Anne Will diskutiert über die große Supermarktlüge: Tütensuppe schmeckt halt besser

Anne Will diskutiert über die große Supermarktlüge : Tütensuppe schmeckt halt besser

Anne Will lud am Mittwochabend zur Diskussion über ein Verbraucherthema: Werden die Deutschen im Supermarkt belogen? Die Antwort lieferten unter anderem die Brombeeren von Ranga Yogeshwar.

Anne Will hatte sich für den Mittwoch eine bunte Runde eingeladen. Rechts von ihr die Öko-Fraktion, vertreten durch den Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar und die Buch-Autorin Tanja Busse, die für eine größere Wertschätzung von Lebensmitteln warben. Links von Will die Gegenseite: Stefan Genth für den Handel, Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und Starkoch Christian Henze, der auch die Lebensmittel-Industrie berät.

Talkshows haben es mehr denn je an sich, dass ein Thema anhand von Reizwörtern zerschossen wird. So auch an diesem Abend. Die Tricks der Supermärkte spielen eigentlich keine nennenswerte Rolle, stattdessen geht es um die Klassiker der immer wiederkehrenden, vor allem in Deutschland beheimateten Ernährungsdebatte: Lebensmittelskandale, Massenproduktion versus Bio, Tonnen von Nahrung auf dem Müll und last but not least die öko-soziale Frage nach Klimawandel und unserer Verantwortung für Hunger und Elend in Entwicklungsländern.

Der Handel am Pranger

Die eigentlich vorgegebene Leitfrage nach dem systematischen Betrug der Verbraucher spielt nur eine marginale Rolle. Schon im ersten Einspieler wird klar: Sie stellt sich eigentlich nicht. Die Redaktion führt zur Einstimmung direkt die fiesesten Tricks der Industrie auf: Klebefleisch, Analogkäse, Sauerstoff in der Fleisch-Verpackung, damit der Inhalt frisch aussieht, die Zuckerlüge bei angeblich so gesunden Cerealien — Schummel und Schwindel sind in den Supermarktregalen an der Tagesordnung. Und: Jeder weiß es.

Natürlich steht daraufhin der Handel am Pranger. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands, kennt sich offensichtlich aus in dieser Lage, so flüssig und selbstgewiss kommen seine Argumente. Die Produkte seien allesamt sicher und geprüft, der Verbraucher mündig, das Angebot habe für jeden das Passende dabei, der Handel habe nicht das geringste Interesse, das Vertrauen der Verbraucher aufs Spiel zu setzen. Außerdem, das ist ihm wichtig, so oft sagt er das an diesem Abend: Bitte keine Schwarz-Weiß-Malerei.

Szenenapplaus für Yogeshwar

Seine Kritiker haben einen erstaunlich schweren Stand an diesem Abend. Vielleicht liegt das auch daran, dass Tanja Busse zunächst den Handel für seine Geschäftspraktiken kritisiert, anstatt gezielt den Betrug am Verbraucher aufzugreifen. Der mache seine Gewinne (bei Nestlé angeblich zehn Milliarden im Jahr) vor allem, indem er vor allem billige Rohstoffe zu Dumpingpreisen verarbeite und Produzenten ausbeute. Sie kennt sich aus damit, darüber hat sie unlängst ein Buch geschrieben. Doch die bunten Verpackungen erwähnt sie nur am Rande.

Yogeshwar ärgert sich lieber über den jüngsten Lebensmittelskandal in Deutschland: 11.000 kranke Kinder durch Erdbeeren aus China. Und das nur, weil der Preis das entscheidende Kriterium beim Kantinenessen ist. "Warum muss man im Oktober Erdbeeren aus China essen?", klagt der Journalist. Es gebe tolles Obst hier. Dafür bekommt er sogar Szenenapplaus.

In Brüssel verstehen sie die Deutschen nicht

Ein weiterer Kritikpunkt: Mangelnde Transparenz für den Verbraucher. Yogeshwar macht das an einem Beispiel deutlich. So seien manche der Zusatzstoffe mit dem E gesundheitsgefährdend. Etwa das E 122, das sich unter anderem in Süßgetränken oder Lutschern findet. Auf der Verpackung findet sich sogar ein kleiner Hinweis: "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen", heißt es da. Und Yogeshwar fragt: Warum kann man das nicht verbieten?

Es folgt einer dieser Momente, die einen am Sinn der europäischen Integration zweifeln lassen. Für Ministerin Aigner ist die Frage der Startschuss für eine große Klage über die Machtlosigkeit der Bundesregierung. Denn es obliegt der EU, ein entsprechendes Verbot zu formulieren. Aigner erzählt, wie es in anderen, vergleichbaren Fällen sieben Jahre gedauert hat, bis eine europäische Regelung greifen konnte. "Es ist immer wieder dasselbe", sagt Aigner. So wie sie es beschreibt, kann sie einem fast leid tun. Denn so bio-verrückt wie die Deutschen ist in Brüssel sonst keiner. "Die verstehen gar nicht, was wir an Analogkäse schlimm finden", sagt Aigner.

Manchen ist es einfach wurscht

Doch auch die Kehrseite der Forderungen nach Transparenz wird aufgegriffen. Denn wieweit sich der Verbraucher intensiv mit Produktetiketten und Warnhinweisen überhaupt beschäftigen will, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wills Redaktion bringt das mit einer Umfrage etwas gehässig auf den Punkt. Als Schauplatz hat sich Wills Reporter ausgerechnet das Oktoberfest in München ausgesucht, wo er Leute mit einem Fleischbrötchen in der Hand aufgabelt. "Woher kommt das Fleisch?", lautet seine Frage. Die Antworten sprechen für sich: "Von dem Stand da drüben." "Das wollen wir nicht wissen." "Wenn man voll ist, spielt das doch eh keine Rolle." "Auf der Wiesn ist mir das ziemlich wurscht."

So wabern bei Will auch unbequeme Antworten durch den Abend, die aber leider nur abgetippt, aber nicht vertieft werden. Sind Lebensmittel in Deutschland zu billig? Nein, sagt Aigner, sie findet es gut, dass auch Menschen mit knappem Budget im Supermarkt einkaufen können. Nein, sagt Genth für den Handel. Die Qualität sei hochwertig, die Gewinnmarge des Handels bei gerade mal einem Prozent. Busses Gegenkritik, die die Qualität der Lebensmittel anzweifelt, verpufft im Ungefähren.

Convenience aus der Tiefkühltruhe

Mit Netto-Koch Henze kommt noch ein neudeutscher Aspekt ins Spiel: Convenience. Zu Deutsch Bequemlichkeit, aber ohne negativen Beiklang. Tiefkühlkost findet dieser von sich selbst begeisterte Gourmet völlig ok. Nicht nur geschmacklich und gesundheitlich, sondern auch weil er "modern sein will." Und das schließt wie in sicher tausenden deutschen Haushalten ein, dass es auch mal schnell und unkompliziert gehen muss.

Die Industrie ermöglicht dem Verbraucher in dieser Sicht der Dinge das Genusserlebnis aus der Tiefkühltruhe. Das Gegenmodell liefert hingegen Yogeshwar: Er bricht eine Lanze für eine größere Wertschätzung von Lebensmitteln und erzählt wie toll ihm seine selbstgemachte Brombeermarmelade schmeckt. Das ist zwar nicht modern, aber dafür ökologisch und politisch hundertprozentig korrekt. Vom Star-Koch Henze trennen ihn Welten, die gelegentlich auch aufeinanderprallen. "Sie werden missbraucht", sagt er dem Gegenüber, als der von seiner Arbeit für die Industrie erzählt.

In der Tütensuppenfalle

Dass ihm industrielles Fastfood ein Gräuel ist, daran lässt Yogeshwar keinen Zweifel. "Das Marketing wird immer toller, das Essen immer schlechter", schimpft er und lässt auch nicht die Studie aus, nach der in einem Fall der Nährwert der Verpackung größer gewesen sein soll als der des Inhalts.

In welcher Genuss-Falle der Verbraucher dabei steckt, verdeutlicht der Journalist mit einem erstaunlichen Befund eines Tests: So probierten Verbraucher den Geschmack einer Tütensuppe mit dem einer handgemachten. Ergebnis: Die Fertigsuppe kam besser an. Aus Sicht Yogeshwars werden Verbraucher durch die Lebensmittelindustrie neu programmiert, indem sie Reizwerte heraufsetzt, auf die wir von Natur aus anspringen.

Mehr Zucker, mehr Fett, mehr Salze. Yogeshwars Schlussfolgerungen sind nicht von der Hand zu weisen: Hat sich der Mensch erst einmal daran gewöhnt, kann er sich für den ursprünglichen, schlichteren Geschmack nicht mehr so recht begeistern. Die Folge: Immer mehr haben mit Fettleibigkeit zu kämpfen, in Deutschland gelten inzwischen 20 Prozent der Kinder als übergewichtig.

(pst)