Köln/Düsseldorf : Fußball studieren

An der Deutschen Sporthochschule Köln läuft zum Wintersemester 2015/16 der Weiterbildungsmaster "Spielanalyse" an. Den 21 Studierenden versprechen Uni und Sportverbände ein weites Berufsfeld.

Der Fußballweise aus Hohensachsen bestach stets durch seine Pragmatik. "Elf Freunde müsst ihr sein" und "Das Runde muss in das Eckige" wusste Trainer Sepp Herberger. Pragmatisch, praktisch, gut. Immerhin reichte es, um die deutsche Nationalelf 1954 zum WM-Titel zu führen. Und heute? Verkehrt der einst grundsolide Fußball lieber in höheren Kreisen. Etwa in der Sphäre der Wissenschaft. So ist auch jedem Fan der "Matchplan" ein Begriff. Bundesligatrainer der neuen Generation, wie Thomas Tuchel (Borussia Dortmund), haben ihn im Sportjargon etabliert.

Während der Fußball langsam seinen Bolzplatz-Charme ablegt, kennt man die Szenen vom Hockey, Basketball oder Handball schon seit Jahrzehnten: Wenn Trainer und Team am Spielfeldrand zusammenrücken und den taktischen Spielzügen durch wilde Klemmbrett-Kritzeleien Ausdruck verliehen wird. Dann schauen Sportler, vor allem aber Spielanalysten ganz genau hin. Sie entschlüsseln die Spielidee.

Die Deutsche Sporthochschule Köln will diese Kenner nun erstmals wissenschaftlich fundiert ausbilden: Der Weiterbildungsmaster "Spielanalyse" läuft im Wintersemester an. Was zunächst übertrieben klingen mag, folgt einer Entwicklung des Sports, die am Spielfeldrand seit Jahren zu beobachten ist. Größere Trainerstäbe, weitläufige Trainingsanlagen und die individuelle Betreuung jedes einzelnen Profis: all das sind Merkmale für die Professionalisierung in den Sportspielen. Allen voran die Trainerfigur hat sich gewandelt. Vom Übungsleiter von einst ist wenig übrig geblieben: Trainer verstehen sich als Architekten. Sie wollen das perfekte Match erschaffen. Sie leben das Spiel und planen Laufwege, Pässe und Spielzüge bis ins Detail.

Die "Spielanalyse" ist für sie ein zentrales Instrument, im eigenen Training und im gegnerischen Spiel. "Jede Profimannschaft hat mittlerweile drei bis fünf Spielanalysten. Und die Anforderungen wachsen", sagt Daniel Memmert vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Memmert ist Studiengangsleiter des wohl innovativsten Studiengangs, den die Sportwissenschaft derzeit zu bieten hat.

An der Hochschule sollen Studierende des Weiterbildungsmasters "Spielanalyse" lernen, das Spiel zu lesen. Laut Memmert gebe es ein wachsendes Berufsfeld: im Verein, in den Medien, der Wirtschaft und der Forschung. "Zukünftig werden Spielanalysten vermehrt in die sportliche Leitung von Mannschaften involviert", sagt er. Ein einheitlicher Ausbildungsweg sollte für die geschaffen werden, die sich im Alltag mit Video-Analysen, Raumdeckung oder Stellungsfehlern auseinandersetzen. Auch in der medialen Berichterstattung ist das verstärkt der Fall, wenn Experten wie Ex-Torwart Oliver Kahn mit Pfeilen und Trickeffekten die Spielidee erklären. Im ZDF-Sportstudio ist die Videoanalyse längst ein wichtiger Bestandteil der Sendung.

Auf dem Zweijahresplan für Studierende stehen daher Module wie Einzelspieleranalyse, Talent-Identifikation, Leistungsdiagnostik oder das Anwenden der speziellen Software. Bewerben darf sich, wer ein abgeschlossenes Studium und einjährige Berufserfahrung im Bereich Spielanalyse vorweisen kann. Die 21 Studierenden, die in diesem Semester gestartet sind, lassen sich die Ausbildung einiges kosten: 1850 Euro kommen zusätzlich zum Semesterbeitrag pro Halbjahr zusammen. Der Lohn sind Expertise und eine anerkannte Lizenz. "Wir glauben, dass es nur mit wissenschaftlichem Know-how möglich ist, innovativ zu arbeiten und Veränderungen im Spiel als Kontinuität zu verstehen", erklärt Memmert. Offensichtlich teilen Deutschlands größte Sportverbände diese Ansicht. Große Namen finden sich im wissenschaftlichen Beirat des neuen Weiterbildungsmasters: DFB-Sportdirektor Hansi Flick, Ulrich Forstner, Bundestrainer des Deutschen Hockey-Bundes, oder Professor Lothar Bösing, Vizepräsident des Deutschen Basketball-Bundes.

"Der Bereich der Spielanalyse hat die Entwicklung des Fußballs maßgeblich beeinflusst", sagt Flick. "Die Leistungsbewertung und Ausarbeitung von Strategien ist sehr komplex geworden", heißt es in seiner Stellungnahme auf der Homepage der Deutschen Sporthochschule. Der Basketball-Bund setzt auch Hoffnungen in das Konzept, das Wissenschaft und Praxis vereinen soll: "Dies kann die Voraussetzung für eine optimale Spielanalyse bilden und damit verbunden zu einem Wettbewerbsvorteil für die Mannschaften führen, die solche Spezialisten für die Spielanalyse beschäftigen", sagt Bösing. "Zum anderen kann dieser Studiengang einen weiteren Mosaikstein bilden auf dem Weg zu einer breiteren Professionalisierung des Trainerberufs." Den Fokus legen Hochschule und Sportverbände auf den Innovationscharakter der Module. Spielanalysten müssten vorausschauend und weitsichtig denken können.

Innovation ist das Stichwort, das Universität und Verbände betonen. Die 21 Studierenden werden in den kommenden zwei Jahren viele Stunden Ballsport sehen, um Trends zu entdecken und, wenn es nach Studiengangsleiter Memmert geht, zu "Pionieren für neue Spielkonzeptionen" werden. Bei allem Fortschritt dürfte eine Binse aber Bestand haben. An alle Nicht-Akademiker auf den Rängen: Der Ball, er bleibt rund.

(RP)
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