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Leichtathletik: Der 100 000-Kilometer-Mann

Leichtathletik : Der 100 000-Kilometer-Mann

Helmut Bourry bestritt am Sonntag in Düsseldorf seinen 100. und letzten Marathon. Doch mit dem Laufen will der 76-Jährige noch lange nicht aufhören. 580 Urkunden und 120 Pokale hat er schon gewonnen. "Die bewahre ich in meinem Museum auf."

Das rechte Knie zwickt. Die Muskeln brennen noch. Die üblichen Wehwehchen nach einem Marathon-Lauf. Helmut Bourry kennt das zur Genüge. Es ist für ihn nicht der Rede wert. Zumal die Müdigkeit im Körper von einem anderen Gefühl verdrängt wird. Einer grenzenlosen Erleichterung. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich im Ziel war", sagt der 76-Jährige. Am Ende eines Rennens, das ein besonderes für ihn war. Wesels Dauerläufer erreichte am Sonntag in Düsseldorf zum 100. Mal bei einem Marathon das Ziel. Und zum letzten Mal. Der Mann mit der Mütze (Bourry: "Eine Marotte von mir") wird keinen Marathon mehr laufen. "Da habe ich meiner Frau Rosemarie versprochen." Punktum. Da gibt's kein Zurück mehr.

Bourry ist auch froh, dass das Thema erledigt ist. "Denn die letzten Wochen haben Nerven gekostet." Dem 76-Jährigen, der 1982 nach dem zweiten Herzinfarkt mit dem Laufen begann, ist es zuletzt schwer gefallen, die intensive Vorbereitung auf einen Marathon durchzuziehen. "Der ganze Zirkus wie zum Beispiel auf die richtige Ernährung zu achten — das will ich mir nicht mehr antun", sagt er. Den Läufer Helmut Bourry wird's weiter geben. "So lange ich Spaß daran habe. Mein Körper wird mir schon signalisieren, wann es nicht mehr geht und ich aufhören muss." Ein Leben ohne Sport — Bourry kann es sich nicht vorstellen. Seine Frau Rosemarie, die als Jugendliche in Dinslaken als Leichtathletin aktiv war, wird ihren Mann, der 37 Mal das Sportabzeichen in Gold absolviert hat, in seinem Bewegungsdrang auch nicht bremsen. "Denn sie sieht ja, dass ich immer ein fröhliches Gesicht habe, wenn ich vom Laufen nach Hause komme."

Wesels Marathon-Mann wird das Pensum jedoch drosseln, da er sich nicht mehr auf Rennen über die Distanz von 42,195 Kilometer vorbereiten muss. Nur noch drei bis vier Mal in der Woche wird er seine geliebte Runde um den Auesee drehen. So wie er es seit 1982 tut. Mit wenigen Unterbrechungen. 2004 musste er das ganze Jahr pausieren. Bourry stoppte erst ein leichter Bandscheibenvorfall, dann eine Knieverletzung. "Die Zeit war schlimm", sagt der Rentner, der schätzt, das er gut 100.000 Kilometer gelaufen ist. Alleine bei Wettkämpfen brachte er es auf 12.000 Kilometer. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Helmut Bourry hat die 580 Urkunden und 120 Pokale, die er sich erlaufen hat, gesammelt. "Die bewahre ich in meinem Museum auf", meint Bourry. So nennt er das Zimmer mit den Zeugnissen seiner Laufbahn als Langstreckler. Es sollen noch einige Trophäen dazukommen. Der Weseler wird weiter bei Wettkämpfen starten. "Aber was heißt schon Wettkämpfe? Da laufe ich auch nicht schneller als beim Training." Den nächsten Start hat er schon geplant — beim Voerder Halbmarathon (20. Mai). Bourry will auch bei den Halbmarathon-Läufen die 100 vollmachen. Nummer 76 bestritt er gerade in Flüren.

Er schätzt die kleinen, familiären Veranstaltungen. Zu den großen Marathon-Läufen hat es ihn nie gezogen. 2000 wollte er in New York starten. Aus dem Plan wurde nichts. "Ich glaube nicht, dass ich etwas verpasst habe. Es soll furchtbar hektisch dort zugehen." Das Gedränge am Start war auch am Sonntag in Düsseldorf groß. Bourry hielt sich wie immer zurück. Er ging als Letzter auf die Strecke, lief an weit mehr als 1000 Teilnehmern vorbei — bis auf Platz 1865 in der Gesamtwertung.

Er konnte das letzte Marathon-Rennen aber nicht so genießen, wie er es sich gewünscht hatte. "Bis Kilometer 25 war alles prima. Dann habe ich Krämpfe bekommen und musste deshalb zeitweise gehen." Vier Kilometer vor Schluss verschwanden die Beschwerden wieder. "Zum Glück, denn so konnte ich mit einem Strahlen im Gesicht ins Ziel laufen. Was hätten die Leute denn gedacht, wenn ich humpelnd angekommen wäre?" sagt Helmut Bourry. Sie hätten dem ältesten Teilnehmer sicherlich auch dann den Respekt gezollt, den er sich für seine Zeit von 4:38,22 Stunden verdient hatte.

(RP)