Christoph Wahler ist die Hoffnung der Vielseitigkeitsreiter

Vielseitigkeitsreiter Christoph Wahler : Im Galopp durchs Gelände

Christoph Wahler ist auf einem Pferdehof groß geworden. Sein Vater war Vielseitigkeitsreiter. Da lag die Entscheidung für den Sport nahe. Inzwischen zählt er zu den größten Hoffnungen der deutschen Reiter.

Der muskulöse Schimmel galoppiert in Höchsttempo auf die Baumstämme zu. Wenn er mit seinem Reiter im Sattel abhebt und einen langen Satz über das Hindernis macht, springt auch das Risiko mit. Jedes Zögern, jeder Fehler, jeder Schritt zu viel oder zu wenig kann zum Verhängnis werden. Im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Vielen Zuschauern stockt an den Hindernissen der Atem. Reiter und Pferd müssen gelassen bleiben, sich voll konzentrieren, damit sie unverletzt durch den Parcours kommen.

So erlebt es auch Christoph Wahler Wettkampf für Wettkampf. Schon als 14-Jähriger wagte er sich mit seinem Pony ins Gelände. Heute ist er 25 Jahre alt, sitzt auf Pferden und ist eine der größten Nachwuchshoffnungen im deutschen Vielseitigkeitsreiten. 2016 nahm ihn die Deutsche Reiterliche Vereinigung in die Perspektivgruppe Vielseitigkeit in Warendorf auf. Dort lebt Wahler nun auch. Parallel studiert er in Osnabrück Landwirtschaft. Irgendwann will er den Stall Klosterhof Medingen seiner Eltern in Bad Bevensen übernehmen.

Erst einmal ist aber die Karriere dran. Die plant er sorgfältig, und deshalb entschied er sich auch, nach Warendorf zu ziehen. „Hier kann ich mich ganz auf den Sport konzentrieren. Zu Hause wäre ich mit dem Hof beschäftigt und könnte nur nebenbei trainieren“, sagt Wahler. Er habe großes Glück, dass seine Eltern ihn unterstützen.

Wirklich überraschend ist das  nicht. Immerhin war schon sein Vater Vielseitigkeitsreiter. Und so stand schon früh der Plan, dem Vater auch im Sport nachzueifern. „Als Jugendlicher habe ich ein unheimlich tolles Pferd von meiner Patentante bekommen, mit dem ich die ersten Prüfungen geritten bin“, sagt Wahler. Mit Vilano ritt er die ersten Turniere. Sein zweites Pony, Herakles TSF, wurde mit seiner ganzen Erfahrung in Gelände, Sprung und Dressur dann zu Wahlers Lehrmeister. „Die Kombination altes Pferd und junger Reiter ist perfekt“, sagt Wahler, „er war ein guter Ausbilder für mich und hat mich schnell auf Zwei-Sterne-Niveau gebracht.“ Es gibt bei den Vielseitigkeitsreitern vier Leistungkategorien. Gute jugendliche Reiter starten oft zunächst in Zwei-Sterne-Prüfungen.

Auch später konnte sich Wahler auf bereits hervorragend ausgebildete Tiere verlassen. „So konnte ich mir das Grundwissen und Gefühl erarbeiten, das man braucht, um selbst Top-Pferde auszubilden.“ Gerade im Juniorenbereich gebe es viele Pferde, die nicht dem Idealbild eines Vielseitigkeitstieres entsprechen. Aber auch Reitpferde könnten mit entsprechender Ausbildung in der Vielseitigkeit gewinnen, sagt Wahler.

Inzwischen hat er die Wahl zwischen gleich mehreren Top-Pferden, die er zumindest teilweise selbst ausgebildet hat. Sechs bis acht Pferde brauche man schon, um diesen Sport auf hohem Niveau zu betreiben. Sein vielversprechenstes Pferd ist Carjatan S. Mit ihm schaffte Wahler auch den Sprung in den Spitzensport. Wenn er von seinem Holsteiner schwärmt, dann könnte der Zuhörer meinen, er spricht von einem guten Freund oder Kollegen. „Er ist ehrgeizig, will unheimlich viel ganz schnell umsetzen“, charakterisiert er sein Pferd. Vor allem in der Dressur sei er noch etwas überehrgeizig, im Gelände dafür abgeklärt und ruhig.

Wahler hat das Gespür für Wesen, Stärken und Schwächen seiner Tiere, das es braucht, um Vertrauen zu schaffen, Risiken und Gefahren einschätzen zu können und mit den Pferden zusammen Höchstleistungen zu bringen. Er weiß, wann Carjatan eine Pause braucht. In dieser Saison reitet er nur eine lange Prüfung mit ihm, hinzu kommen noch ein bis zwei Kurzprüfungen. Und dann ist da natürlich das große Ziel, das nicht etwa Olympia 2020 heißt, sondern erstmal Heim-EM in Luhmühlen 2019 (29. August bis 1. September).

Da sei eine gute Wettkampf- und Trainingseinteilung wichtig. „Die Tiere brauchen ausreichend Regenerationsphasen. Die Pferde müssen auch im Kopf fit bleiben“, sagt Wahler. Immerhin ist die Kombination aus Geländeritt, Springen und Dressur eine große Belastung für Körper und Kopf. Ohne ausreichende Erholung für die Pferde würden die Sportler schwere Unfälle riskieren. Von denen gab es in den vergangenen beiden Jahren einige, die für die Tiere tödlich endeten. Wahler glaubt nicht, dass das an schwereren Parcours als früher oder dem Wunsch nach mehr Aktion im Gelände liegt: „In der Regel passieren solche Unfälle durch individuelle Fehler des Paares. Oder weil es an Fitness mangelt.“ Am Ende ließen sich solch tragische Unfälle aber fast nur mit einer guten Ausbildung von Reiter und Pferd und einer guten Vorbereitung auf den jeweiligen Wettkampf verhindern.

Einige Tierschützer sehen das anders. Die Organisation Peta kritisiert immer wieder die aus ihrer Sicht zu harten und tierquälerischen Bedingungen im Vielseitigkeitsreiten. Wahler versteht die Sorgen. Den Tierschützern gehe es auch nur um das Wohl der Tiere. Ihnen fehle aber der Einblick in die tägliche Arbeit mit den Pferden, bei der Vertrauen aufgebaut werde.

Auch deshalb verbringt Wahler in diesem Frühjahr wieder einige Wochen auf einem Gestüt in England, lernt dort von erfahrenen Trainern und kann parallel an hochklassigen Prüfungen teilnehmen. Vor jedem Wettkampf schaut er ganz genau, ob sein Pferd in der Lage ist, anzutreten. Schließlich könnten auch Tiere einen schlechten Tag erwischen. Das spüre er in der Regel schon vor dem Start. „Es kann aber auch passieren, dass das Pferd in der Prüfung zum Beispiel von einer unvorhergesehenen Situation im Gelände irritiert wird. Dann muss man schon mal sagen: ,Okay, das kommt heute zu keinem guten Ende mehr, wir hören auf’“, sagt Wahler. Generell sei es aber sein Ziel, das Pferd und sich für jeden Parcours so gut vorzubereiten, dass es gar nicht zu solchen Situationen komme. Ganz ausschließen könne er das aber auch bei seinen Pferden nicht. Deshalb hat er für diese Saison vor allem auch einen Wunsch: „Dass am Ende alle Pferde unverletzt bleiben.“

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