Sarkozy und Merkel in TV-Interview: Franzosen streiten über Deutschland

Sarkozy und Merkel in TV-Interview : Franzosen streiten über Deutschland

Das gab es noch nie. An diesem Montag geben die deutsche Kanzlerin und der französische Staatspräsident gemeinsam ein Interview im Fernsehen. Dabei geht es auch um Wahlkampf. Dass Merkel nun für Sarkozy wirbt, sorgt für Irritationen. Die FDP geht auf Distanz. Die Franzosen reagieren genervt auf Sarkozys Deutschenliebe – und geizen nicht mit Spott.

Das gab es noch nie. An diesem Montag geben die deutsche Kanzlerin und der französische Staatspräsident gemeinsam ein Interview im Fernsehen. Dabei geht es auch um Wahlkampf. Dass Merkel nun für Sarkozy wirbt, sorgt für Irritationen. Die FDP geht auf Distanz. Die Franzosen reagieren genervt auf Sarkozys Deutschenliebe — und geizen nicht mit Spott.

Der Sozialist Francois Hollande liegt in den Umfragen in Frankreich vorne. Foto: afp, FRED DUFOUR

Merkozy - am Montag gab es die Fortsetzung der Euro-Romanze. Seite an Seite machten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy den Griechen Druck. Und wieder einmal lobte Frankreichs Präsident die Deutschen und ihre Kanzlerin in wärmsten Tönen. Merkel "bewundere" er. Deutschland habe wirtschaftlich "riesige Erfolge" erzielt. "Wir sind nicht neidisch, wir wollen uns inspirieren lassen", so Sarkozy.

Dass die Beziehung zwischen der eher spröden Angela Merkel und dem sprunghaften Nicolas Sarkozy noch einmal so eng werden würde, hätte man noch vor einem Jahr nicht gedacht. Immer wieder war von Ärger, ja gar Verachtung für den anderen zu lesen. Sarkozy galt Merkel angeblich als unzuverlässiger Egomane, der soll laut SZ die kühle Kanzlerin als "la grosse" (die Dicke) verspottet haben.

In den vergangenen Monaten sind sie in der Eurokrise eng zusammengewachsen. Die gemeinsamen Auftritte sind zur Regel geworden, an ihre Entscheidungen knüpft sich das Schicksal des Euros und der Wohlstand beider Länder.

Frankreich - ein Land in der Krise

Die bevorstehenden Wahlen in Frankreich haben die Sachlage jedoch geändert. Unter der Führung Sarkozys stehen die Franzosen in der Eurokrise nicht halb so gut da wie die Deutschen. Die "Grande Nation" hat in den Augen der Ratingagentur Standard & Poors an Kreditwürdigkeit verloren, die Konjunktur schmiert ab, die Arbeitslosigkeit marschiert stramm auf die zehn Prozent zu und bewegt sich auf Rekordniveau.

Das hat den Präsidenten zu einer waghalsigen Strategie veranlasst. Die Franzosen sollen es machen wie die Deutschen. In einer großen TV-Ansprache rief er vor einigen Wochen die Bundesrepublik zum leuchtenden Vorbild aus. Aus seiner Sicht braucht Frankreich eine Reform-Rosskur wie sie in Deutschland Altkanzler Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 vorlegte. Im Dezember lud er den deutschen Sozialdemokraten gar zu Werbezwecken nach Paris ein.

Merkel hat in Frankreich durchaus Sympathien

Auch die Bundeskanzlerin schaltet sich direkt in den Wahlkampf ein. Sie ergreift klipp und klar Partei für Sarkozy. Der Amtsinhaber liegt mit 24 Prozent in der Wählergunst zurzeit deutlich hinter seinem sozialistischen Herausforderer Francois Hollande (rund 31 Prozent) zurück und muss sich sorgen, nicht auch noch von der rechtspopulistischen Marine LePen überrundet zu werden. Sarkozy wirft sich nun in Merkels Arme. Auch weil sie in Umfragen beliebter ist als er.

Doch Sympathien für Merkel sind nur die eine Seite der Medaille. Deutschland als Vorbild für die Franzosen — das geht vielen der Nachbarn ans Ehrgefühl. So weit soll es mit der Völkerfreundschaft dann doch nicht gehen, dass alle so werden sollen wie die Deutschen. Die führende Zeitung "Le Monde" spottete mit bitterem Unterton: "Deutschland über alles". Die nationalistische Front National und die politische Linke warfen Sarkozy vor, nur noch Merkels Pudel zu sein. "Frankreich hat sich Deutschland komplett unterworfen", wütete Sarkozys Herausforderer Francoise Hollande.

Für Aufregung sorgt in Frankreich aber vor allem, dass die Kanzlerin am Montag erstmals ein gemeinsames Fernsehinterview mit Sarkozy geben will . Das gilt in Paris als umstrittene Wahlkampfhilfe für Sarkozy, der im Mai für eine zweite Amtszeit in den Élysée gewählt werden möchte. "Merkel und Sarkozy Hand in Hand", titelte die regierungsnahe französische Zeitung "Le Figaro". "Das ist kein Zufall", wurde ein enger Berater des Staatschefs zitiert.

Hollandes Anfrage auf Eis

Noch am Wochenende ließ dessen Lager in Richtung Merkel eine Warnung vom Stapel: Dessen Kampagnenleiter Pierre Moscovici warnte unverhohlen, die Unterstützung für Sarkozy könne zu einer Belastung werden, wenn man sich später mal auf Regierungsebene gegenüberstehe. Merkel sei als Regierungschefin "zu einer gewissen Reserve" verpflichtet. Zudem sei es "merkwürdig", dass Merkel ihr Vorhaben ausgerufen habe, noch bevor Sarkozy seine Kandidatur offiziell angekündigt habe.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete, wegen Merkels Positionierung für Sarkozy liege derzeit eine Anfrage von Hollande für einen Besuch im Kanzleramt auf Eis. Merkel habe sich zwar noch nicht endgültig entschieden, hieß es weiter in dem Bericht. Ihre Leute suchten derzeit aber nach einem Grund, mit dem sie das Begehren Hollandes ablehnen könnten, ohne allzu viel außenpolitisches Porzellan zu zerschlagen.

Merkel probt den Spagat

Auch innerhalb der schwarz-gelben Koalition gibt es Vorbehalte gegenüber Merkels Parteinahme. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) fühlte auf den Schlips getreten. Er wirft der Kanzlerin vor, die gebotene Neutralität aufzugeben. "Die Bundesregierung ist nicht Partei im französischen Wahlkampf", räsoniert der Minister. Merkel korrigierte daraufhin ihren Außenminister mit dem Hinweis, ihre Auftritte an der Seite von Sarkozy geschähen nicht in ihrer Funktion als Kanzlerin, sondern nur als Vorsitzende der CDU.

Merkel versucht sich also in einem politischen Spagat zwischen Kanzlerin einerseits und CDU-Chefin andererseits. Sarkozy dürfte es weitgehend egal sein, mit wem er sich gerade trifft, wenn er sich denn nur in Merkels Erfolg sonnen kann. Grundsätzlich kann es dabei kaum einen Zweifel daran geben, dass ihr ein Sieg des Sozialisten Hollande ganz und gar nicht ins Konzept passen würde. Der nämlich hat bereits angekündigt, den Fiskalpakt zur Rettung des Euro nachverhandeln zu wollen.

Die Franzosen bereiten Sorgen in Berlin

Mit einem Präsidenten Hollande, so die wachsende Überzeugung in Berlin, droht ausgerechnet das Kernstück bei der Schuldenkrisen-Bewältigung - die deutsch-französische Zusammenarbeit - beschädigt zu werden. Mit Entsetzen erinnert man sich in Berlin an den früheren Präsidenten Francois Mitterrand, der sein Land nach der Wahl 1981 auf einen sozialistischen Kurs steuern wollte und damit Schiffbruch erlitt. Solche Eskapaden könne sich in der heutigen Schuldenkrise niemand mehr leisten, heißt es warnend in Berlin.

Folglich unterstützt einer wie CDU-General Hermann Gröhe die Unterstützung Merkels für Sarkozy mit aller Entschiedenheit. Gröhe selbst hatte angekündigt, Merkel werde mit Sarkozy gemeinsame Wahlkampfauftritte absolvieren. Am Sonntag warf er sich für die Allianz erneut in die Bresche. Für Europa und den Euro sei es wichtig, dass Frankreich wirtschaftlich stark bleibe, sagte Gröhe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dafür stehe die Politik von Sarkozy und dessen Partei UMP. Ein Sieg Hollandes würde es "sehr viel schwerer machen, unsere Vorstellungen von einer europäischen Stabilitätsunion zu verwirklichen".

Selbst Sozialdemokraten können der Unterstützung innerhalb des konservativen Lagers etwas abgewinnen. Der Präsident des Europäischen Parlaments, der SPD-Politiker Martin Schulz, begrüßte Merkels Pläne im Grundsatz. Er sagte dem Blatt: "Eine Wahlkampfhilfe über die nationalen Grenzen hinaus ist ein richtiger Schritt zu einer sichtbaren europäischen Innenpolitik." Dass auch Gerhard Schröder bereits in Paris weilte, unterschlug er dabei.

Mit Agenturmaterial

(pst)
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