Robert Habeck - der gefühlte Kanzler der Grünen

Grünen-Chef : Der personifizierte Höhenrausch

Passend zum Grünen-Konvent am Wochenende ist Robert Habeck zum beliebtesten Politiker der Republik aufgestiegen. Er ist der personifizierte Höhenrausch der früheren Ökopaxe, die heute ganz seriös, wunderbar flexibel und super unterhaltsam sein wollen.

„Supersensibel“ hat Andrea Paluch ihren Ehemann Robert Habeck genannt. Zu besichtigen war das Anfang des Jahres in den unsozialen Hass-Netzwerken, als der Grünen-Chef Twitter und Facebook nach einem Shitstorm den Rücken kehrte. Dabei hatte er es sich mit seinem Appell, aus Thüringen ein „demokratisches Land“ zu machen, selbst zuzuschreiben.

Wer dem Grünen-Chef Böses wollte, könnte seine Aussagen mit den üblichen Grüne-wollen-immer-nur-bevormunden-Vorurteilsrastern durchforsten und viele Anlässe finden. Wenn er es zum Beispiel kritisch sieht, dass sich alle eine eigene Bohrmaschine zulegen, obwohl sie so selten bohren und man sich zwischen den Haushalten das Gerät doch besser gegenseitig ausleihen könnte. Das wäre die Vorlage für die Unterstellung: „Heimwerker, die Grünen wollen Euch die Bohrmaschinen wegnehmen.“ Aber solche abstrusen Unterstellungen, mit denen ein Jürgen Trittin durchaus leben musste, kommen nicht. Natürlich nicht bei Robert Habeck.

Denn der 49-Jährige Doktor der Philosophie ist beliebt. Und beliebten Menschen lässt man leicht mehr durchgehen als Dosenpfandquälern. Gerade hat das Politbarometer herausgefunden, dass Habeck unter den zehn wichtigsten Politikern der beliebteste ist. Vor der Kanzlerin. Eigentlich müssten die Grünen sich für einen Kanzlerkandidaten entscheiden, weil sie unter den drei deutschen Volksparteien seit Monaten vor der Volkspartei SPD liegen. Aber sie brauchen es nicht, denn mit Habeck haben sie längst einen gefühlten Kanzler.

Keiner verkörpert die neue grüne Befindlichkeit besser als Robert Habeck. Er war der Vizeministerpräsident in der Dreier-Koalition aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverbund und machte dann nahtlos als Vizeministerpräsident weiter in der Dreier-Koalition aus CDU, Grünen und FDP. Das entspricht dem kunterbunten Bundesrats-Flickenteppich. Sechs verschiedene Farbkombinationen haben die Grünen ermöglicht, sitzen in neun Regierungen und sind damit bei der Zahl der Regierungsbeteiligungen auf Augenhöhe mit der Union. Es bekommt ihnen nicht schlecht. Sie bleiben seit Monaten mit 19, 20 und noch mehr Umfrageprozentpunkten oberhalb jener 18 Prozent, die früher als zu ehrgeizig für die kleineren Parteien galten. In München überkletterten sie gerade sogar die 40-Prozent-Marke.

Die Ausnahmeerscheinung der Männermarke „Robert Habeck“ rührt nicht nur daher, dass er wie selbstverständlich und ohne Allüren sein Ministeramt ausfüllte. Sie hat auch mit seiner Bildschirmtauglichkeit und seiner Vita zu tun. Seine Homepage begrüßt Interessierte mit „Schön, dass Ihr da seid.“ Und wer „Über mich“ anklickt, sieht als erstes einen entspannt in der Natur sitzenden Mann in kurzen Hosen mit Feierabendbier. Das moderne Familienbild bedient er gleich darauf mit dem Hinweis, „gleich viele Windeln gewechselt“ zu haben wie seine Frau. Den Zugang der politisch mäßig Überzeugten greift er mit der Erinnerung an den früheren Habeck auf: „Ich begann, auf die blöde Politik zu schimpfen. Und dann raffte ich mich auf, fuhr zu einer grünen Mitgliederversammlung und kam als Kreisvorsitzender zurück.“ Seitdem sei er „Politiker mit Haut und Haaren.“ So einfach kann das Leben sein, lautet die lässige Botschaft mit Drei-Tage-Bart. Nicht das übliche, leicht verkrampft wirkende politische Karrierestreben, sondern die „na-gut-dann-mach-ich-mal-gute-Politik“-Attitüde des Robert Normalbürger.

Grünen-kompatibler als bei Habeck geht es auch im Umgang mit den Ämtern und Mandaten kaum noch. Sehen klassische Spitzenkarrieren in der Politik so aus, dass man sich einen hervorragenden Posten sichert, um mit diesem „Amtsbonus“ den nächsthöheren Job anzusteuern oder zu verteidigen, hat sich Habeck seiner einträglichen Regierungs- und Landtagsämter entledigt, um es mit einem „Keinamtsbonus“ zu versuchen. Das freut das basisdemokratische Grünen-Herz, kann aber auch heikel sein, wenn es um Expertenwissen und Zuarbeit fähiger Mitarbeiter geht. Die gibt es zwar auch in den Parteizentralen. Aber längst nicht so umfangreich wie in Parlamenten und Ministerien. So gibt es interne Kritiker, dass Habecks Äußerungen etwa zur Außen- und Sicherheitspolitik verschiedentlich auffällig „dünn“ ausgefallen seien.

Besonders gefällt Grün-Sympathisanten, wie Habeck den potenziellen Starrummel um ihn herum immer wieder ins Bodenständige runterdimmt. Der ist wirklich ganz normal unterwegs, sitzt wirklich auch schon mal im Zug auf dem Boden, wenn kein Platz mehr ist, begegnet einem wirklich allein auf dem Bürgersteig in Berlin ohne die bei anderen Parteivorsitzenden übliche Traube aus Referenten und Sicherheit. Und er lässt seiner Ko-Vorsitzenden Annalena Baerbock viel Raum, steht hinter der Doppelspitze als funktionierendes Team. Im Tagesrhythmus unmerklich, auf Monatsdistanz aber deutlich zu sehen, führen sie die Grünen dabei nach links. Weg von der 2017 angestrebten schwarz-grünen Regierung, hin zu anderen Koalitionsmöglichkeiten, die den Grünen im Rot-Rot-Grün-Verbund emotional immer noch näher sind. Mag sein, dass es Koketterie ist, mag sein auch Strategie, um das Grünen-Wählerreservoir noch besser auszuschöpfen und beim nächsten Mal nicht wieder auf die FDP angewiesen zu sein.

Vielleicht hatte es prophetischen Charakter, als Habeck Ende 2017 vom Magazin der Süddeutschen Zeitung in der „Sagen-Sie-jetzt-nichts“-Foto-Reihe danach gefragt wurde, wo er sich in zehn Jahren sehe und er sich als Antwort einen Rucksack umschnallte und sich auf den Weg machend in Szene setzte. Kann sein, dass seine Regierungsambitionen dann schon Geschichte sind und er längst wieder was anderes macht. Oder wieder Schriftsteller ist. Denn natürlich weiß Habeck, dass schnell und tief fallen kann, wer schnell steil gestiegen ist. Vor Habeck war Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble der beliebteste unter den zehn wichtigsten Politikern. Jetzt ist Schäuble nicht mal unter den zehn wichtigsten. Kann passieren. Auch netten Typen.

Dieser Text ist kein gewöhnlicher. Er gehört zu einer Sonderausgabe der Rheinischen Post am 1. April 2019. Geplant und gestaltet wurde diese nicht von der RP-Redaktion, sondern von zwei „Chefredakteuren für einen Tag“: Schauspielerin Annette Frier und Kabarettist Konrad Beikircher. Mehr dazu und alle Texte dieser Sonderausgabe finden Sie hier.

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