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Der pragmatische Papst

Der pragmatische Papst

Wissenschaftler und Vatikan-Experten widersprechen der Annahme, der Papst plane ein Ja zur künstlichen Empfängnisverhütung durch Präservative. Es bleibe bei der kirchlichen Morallehre.

Rom Alois Glück, der stets klug abwägende katholische Laie und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, will nicht in den schnell wachsenden Chor einstimmen, der bereits das Lied von der "Kondom-Wende" der Römischen Weltkirche anstimmt. Glück sagte, was eigentlich selbstverständlich ist: dass man erst die fraglichen Passagen aus dem übermorgen erscheinenden Interview-Buch studieren sollte, bevor man lobt oder tadelt, was zu lesen ist.

Richtig ist offenbar, dass Benedikt im Gespräch mit dem bayerischen Publizisten Peter Seewald keineswegs die Grundsätze und Grundüberzeugungen des Vatikans "über den rechten Umgang mit menschlicher Sexualität" revolutionären will. Der Theologe William Portier von der katholischen Universität in Dayton (US-Bundesstaat Ohio) sagte dazu auch Selbstverständliches: dass nämlich kein Petrus-Nachfolger eine derartig grundlegende Änderung in der päpstlichen Morallehre gleichsam nebenbei, in einer ohnehin für einen Pontifex ungewöhnlichen Interview-Form, vornehmen würde. Schon gar nicht, so sagte es der amerikanische Theologe, und so hieß es gestern aus dem Vatikan, könne angenommen werden, dass die in Wirklichkeit sehr zurückhaltenden Papst-Äußerungen dazu dienten, zum Kondom-Gebrauch zu ermutigen.

Worum es Benedikt XVI. nach Einschätzung von Fachleuten aus Kirche und Wissenschaft geht, erklärte der US-Philosoph Michael Baur aus New York: Die Kirche könne ein aus ihrer Sicht moralisches "Übel" (den Kondom-Gebrauch) dulden, wenn dadurch ein ungleich größeres Übel, nämlich eine mögliche Ansteckung mit dem HI-Virus vermieden werden könne.

Laut vatikanischer Zeitung L'Osservatore Romano" zielt Benedikts Aussage auf Ausnahme-Gegebenheiten, bei denen beispielsweise männliche Prostituierte Präservative verwenden, damit die Aids-Krankheit nicht über bestimmte ungeschützte Sexualkontakte weiter verbreitet wird. Benedikt hatte wohl auch ein Missverständnis ausräumen wollen, das durch seine Aussage über Kondome und Aids beim Afrika-Besuch im März 2009 entstanden war. Damals hatte Benedikt manche Kritiker empört, indem er angemerkt hatte, das weltweite Aids-Drama lasse sich nicht durch Kondome lösen, es verschlimmere sich vielmehr dadurch.

Also: Ein Ja zum Kondom-Gebrauch, um Empfängnis zu verhüten, beabsichtigt der Papst ausdrücklich nicht. Es bleibt bei der nach wie vor geltenden katholischen Morallehre, wonach eheliche Treue und sexuelle Selbstdisziplin der einzig moralisch wertvolle Umgang mit Sexualität sind. Nach Auffassung der Papst-Kirche ist und bleibt es Gottes Plan, dass nur miteinander verheiratete Frauen und Männer Geschlechtsverkehr haben sollten. Dieser wiederum diene der Weitergabe von Leben.

Diese strenge Morallehre wurde Ende der sechziger Jahre von Papst Paul VI. (1963-1978) in der berühmten und bis heute umstrittenen Enzyklika "Humanae vitae" niedergelegt und der Praxis künstlicher Empfängnisverhütung ("Pille") entgegen gestellt.

(Rheinische Post)