Gesellschaftskunde : Warum zuhören so schwer fällt

Andere ausreden lassen, fällt vielen schwer. Zuhören geht noch weiter.

Über enge Freunde sagen manche Menschen, dass sie gut zuhören könnten. Zuhören ist eine Fähigkeit, die damit beginnt, dass Leute die Geduld besitzen, den anderen sprechen zu lassen. Klingt banal, aber wenig ist das nicht, denn bei vielen ist der Drang, selbst gehört zu werden, so groß, dass sie andere schwer ausreden lassen können. Ein Atemholen genügt, schon preschen sie mit eigenen Geschichten oder Kommentaren dazwischen.

Eigentlich darf dieses Verhalten nicht wundern. Menschen lernen heute ja schon früh, dass sie von sich reden machen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen. Selbstdarstellung gilt nicht mehr als ungehörige Spielart der Eitelkeit, sondern als Schlüsselqualifikation. Wer aber immer auf die Chance lauert, die eigenen Ansichten zu platzieren, ist nicht wirklich aufmerksam.

Wahre Zuhörer sehen ganz von sich ab. Sie wollen wissen, an welchen Punkten der andere ringt, was ihm im Moment des Formulierens noch unklar ist und was Gefühle in ihm weckt, die sich ganz sacht im Gesicht abzeichnen. Zuhören ist also mehr als eine Frage der Geduld. Zuhörer müssen neugierig sein, empathisch begabt und bescheiden genug, den anderen gelten zu lassen.

Natürlich ist das auch eine Frage des Temperaments. Menschen, die auffassungsstark und im Kopf sehr schnell sind, fällt es oft schwer, sich auf das Tempo der anderen einzulassen. Und natürlich gibt es die Langatmigen, die tatsächlich übermäßig viel Zeit benötigen, um sich auszudrücken. Im Austausch mit anderen stellen Menschen in der Regel ihr Redeverhalten auf die Umwelt ein. Doch setzt das eben voraus, dass man überhaupt wahrnimmt, wie andere sich verhalten. Dieses Mindestmaß an Achtsamkeit ist notwendig, damit ein Miteinander gelingt.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

Mehr von RP ONLINE