Kaum Überraschungen beim Supertalent: Bohlen entdeckt Milli Vanilli

Kaum Überraschungen beim Supertalent : Bohlen entdeckt Milli Vanilli

Die jüngste Ausgabe vom Supertalent-Zirkus war ziemlich von der Stange. Irgendwie hatte man das alles schon mal gesehen. Bohlen gehen die Talente aus. Symptomatisch dafür der Abschluss der Show mit Milli Vanilli. Zumindest optisch fand sich mit drei anmutigen Sängerinnen aus dem Iran ein neuer Favorit auf den Titel.

Wer eine Folge der RTL-Castingshow "Das Supertalent" gesehen hat, kennt eigentlich alle. Einige Bausteine finden sich aufs Verlässlichste immer wieder. So auch am gestrigen Samstag.

Für eine Ausgabe braucht es in der Regel ein niedliches Kind mit hohem Süß-Faktor, einen unscheinbaren Sänger mit überraschend toller Stimme, etwas grell Skurriles aus der Bescheuert-Kiste, gerne Akrobatik mit leicht beschürzten jungen Damen und mindestens ein bis zwei peinliche Selbstdarsteller , die RTL partout nicht vor sich selbst beschützen mag.

In dieser Hinsicht hatte die jüngste Ausgabe nicht viel Neues zu bieten. Zu Beginn schüchterte eine bald 60-Jährige Bodybuilderin Dieter Bohlen ein, anschließend trieb der für seine erst sieben Jahre bemerkenswert freche Jermaine Kreß Zuschauern und Jury mit seiner Unbekümmertheit die Tränen in die Augen. Dass die Moves bei seiner Tanzshow eher auf dem Faktor Zufall beruhten, hielt keinen davon ab, ihn in die nächste Runde zu herzen.

Eine tolle Stimme ohne Chance

Die musikalische Entdeckung des Abends war zweifelsohne der 16-Jährige Marvin Gräb. "Musik ist mein Leben", erzählte der junge Mann vorab von sich selbst. Auf der Bühne wirkte er mit seiner Zwei-Drittel-Shorts hoffnungslos verloren. Ganz allein stimmte er den Hit "Too Close" von Alex Clare an. Und ließ Bohlen plötzlich hellwach werden.

Leicht heiseres Timbre, perfekt und gefühlvoll intoniert, in seine warme Stimme würde man sich am liebsten hineinlegen. Die Jury staunte Bauklötze. Würde Musikalität allein ausreichen, um in solch einer Show zu bestehen, wäre Marvin einer der Favoriten.

Achtung, die Schicksalsgeschichten kommen

Später setzte RTL an zur großen schicksalsschwangeren Geschichte. Man erkennt das immer daran, dass über bestimmte Künstler ein Hintergrundfilm eingespielt wird, der vom schwierigen Leben des kommenden Talents berichtet. Gelegentlich ist vorab auch bei der Bild ein Bericht zu finden, der ebenfalls auf die Tränendrüse drückt.

Am Samstag traf das auf drei attraktive Sängerinnen zu, die im Iran aufwuchsen, später aber das Land verließen und nun schon seit Jahren in Österreich leben. RTL zeigte vor dem Auftritt der drei Sirenen Schwarz-Weiß-Bilder aus deren Kindheit, als sie noch in der streng verhüllten Tracht der iranischen Frauen gekleidet waren. "Als Kinder mussten wir Schleier tragen", heißt es dazu.

Wie gemalt

Jetzt sagen sie von sich, ihr größter Traum sei es, endlich in Freiheit singen zu dürfen. Auf der Bühne vermengen sie Pop mit Operngesang und sehen in ihren schwarzen schönen Kleidern wie gemalt aus. Manch einer fühlt sich bei den dreien an das legendäre Frauen-Trio TLC erinnert, andere zumindest an Tic Tac Toe.

Auch ihr Opera-Pop funktioniert, auch wenn er nicht jedermanns Sache ist. Gottschalk ist begeistert, Hunziker - wieder einmal schwer emotionalisiert - buzzert die drei direkt ins Halbfinale. "Eine sehr, sehr schöne Message", lobt sie die Iranerinnen. Das mit dem Talent spielt bei der großen Inszenierungsmaschine wieder einmal keine Rolle mehr.

Das Supertalent tritt auf der Stelle

Neue Gesichter mit neuen Ideen zu finden, fällt der Produktion in der mittlerweile sechsten Staffel ohnehin schwer. Das beste Beispiel dafür bot der Auftritt des glatzköpfigen Charles Shaw. Bevor er begann zu singen, orakelte der über ein persönliches Geheimnis. Das wolle er aber erst nach seinem Auftritt verraten.

"Girl You Know It's True", präsentierte er vor der Jury, den weltbekannten Nummer-Eins-Hit des Duos Milli Vanilli aus dem Jahr 1989. Eine reine Playback-Show, wie sich später zeigen sollte, Milli Vanilli hatten immer nur die Lippen bewegt.

Nun tat Charles Shaw so, als gebe er jetzt erst vor der großen Öffentlichkeit bekannt, dass er die wahre Stimme des Welterfolgs gewesen war. Dass er mit der Nummer schon seit Jahren durch die Bierzelte der Republik tingelt, ließen sowohl RTL als auch der Künstler großzügig aus. Im Halbfinale soll er nun zeigen, was er außer Milli Vanilli sonst so drauf hat.

Ein Duisburger ist für Peinlichkeiten zuständig

Und sonst? Wie gehabt. Ein Duisburger Konditor übernahm die die Rolle des Kandidaten, der sich bis auf die Knochen blamierte. Mit leuchten Handschuhen stellte er den von ihm neu entwickelten Tanzstil "Powerdance" vor, wedelte dazu wild mit den Händen, preschte ins Publikum, keuchte nach knapp einer Minute entkräftet wie nach einem Triathlon. Immerhin ein höhnisches Ja von Bohlen bekam er, weil er sich zuvor mit einer Käsetorte bei der Jury einzuschmeicheln wusste.

Ähnlich von sich selbst überzeugt präsentierte sich auch Marcel Silvano Otto als "Mister Mega-Volt". In einem selbstgebastelten Superhelden-Kostüm mit Helm ließ er bunte Blitze zucken, auf der Bühne bewegte er sich gelegentlich mit einem City-Roller fort. Alles sei absolut lebensgefährlich, versicherte er mehrfach. Die Jury ließ ihn gewähren. Dass Gottschalks Buzzer brummte, war angeblich ein Kurzschluss.

Ein Tänzer reißt den den Saal mit

Eine typische RTL-Geschichte rührte das Supertalent auch noch mit dem beachtlichen Tänzer Emil Kusmirek an. "Meine Chance auf ein neues Leben", ließ der im gewohnt dramatischen Einspieler wissen.

Erst der Umzug von Polen nach Gelsenkirchen, keine Arbeit, kein Geld, so dass der homosexuelle Emil vorübergehend als Callboy jobben musste. Einmal verlässt er den Blick der Kamera, weil ihm die Tränen kommen.

Umso schöner gelingt die Verwandlung beim Supertalent. Sein Tanz auf der Bühne — eine Mischung aus Ballett, Jazz und River Dance - reißt alle mit. Selbst die Kerle im Publikum stehen auf, "da kam echt Feier, das war tierisch geil", lobt Bohlen, Saal und Jury sind begeistert.

"Endlich wieder ein Talent", ruft Gottschalk aus.

(pst)