Griechenland: Feindbild Deutschland

Griechenland-Krise : Feindbild Deutschland

Für viele Griechen steht der Schuldige für ihre Misere fest. Das tief verunsicherte und verarmte Land setzt nun all seine Hoffnungen auf die jungen Wilden ihrer neuen Regierung. Ein Besuch in der griechischen Hauptstadt.

An der Decke gibt es Wasserflecken, Kabel ragen aus den Wänden und führen ins Nirgendwo. Es ist das Vorzimmer des Mannes, auf dem in den nächsten Monaten die Hoffnungen der Euro-Gruppe ruhen und die vieler Griechen. Es ist das Ministerium von Giannis Varoufakis, des Finanzministers im neuen Regierungsbündnis Griechenlands unter Führung des linken Syriza-Bündnisses.

Während Varoufakis an diesem Tag eine Delegation deutscher Grünen-Politiker empfängt, erklärt seine Gefolgschaft den Journalisten im Vorzimmer ihre Sicht auf die Krise. Der Direktor des Pressebüros des Ministeriums macht seinem Ärger Luft: Griechenland habe seine Mitgliedschaft in der Euro-Zone "mit Blut bezahlt, Deutschland seine mit Geld". An Griechenland werde in Europa ein Exempel statuiert, und "die Deutschen" seien auch noch stolz auf das, was sie dem Land antäten. Der Mann redet sich vollends in Rage. Deutschland, so sagt er, würde in dieser Krise seine "Großmacht-Träume" ausleben: "Bevor Griechenland die Euro-Zone verlässt, muss Deutschland die Euro-Zone verlassen."

Es ist ein ungewöhnlicher Auftritt. Er sagt vielleicht etwas über die Vertrauenswürdigkeit der neuen Führung Griechenlands aus. Er sagt sicher noch mehr aus über die Stimmung in einem Land, das nach fünf Jahren unter dem Rettungsschirm und unter dem Diktat der Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission krisenmüde und fatalistisch geworden ist.

Jugendarbeitslosigkeit bei 35 Prozent

Die "humanitäre Krise" ist in Athen in aller Munde. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten liegt bei 35 Prozent, Zehntausende sind ohne Strom, weil sie Rechnungen nicht mehr bezahlt haben. Die Armut wird sichtbar, sagen viele.

Eleni Katsouli betreibt für die Gemeinde eine Suppenküche mitten im Zentrum. In den "guten Zeiten", wie sie die Zeit vor der Krise nennt, kamen zwischen 300 und 350 Menschen zum Essen. Heute sind es täglich 2500. Die Stimmung hier ist aufgeheizt, Filmaufnahmen und Fotos sind verboten. Niemand, der hier isst, möchte sich filmen lassen. Die Menschen, die kommen, sind sehr hungrig. Ob sich mit Syriza an ihrer Lage etwas ändern wird? Eleni Katsouli sagt: "Die Leute haben eine Hoffnung gewählt."

Die Dauerkrise habe die Menschen in Griechenland "fatalistisch und unideologisch" gemacht, meint ein politischer Beobachter aus Deutschland. Viele hätten Syriza aus einem Reflex heraus gewählt. "Sie hoffen, dass die bleierne Zeit von ihnen abfällt und dieses Gedemütigtwerden ein Ende hat", sagt der Experte. Viele Griechen hätten in den vergangenen Jahren alles verloren. "Der Abstieg ist für viele enorm." Die Menschen fühlten sich "kulturell und materiell erniedrigt".

Jedes Wort kommt auf die Goldwaage

Die Hoffnung also heißt Alexis Tsipras. Der 40-jährige frühere Spitzenkandidat der europäischen Linken im Europa-Wahlkampf ist seit dem 26. Januar Regierungschef von Griechenland. Auch er hat sich bereiterklärt, die Grünen-Delegation mit Parteichefin Simone Peter an der Spitze im Regierungssitz in Athen zu empfangen. Doch als die Delegation eintrifft, gibt es ein Hin und Her mit dem Protokoll. Die grüne EU-Parlamentarierin Ska Keller ist schon drin bei Tsipras. Simone Peter muss warten, ebenso EU-Parlamentarier Sven Giegold.

Jedes Wort kommt inzwischen auf die Goldwaage, auf beiden Seiten. Im griechischen Finanzministerium hat man seine eigene Erklärung für die Verstimmungen. In Berlin habe man bemerkt, dass man mit Varoufakis nicht so einfach umspringen kann. Darum würde man ihn diskreditieren und beleidigen.

Solche Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Bei einem Parteitag der Grünen Griechenlands hört man am Abend noch Abenteuerlicheres: Die Korruption, so ist einer von mehreren Generalsekretären der Partei überzeugt, sei von Firmen wie Siemens überhaupt erst aus Deutschland nach Griechenland "importiert" worden. Außerdem habe der vormalige Regierungschef Antonis Samaras alle Vorgaben der EU nur deshalb "abgenickt", weil die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel "eine Korruptionsliste" von ihm besessen habe.

"Reformen machen wir für die Zukunft des europäischen Projekts"

Die griechischen Grünen haben sich dem Parteienbündnis Syriza angeschlossen und regieren deshalb jetzt mit. Sie stellen sogar den Vize-Umweltminister. Giannis Tsironis ist für die längst überfällige Ordnung des Katasterwesens im Land zuständig und für die mehreren Hundert illegalen Müllhalden im Land — eine Mammutaufgabe. Für den gesamten Norden Griechenlands hat er nur vier Kontrolleure.

Tsironis ist ein ernsthafter Mann, der eine Aufgabenliste aufgestellt hat. In seinem Büro stehen noch keine Akten, der Schreibtisch ist leer. Ein Bild hängt an der Wand mit Sonnenblumen, die sich der Sonne entgegenrecken. "Die Reformen, die wir jetzt anpacken, machen wir für die Zukunft des gesamten europäischen Projekts", sagt Tsironis. In seinem ruhigen Lächeln blitzt für einen Moment tatsächlich so etwas wie Optimismus auf.

Hier geht es zur Infostrecke: Die wichtigsten Versprechen im Sparplan der Griechen

(rl)
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