Viele ermordete Journalisten auch außerhalb von Krisengebieten

Ermordete Reporter : Die für die Wahrheit sterben

Die Zahl der in Kriegs- und Krisengebieten in Ausübung ihres Berufes getöteten Journalisten ist 2019 auf 20 gesunken. Aber 29 wurden nach Angaben von Reporter ohne Grenzen in scheinbar friedlichen Ländern ermordet, weil sie Unbequemes berichteten.

941 Medienschaffende sind in den letzten zehn Jahren im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung getötet worden. Das ist die bedrückende Bilanz der Organisation Reporter ohne Grenzen. Jeder ist einer zu viel. Von daher ist es falsch, von einer positiven Entwicklung zu sprechen, wenn die Zahl 49 der in diesem Jahr getöteten Journalistinnen und Journalisten die niedrigste seit 16 Jahren ist. Sie ist immer ein Mindestwert, weil die Organisation nur die Namen von Reportern in die Statistik aufnimmt, die nach teils umfangreichen Recherchen zweifelsfrei wegen ihres Berufes ums Leben kamen. Und das bedeutet etwa, dass die Dunkelziffer etwa in Syrien deutlich höher sein kann, da es in dem Bürgerkriegsland besonders schwierig ist, an verlässliche Informationen heranzukommen.

Weniger getötete Journalisten in Syrien - das kann auch damit zusammen hängen, dass in dem Land in immer weniger Regionen gekämpft wird und dass dort auch immer weniger Menschen journalistisch arbeiten. Diese äußeren Umstände gelten für das Bürgerkriegsland Jemen nicht. Doch auch dort geben immer mehr Journalisten auf. So beschreibt die Reporter-Organisation, dass ein ehemaliger Redakteur dort jetzt Gebrauchtwagen verkauft, ein ehemaliger Reporter als Kellner arbeitet und ein ehemaliger Journalist sich sein Geld als Eisverkäufer verdient.

Zu den Erkenntnissen dieses Jahres gehört auf der anderen Seite, dass die meisten der getöteten Journalisten außerhalb von Kriegs- und Krisengebieten ermordet wurden. Besonders auffällig sind die zehn Ermordeten in Mexiko. Polizeireporterin Norma Sarabia Garduza hatte etwa in einer Artikelserie die Korruption innerhalb der lokalen Polizei beschrieben, daraufhin Bedrohungen erhalten und sich vergeblich um Schutz bemüht. Fast alle dieser Mordfälle werden nicht aufgeklärt.

Parallel dazu ist weltweit die Zahl der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten auf 389 Medienschaffende gestiegen - das sind zwölf Prozent mehr als vor einem Jahr. Die meisten bezahlen die Berichterstattung über die Situation in ihrem Land in China mit Freiheitsverlust. Reporter ohne Grenzen weist auf eine Parallele hin: Während Peking sich in einem Weißbuch als echte Demokratie darstellte, habe das Land die Zahl der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten innerhalb eines Jahres auf 120 verdoppelt. Mehr als 40 Prozent der Inhaftierten seien Bürgerjournalisten, die trotz wachsender Zensur sozialer Netzwerke versucht hätten, die immer schärfere Kontrolle der Kommunistischen Partei über die traditionellen Medien zu kompensieren. „Die meisten der neu inhaftierten Medienschaffenden sind Uigurinnen und Uiguren“, berichtet die Reporter-Organisation. Die chinesischen Behörden gingen immer härter gegen die muslimische ethnische Minderheit vor, die im Nordwesten des Landes in der Region Xinjan die größte Gruppe stelle.

Ein eigenes Kapitel widmet die Organisation den Gefahren, denen inhaftierte Reporter durch Misshandlungen und mangelnde Versorgung ausgesetzt sind. Mindestens zehn chinesischen Journalisten drohe das gleiche Schicksal wie dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobio und dem Blogger Yang Tong-yan. Beide starben den Berichten zufolge 2017 in Gewahrsam an Krebs, der nicht behandelt wurde. Reporter ohne Grenze fasst das dramatische Schicksal in dem Satz zusammen: „Medienschaffende sterben langsam hinter Gittern.“