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Bundestag: Jede zweite Athletin von sexualisierter Gewalt betroffen

Anhörung im Bundestag : Jede zweite Athletin von sexualisierter Gewalt betroffen

Seit Jahren verschwiegen oder vertuscht: Sexualisierte Gewalt betrifft jeden dritten Leistungssportler. Vier von fünf Athletinnen und Athleten erleben sogar psychische Gewalt. Der Sportausschuss des Bundestages sucht nun nach Befunden und Lösungen.

Psychische Gewalt im Olympiazentrum in Chemnitz, bestätigt und anschaulich gemacht von prominenten Turnerinnen wie Pauline und Helene Schäfer, beschäftigte gerade die Öffentlichkeit. Nun erreicht das Thema auch den Bundestag. An diesem Mittwoch will der Sportausschuss mit einer Expertenbefragung Licht in ein oft verschwiegenes Problemfeld bringen. Auf dem Tisch liegen bereits die ersten Ergebnisse eines Forschungsprojektes der Kölner Sporthochschule. Danach haben 86 Prozent der Leistungssportler mindestens einmal psychische Gewalt erlebt, rund ein Drittel von knapp 1800 befragten Kaderathleten berichten sogar von sexualisierten Gewalthandlungen.

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Die ehemalige Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer und weitere Athletinnen hatten der Chemnitzer Trainerin Gabi Frehse Beschimpfungen, überhartes Training und dem Zentrum die Verabreichung von Medikamenten vorgeworfen. Frehse hatte die Anschuldigungen als „unterschiedliche Wahrnehmungen“ zurückgewiesen und war beurlaubt worden. Der Deutsche Turnerbund sprach von einem schlimmen Generalverdacht.

Überwiegend im Kinder- und Jugendalter werden die Sportlerinnen und Sportler erstmals Opfer sexualisierter Gewalt. Darunter verstehen die Sportwissenschaftler sowohl Küsse und Sex ohne den eigenen Willen als auch unangemessene Berührungen sowie anzügliche Bemerkungen oder Bildnachrichten. Zehn Prozent waren beim ersten Mal nicht einmal 14 Jahre alt, weitere 57 zwischen 14 und 17. Es handelt sich also um eine eklatante Minderjährigen-Gefährdung. Und es ist vor allem ein Problem für Mädchen. Unter den Sportlern machten 24 Prozent diese unangenehmen bis schlimmen Erfahrungen, unter den Sportlerinnen waren es 48 Prozent.

Zusammenfassend heißt es in der Studie aus Köln über die sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt: „Alle Athlet/-innen, die hier Angaben machten, berichteten, dass die sexuell aggressive Person eine erwachsene und männliche Einzelperson war. Mehrheitlich handelte es sich um einen Betreuer oder um eine andere Person aus dem Vereinsumfeld, seltener um einen anderen Sportler.“

Der Ansatzpunkt ist also relativ leicht auszumachen. Und die Sportverbände habe sich bereits vor elf Jahren in der Münchner Erklärung selbst in die Pflicht genommen, für Sensibilisierung, Vorbeugung und Intervention zu sorgen. Der überprüfende Befund der Forscher besagt nun, dass die Situation umso besser ist, je größer und professioneller eine Sportorganisation aufgebaut ist. Auf der anderen Seite haben bislang erst 29 Prozent der Sportvereine sich selbst Regeln für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen gegeben, elf Prozent haben vor, das zu tun, aber mehr als die Hälfte hat nichts getan und plant auch nichts zu tun.

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Von „Optimierungsbedarf“ spricht deshalb auch die Wuppertaler Sportwissenschaftlerin Bettina Rulofs insbesondere mit Blick auf die Basis des Sports in den rund 90.000 Sportvereinen in Deutschland. Nur jeder zehnte Verein habe einen Ansprechpartner für Prävention auf diesem Gebiet. Dies sei umso bedenklicher, da Athletinnen und Athleten am häufigsten im Zusammenhang mit einem Sportverein sexualisierte Gewalterfahrungen machten.

Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag verweist darauf, dass in den vergangenen Monaten national wie international eine Vielzahl von Grenzüberschreitungen im Sport bekannt geworden seien, die sich zum Teil über Jahre oder Jahrzehnte einer Aufdeckung entzogen hätten. „Es zeigt sich, dass der Sport offenbar über lange Zeit die Risiken, die das enge Verhältnis von Athletinnen und Athleten mit Trainerinnen und Trainern mit sich bringen kann, unterschätzt, im schlimmsten Fall sogar ignoriert hat“, kritisiert die SPD-Politikerin.

Insbesondere im Leistungssport existiere ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis, erläutert Freitag. „Aber auch im Breitensport muss der Sportraum jederzeit transparent sein und Sporttreibende vor Übergriffen schützen“, fordert die Sportexpertin. Die Anhörung in ihrem Ausschuss am Mittwoch solle dazu beitragen, Ideen und Konzepte aufzuzeigen. „Fundiert und sinnvoll“ nennt die Ausschussvorsitzende etwa eine Initiative des Verbandes Athleten Deutschland, wonach ein unabhängiges Zentrum für Safe Sport gegründet werden solle, an das sich Betroffene vertrauensvoll wenden könnten. Auch die Grünen-Sportexpertin Monika Lazar nennt eine vom Sport unabhängige, niedrigschwellige Anlaufstelle „dringend notwendig“. Für sie ist es ein richtiger Schritt, dass das Innenministerium Sportfördermittel nun an gewisse Mindeststandards in diesem Bereich knüpft. Nötig seien nun aber auch bundesweite Studien über das Ausmaß sexualisierter Gewalt im Breitensport.