Verschleppte aus Israel „Wir lieben Dich, bleibe stark, überlebe!“ – Eltern israelischer Geisel melden sich zu Wort

Meinung | Düsseldorf · Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas hat das Video eines verschleppten und verletzten Israelis veröffentlicht. Dessen Eltern reagieren in einer erschütternden Videobotschaft. Warum die Hamas gerade jetzt das Lebenszeichen einer Geisel sendet.

Dorothee Krings
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Unterstützer des entführten Hersh Goldberg-Polin demonstrieren in Israel für Verhandlungen zu dessen Freilassung.

Unterstützer des entführten Hersh Goldberg-Polin demonstrieren in Israel für Verhandlungen zu dessen Freilassung.

Foto: AP/Maya Alleruzzo

Der Israeli Hersh Goldberg-Polin ist 24 Jahre alt und Fan von Werder Bremen. Er war beim Nova-Musikfestival in Südisrael, als die Hamas ihren Angriff auf Israel begann. Zunächst konnte er sich mit anderen Besuchern des Musikfests vor den Terroristen versteckt. Doch die warfen eine Granate in den Unterschlupf, die dem jungen Mann den linken Unterarm wegriss. Es gibt ein Video, das zeigt, wie die Hamas-Terroristen den blutenden Israeli, der auch eine amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, nach Gaza verschleppen. Über 200 Tage ist das her. Nun hat die Hamas ein Video veröffentlicht, in dem Goldberg-Polin mit dem verstümmelten Arm und Spuren von Gewalt am Kopf zu sehen ist.

In einer Videobotschaft wandten sich die Eltern des Verschleppten an die Öffentlichkeit. Der Vater appelliert an alle, die gerade über eine mögliche Waffenruhe und Freilassung von Geiseln verhandeln, und zählt namentlich auf: Katar, Ägypten, USA, Hamas und Israel. Er fordert die Verantwortlichen auf: „hängt euch rein, nutzt den Moment, findet eine Lösung, um die Verschleppten zu ihren Lieben zurückzubringen und das Leid in der gesamten Region zu beenden!“ Ausdrücklich spricht er nicht nur von Israelis, sondern von allen Leidenden in der Region. Das letzte Wort in der Botschaft aber hat die Mutter von Hersh Goldberg-Polin: „Wir lieben dich“, sagt sie mit energischer Stimme, „bleibe stark, überlebe!“.

Angeblich soll Katar schon länger Druck auf die Hamas ausüben, um ein Lebenszeichen von Geiseln an die USA zu überbringen. Israel steht kurz vor einem möglichen Bodenangriff auf Rafah an der Grenze zwischen Gaza und Ägypten. Laut Medienberichten soll dieser Angriffe nicht mit einem großen Schlag geschehen, sondern in Etappen. Mehr als die Hälfte der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens hat als Binnenflüchtlinge in Rafah Schutz gesucht. In der Stadt selbst vermutet die israelische Armee die letzten Bataillone von Hamas-Kämpfern.

In dem Video der Terroristen sagt der verschleppte Goldberg-Polin, weitere Geiseln aus Israel befänden sich in einer „unterirdischen Hölle“ ohne Nahrung, Wasser und medizinische Behandlung in Gaza. Natürlich ist davon auszugehen, dass die Aussagen unter Gewaltandrohung der Hamas zustande kamen. Wie viele der noch in Gaza vermuteten Geiseln noch leben, ist nicht bekannt.

Durch die Veröffentlichung eines Überlebensvideos jetzt wollen die Terroristen also wohl auf die israelische Öffentlichkeit einwirken. Nach Bekanntwerden des Videos versammelten sich Hunderte Menschen in Jerusalem in der Nähe der Residenz des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, um für Zugeständnisse bei der Verhandlung zur Freilassung der Geiseln zu demonstrieren. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auch in Tel Aviv gab es eine spontane Kundgebung.

An den verhärteten Fronten dürfte das wenig ändern. Die Hamas hat Berichten zufolge Vorschläge internationaler Vermittler abgelehnt. Die israelische Regierung hat schon früher betont, einem Abkommen „nicht um jeden Preis“ zustimmen zu wollen. Der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir soll dafür plädiert haben, die Verhandlungen ganz abzubrechen, wenn Israel Feuerpausen zusagen müsste.

In der Videobotschaft der gepeinigten Eltern von Hersh Goldberg-Polin kommt die Aussichtslosigkeit der aktuellen Lage zum Ausdruck. Die Eltern sind von Sorgen gezeichnet, aber sie sprechen absolut gefasst, denn ihre Kernbotschaft an den Sohn lautet: durchhalten. So wie sie selbst durchhalten. Was bleibt anderes, wenn ein Kompromiss, der das Leben der Geiseln retten könnte, so unerreichbar scheint wie derzeit?

Die Hamas strebt erklärtermaßen nach der Vernichtung Israels und legt die Waffen nicht nieder. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat nach dem Überfall der Hamas auf sein Land die Vernichtung der Hamas zum Kriegsziel ausgerufen. Folglich wird sich diese Regierung auf keine Vorschläge einlassen, wie sie ein hochrangiger Hamas-Vertreter jetzt in Istanbul geäußert hat: Sollte ein palästinensischer Staat in den Grenzen von vor dem Nahostkrieg 1967 geschaffen werden, werde die Hamas die Waffen niederlegen und sich in eine politische Partei verwandeln, so der Hamas-Vertreter. In Israel aber gibt es kein Vertrauen mehr, dass eine zur politischen Partei gewandelte Hamas das Ziel der Vernichtung Israels verlässlich aufgeben würde. Und das jüngste Video ist nur ein weiterer Beweis dafür, was der Hamas das Leben von Israelis wert ist.

Internationale Partner Israels, darunter die USA, warnen weiter vor Bodenangriffen auf Rafah, weil so viele Zivilisten dort Schutz suchen. Bei israelischen Luftangriffen auf die Grenzstadt sind nach Angaben von Krankenhausvertretern jüngst mindestens fünf Menschen getötet worden, darunter sollen ein sechs- und ein achtjähriges Kind gewesen sein. Laut Medienberichten will Israel nun zunächst in einer mehrwöchigen Evakuierungsaktion Zivilisten aus der Stadt bringen und in anderen Flüchtlingscamps in Gaza unterbringen, danach mit Bodentruppen gegen die letzten Hamas-Kämpfer in Rafah vorgehen. Hilfsorganisationen bezweifeln die Realisierbarkeit der Evakuierungspläne. Die Hamas soll ihre Kämpfer in Rafah mit neuem Proviant versorgt und die Bewachung der Geiseln verstärkt haben.

Es sind diese Umstände, die eine Mutter nach dem ersten Lebenszeichen ihres verletzten, verschleppten Sohnes sagen lassen: überlebe!

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