, das sind eineinhalb Marathons. Heute arbeitet Wefelnberg für ein indisches Unternehmen, meistens im Homeoffice. An zwei Tagen in der Woche arbeitet sie in einem Büro in Frankfurt.

Die 55-Jährige sagt, sie habe keine einfache Antwort darauf, warum sie sich das alles antue, andererseits stellt sie fest: „Im Alltag ist der Kopf voll mit Arbeit, Familie und Pflichten, aber wenn ich laufe, schalte ich in eine andere Dimension.“ Und sie schwärmt von den Gegenden, die sie dank ihrer Läufe kennenlernen durfte: die Wüste Gobi und die chinesische Mauer zum Beispiel. Und von der grenzenlosen Natur, den Ecken, in die sonst nur wenige Menschen kommen. „Das ist einfach nur geil“, sagt sie. „So weit ab vom Schuss zu sein. Langweilig wird es während der langen Läufe nie, im Gegenteil, es ist extrem spannend. Man steigt aus dem Alltag aus und in einen Film. Und man sagt: Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich.“

Bei den Läufen gibt es Ärzte, die sich um die Teilnehmer kümmern. Um teilnehmen zu dürfen, brauchen die Athleten mindestens ein ärztliches Attest. Bei manchen Läufen müssen die Athleten eine gewisse Zahl absolvierter Läufe nachweisen, um an den Start gehen zu dürfen. Andere Rennen wiederum suchen sich die Teilnehmer aus. „Ohne Einladung kann man da nicht teilnehmen“, sagt Wefelnberg. „Ich mag diese strengen Läufe.“ Ihre Unterkünfte und Reisen organisiert sie selber. Bei den großen Läufen ist meistens nur die erste und letzte Übernachtung organisiert. Wer die Reisen nicht koordiniert bekomme, der solle gar nicht erst antreten, sagt die 55-Jährige.

Wer die Geschichte der Deutsch-Amerikanerin hört, könnte es sich leicht machen und behaupten, das Laufen sei für Wefelnberg Traumabewältigung. Wefelnbergs Kindheit klingt wie die aus einem amerikanischen Familiendrama. Ihre Mutter war Alkoholikerin, misshandelte sie und ihre Geschwister. Ihr Vater machte sich mit seiner Sekretärin vom Acker. „Die Eltern, die Kindern Stärke verleihen sollten, waren nicht präsent“, sagt Wefelnberg. So einfach, wie sie klingen, sind die Zusammenhänge aber nicht. Die Extremsportlerin behauptet, die Zeit habe sie gestärkt statt geschwächt. „Ich habe gelernt, meiner eigenen Stärke zu vertrauen“, sagt sie. „Mir zu sagen: Ich bin wertvoll, ich schaffe das.“

Anders sei es gar nicht möglich Ultra-Rennen zu laufen. „Der Kopf ist maßgebend. Wenn der Kopf frei ist, kann man alles aushalten.“ So überstand sie sogar einmal 270 Kilometer mit einer gebrochenen Rippe, die ein Arzt nach dem Sturz mit einem Druckverband notdürftig zusammengeflickt hatte. Auch mit einer Schienbein-Entzündung ist sie schon weitergelaufen, eng werde es nur mit Ermüdungsbrüchen und derartigem. „Der Kopf entscheidet, ob ich durchkomme oder nicht“, sagt Wefelnberg. „Es hat Zeiten gegeben, in denen ich gar nicht hätte antreten müssen, weil mein Kopf so voller Dinge war.“ Dinge, die mit ihrem Erwachsenenleben zu tun hatten, aber nicht mit ihrer Kindheit.

Die 55-Jährige ist zweifache Mutter, die Kinder sind längst ausgezogen. Sie will so lange weiterlaufen, wie es geht. Und es geht gut. Die Extremläuferin, die im Schwarzwald lebt, erreicht noch gute Platzierungen bei ihren Läufen. „Die Frage nach meinem Karriereende hätte ich früher nicht beantworten wollen“, gesteht Wefelnberg. „Heute sage ich, dass ich keinerlei Reue verspüre, wenn es mal so weit ist. Ich bin sehr dankbar für das Erlebte.“ Der Meinung, man solle mit 40 Jahren mit dem Hochleistungssport aufhören entgegnet sie entschieden: „Da sage ich: Nix da!“

Ihr Leben lang hat sie verzichtet, um sich ihre Träume vom Sport verwirklichen zu können. Auf ein Auto, auf Freizeit, auf Müßiggang. „Man muss seinen Alltag schon nach dem großen Ziel ausrichten“, sagt Wefelnberg. „Was will ich jetzt, und was will ich am meisten? Da muss man sich entscheiden.“ Wefelnberg will laufen. Dafür war sie nun einige Tage auf Fuerteventura. „Ein Boot-Camp“, sagt sie. „Morgens arbeiten, nachmittags, Powerwalking und Dünenläufe.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Brigid Wefelnberg: die aufregenden Bilder ihrer Extremläufe

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