TV-Kritik "Illner": "Martin Schulz war ein Opfer von Sigmar Gabriels Schwäche"

TV-Nachlese "Maybrit Illner": "Schulz war ein Opfer von Gabriels Führungsschwäche"

Erst fängt die SPD mit der Diskussion an, dann will sie plötzlich öffentlich nicht mehr darüber sprechen: Olaf Scholz weigerte sich am Donnerstagabend, mit Maybrit Illner über Personalfragen zu reden. Das übernahmen dann andere.

Darum ging's "Machtspiele am Abgrund - ist Schwarz-Rot noch zu retten?" lautete das Thema der Sendung. Was das Führungspersonal der SPD zuletzt präsentierte, rufe wahlweise Entsetzen oder Schadenfreude hervor, kommentierte Moderatorin Maybrit Illner zu Beginn der Sendung. "Wird das alles wieder besser?", fragte sie und wollte wissen, ob der CDU auch solche Kämpfe bevorstehen, sollte die Kanzlerin irgendwann abtreten.

Darum ging's wirklich In der ersten Hälfte der Sendung ging es um die Instinktlosigkeit der SPD und des nun ehemaligen Vorsitzenden Martin Schulz. Das SPD-Mitglied Wolfgang Gründinger erklärte, warum er nicht wusste, wofür er Wahlkampf machte und warum er deswegen nicht für die große Koalition stimmen wird. In der zweiten Hälfte ging es um Angela Merkel und die CDU. Hier führte Paul Ziemiak das Wort. Der aufsässige Vorsitzende der Jungen Union wollte mit seinem Paradethema glänzen: einem neuen Konservatismus. Wurde aber von den Journalisten unter den Gästen ausgebremst.

Die Gäste

Der Frontverlauf

Das Dilemma der SPD offenbarte sich bereits in den ersten Sendungsminuten. Wolfgang Gründinger erläuterte als SPD-Mitglied, warum er seine SPD nicht mehr wiedererkennt. Der heute 33-Jährige war mit 16 Jahren in die Partei eingetreten, als sie für eine rot-grüne Zukunft gestritten habe. Im zurückliegenden Wahlkampf hätten einige seiner Parteikollegen bei Tür-zu-Tür-Wahlkampf gehofft, dass die Leute sie nicht fragen, wofür die SPD steht. "Wenn selbst die eigenen Mitglieder nicht mehr wissen, warum wir eigentlich Wahlkampf machen, ist es für den Kandidaten an der Spitze auch zu spät", sagte Gründinger. Es habe die Zukunftsvision gefehlt. Stattdessen habe man Wahlplakate aus dem Keller geholt, die so aussahen wie aus den 80er Jahren. Der kommissarische SPD-Vorsitzende Olaf Scholz saß neben Gründinger und lächelte unentwegt.

Von Olaf Scholz, der gerade Truchsess für Andrea Nahles spielt, kam am Donnerstagabend fast kein substantieller Beitrag. Wie schon sein Kollege Stephan Weil am Abend zuvor bei Sandra Maischberger äußerte sich Scholz nicht zu Personalien - weder zu Schulz, noch zu seiner eigenen oder der Frage der zukünftigen SPD-Minister. Stattdessen wiederholte er in nervtötender Beharrlichkeit die Inhalte des Koalitionsvertrags. Nur einmal konnte Moderatorin Maybrit Illner ihm etwas Kritisches entlocken. Sie konfrontierte ihn mit einem Zitat von Manuela Schwesig. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern hatte kurz zuvor in einem Interview gesagt, dass die Machtkämpfe der Männer der Partei geschadet hätten. Illner wollte von Scholz wissen, ob Schwesig recht habe. "Ja", antwortete dieser schlicht - ohne weitere Nachfragen zuzulassen.

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Der Journalist und Buchautor Hajo Schumacher nannte die Tatsache, dass mit der neuen Regierungsbildung die Personalien Schulz und Sigmar Gabriel "abgeräumt" wurden, ein "Geschenk des Himmels". "Schulz war ein Opfer von Gabriels Führungsschwäche", sagte Schumacher.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, sagte, für Martin Schulz täte es ihm menschlich leid. "Keiner hat ein Interesse daran, dass eine stolze Volkspartei wie die SPD komplett den Bach runter geht."

Gründinger erläuterte, warum er in der kommenden Abstimmung der SPD-Basis über den Koalitionsvertrag mit "Nein" stimmen werde. Der Vertrag sei größtenteils eine Fehlerkorrektur der zurückliegenden Jahre. "Er enthält kein einziges großes Reformprojekt", sagte Gründinger. Er sei davon überzeugt, dass man die Daseinsberechtigung der SPD in der Opposition neu definieren müsse. Sonst verwische die Kontur zur CDU. Man spreche darüber, dass die SPD eine "CDU light" sei, und die CDU eine "SPD light". Die Erneuerung müsse unbedingt inhaltlich und personell passieren.

In der zweiten Sendungshälfte profilierte sich Paul Ziemiak. Er beschrieb, was viele CDU-Mitglieder in den vergangenen Wochen gestört habe: Dass es immer nur um die Befindlichkeiten der SPD-Mitglieder gehe, habe viele CDU-Mitglieder genervt. Auch er forderte eine inhaltliche und personelle Erneuerung der CDU und sprach von einem modernen Konservatismus. Man müsse in den kommenden Jahren auch darüber sprechen, was die deutsche "Leitkultur" ausmache.

Dafür musste er sich von der Journalistin Claudia Kade fragen lassen, was er damit meine. Ihr Kollege Schumacher sagte dazu: "Erneuerung bedeute nur 'Ich will auch mal drankommen.'" Angela Merkel müsse sich in den kommenden Jahren auf die "Wadenbeißer" Jens Spahn, Paul Ziemiak und Carsten Linnemann einstellen. "Man kommt an Jens Spahn nicht mehr vorbei", sagte Schumacher. Er werde im neuen Kabinett Merkel vertreten sein.

(heif)