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Wirtschaftswunder im Nachbarland: Polens Erfolgsgeschichte hat auch Verlierer

Wirtschaftswunder im Nachbarland : Polens Erfolgsgeschichte hat auch Verlierer

Deutschlands östlicher Nachbar erlebt seit 1990 ein Wirtschaftswunder wie aus dem Bilderbuch. Die Sozialpolitik Polens kam dabei aber lange zu kurz.

Kasia schreit. Laut. Herzerweichend. Wie Zweijährige nun einmal schreien, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Püree mit lilarotem Kompott zum Beispiel. Papa Pawel greift zum Löffel, um sich und die Sitznachbarn zu retten, aber Preiselbeeren sind dann doch nicht nach Kasias Geschmack. Sie probiert zwar schweigend. Im nächsten Moment schreit sie aber wieder. Erst die braune Köttbullar-Soße hilft. Die schwedische Spezialität scheint so etwas wie ein globales Allheilmittel zu sein, auch wenn Köttbullar in Polen Klopsiki heißen. „Kasia ist sonst viel geduldiger“, behauptet Pawel. „Aber diese Hetze macht doch irgendwie alle nervös. Kinder spüren das.“

Vielleicht sehen sie es auch. Man braucht den Blick ja nur durch das Restaurant wandern zu lassen, in dem Menschen mit Tabletts in den Händen darauf warten, dass ein Tisch frei wird. In sozialistischer Zeit, erzählt Pawel, hätten seine Eltern mit leeren Händen vor dem Brotladen gestanden. Sie kannten den Druck, aber nicht die Hetze. Woher auch? Damals regierte die Trostlosigkeit. Eile führte zu nichts. Heute regiert die Ungeduld, nicht nur bei Kasia. Vor dem Möbelhaus sieht man Menschen in ihren Autos sitzen. Finger trommeln auf Lenkräder. Wieder suchen die Wartenden, nach einem Parkplatz oder der Ausfahrt, die hier, in Targówek am nordöstlichen Rand von Warschau, nicht leicht zu finden ist. Einfach weil alles so groß ist.

Dabei verspricht der Name das Gegenteil. Ein Targ ist im Polnischen ein Markt. Targówek wäre demnach ein kleiner Markt, so wie Klopsiki Hackbällchen sind. Die Polen lieben diese Verkleinerungsformen. Kasia ist die kleine Katarzyna. Choina ist der Nadelbaum, den man sich als choinka zu Weihnachten ins Zimmer holt. Bombki hängen als Kügelchen daran. Die Warschauer Wirklichkeit spricht allerdings eine andere Sprache. Vor dem Schloss steht bis ins neue Jahr hinein eine 27 Meter hohe Tanne, über und über behängt mit, nun ja, eher mit Bomben als mit Bömbchen. Und der Markt in Targówek ist so weitläufig, dass man die Ausfahrt kaum findet.

Polen boomt. Seit bald 30 Jahren geht das so. 1990 lag das Land am Boden. Die Menschen waren erschöpft. Wer noch Geld hatte, verlor es bei einer Inflation von 585 Prozent innerhalb kürzester Zeit. „Schocktherapie“ nannte das die erste postkommunistische Regierung, die alle Preise freigab. Sie setzte auf die Hoffnung, die sich mit dem westlichen Vorbild verband, mit dem Versprechen von Demokratie, Marktwirtschaft und Wohlstand. Die Polen glaubten es, packten an und hatten Erfolg. In Kürze wird das Bruttoinlandsprodukt den zehnfachen Wert von 1991 erreichen. Wohlstand für alle: ein Wirtschaftswunder wie aus dem Bilderbuch.

Und dennoch. Trotz alledem gewann die nationalkonservative, antiliberale und autoritäre PiS die Parlamentswahl 2015 mit der Parole „Polska w ruinie“. Polen in Trümmern. Ein Sanierungsfall. Fast alles sei falsch gelaufen nach 1989. Erst vor wenigen Wochen wiederholte die Partei ihren Wahltriumph. Das Strafverfahren der EU wegen andauernder Angriffe der PiS-Regierung auf die Gewaltenteilung änderte daran nichts. Wie konnte es soweit kommen, dass eine große Zahl von Menschen in Polen nicht mehr an die eigene Bilderbuch-Erfolgsgeschichte glaubt? Zwei Antworten sind denkbar: Etwas stimmt mit den Menschen nicht, oder die Geschichte ist falsch.

Aufklärung verspricht das international angesehene Institut für Öffentliche Angelegenheiten. Vom Schloss führt der Weg dorthin über den Prachtboulevard Nowy Swiat, die Neue Welt mit ihren Nobelboutiquen und Juweliergeschäften, bis in eine eher düstere Seitenstraße. Der Konferenzraum des Instituts ist zweckmäßig-nüchtern eingerichtet, und Dominik Owczarek kommt auch sofort zur Sache. „Die PiS ist erfolgreich, weil sie zum ersten Mal nach 1989 das marktliberale Paradigma durchbrochen hat, an dem sich zuvor alle, auch nominell linke Regierungen in Polen orientiert haben“, sagt der Leiter des Forschungsbereichs Sozialpolitik.

Owczarek ist erst 37 Jahre alt. Er spricht aber so druckreif wie ein altgedienter Wissenschaftler. Vor allem jedoch unterfüttert er die weniger bilderbuchhafte Geschichte des postkommunistischen Polens, die er erzählt, mit so vielen Fakten, dass er sich irgendwann selbst unterbricht: „Das geht zu sehr ins Detail.“ All das macht Owczareks Version aber nur glaubwürdiger, die sich mit ein wenig Mut zur Verknappung in den Satz fassen lässt: 1989 hat die Solidarnosc-Bewegung im Namen der Solidarität die Freiheit erkämpft, damit aber dem unaufhaltsamen Siegeszug des Individualismus den Weg bereitet. „Persönlicher Erfolg wurde zum Maß aller Dinge“, sagt Owczarek.

Und Erfolg hatten viele. Vor allem in den Städten entstand jene wohlhabende Mittelschicht, deren Autos heute die Parkplätze in Targowek füllen. Aber es gab auch viele Verlierer in dieser Welt des entfesselten Wettbewerbs. Als Polen 2004 der EU beitrat, wurde das Wort „Müllvertrag“ bald zum Synonym der neuen Zeit. Gemeint waren befristete Verträge für Berufseinsteiger, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie standen. Wenig Geld, keine soziale Absicherung. Wer jung war, gut ausgebildet und sprachgewandt, der ging. Mehr als zwei Millionen Menschen suchten ihr Glück in anderen EU-Staaten. Zurück blieben die Erschöpften.

Die Regierung heizte den Kampf trotzdem weiter an. Jeder gegen jeden statt Wohlstand für alle. Der rechtsliberale Premier Donald Tusk führte 2012 mit einem Federstrich die Rente mit 67 ein. Doch bald darauf lief das Fass über. 2015 siegte die PiS mit dem Versprechen, sich um die Verlierer zu kümmern. „Und zur Überraschung vieler hat die Partei Wort gehalten“, sagt Owczarek. Die PiS führte erstmals in Polen Kindergeld ein, nahm die Rente mit 67 zurück und erhöhte den Mindestlohn.

Owczarek legt Wert auf die Feststellung, dass die Sozialpolitik der PiS nicht von den Angriffen auf die Gewaltenteilung zu trennen ist. Der junge Wissenschaftler prophezeit aber auch: „Ein Zurück ist nicht mehr möglich.“ Alle künftigen Regierungen müssten sich an dem „neuen, erfolgreichen sozialpolitischen Paradigma orientieren, oder sie werden bei Wahlen chancenlos sein“. Verwandelt sich Polen nun also doch noch in jenen Wohlfahrtsstaat, den die Menschen seit 30 Jahren herbeisehnen?

Wer die Wissenschaft mit der Wirklichkeit konfrontieren will, sucht am besten unter den Pfeilern der Poniatowski-Brücke. Oben führt eine sechsspurige Straße aus der City mit ihren gläsernen Wolkenkratzern über die Weichsel in den ärmeren Ostteil der Stadt. Unten bietet die Brücke ein wenig Schutz. In den Ecken stehen leere Wodkaflaschen. Zubrowka, der mit dem Büffelgras. Oder Krupnik, der mit dem Honig. Wird es kalt, treffen sich hier die Obdachlosen. Es ist also kein Zufall, dass es nur wenige Hundert Meter entfernt ein Hinterhaus gibt, das sich im Polnischen „Przytulek“ nennt. Ein Asyl. Aber im Original schwingt da noch etwas mit: Das Adjektiv „przytulny“ bedeutet gemütlich, behaglich. Ein Unterschlupf.

Das denkmalgeschützte Haus existiert seit mehr als 120 Jahren in seiner Funktion als Asyl für Arme, Alte und Waisen, für Kranke, Behinderte und Obdachlose. Zwei Weltkriege hat es überstanden. „Und es erfüllt seine Aufgabe noch immer“, sagt Adam Stradowski stolz, der Vorsitzende der gemeinnützigen Gesellschaft, die das Heim betreibt. Die Aufgabe, das ist die Hilfe für die am meisten Hilfebedürftigen. Heute sind das vor allem alte Menschen, die nichts und niemanden mehr haben.

Außer Pflegerin Sylwia zum Beispiel. Fünf Betten stehen in dem Zimmer, in dem sie mit Latexhandschuhen arbeitet. Sie wäscht alte Körper, die sich von selbst kaum noch bewegen können. Sie füttert. Aber die junge Frau redet auch und lacht. Was motiviert sie? Sylwia überlegt noch, da geht Stradowski dazwischen. „Man muss dafür schon einen kleinen Knacks weg haben“, sagt er lachend und entschuldigt sich dann ein halbes Dutzend Mal, weil er das mit dem Knacks natürlich nicht so gemeint hat. Und dann fällt ihm doch noch das Wort ein, das Sylwia suchte: Filantropia. Menschenliebe. Sie gehört zu Polen wie der Freiheitsdrang.