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Hünxe: Vortrag über Ölpellets

Hünxe/Schermbeck : „Ölpellets sind krebserzeugende Stoffe“

Ein Arzt hat während eines Infoabends deutlich gemacht, dass die Pellets auf der Deponie Gahlen gefährlich seien. Beim Ölpellets-Prozess in Bochum wurden Versäume der Staatsanwaltschaft aufgelistet.

Mit den gesundheitlichen Gefährdungen von Ölpellets befasste sich am Mittwochabend im Vereinsheim des ST Hünxe eine Infoveranstaltung, deren Moderation der SPD-Fraktionsvorsitzende Jan Scholte-Loh und der EBH-Vorsitzende Ralf Lange übernahmen. Die Einladung erfolgte von der SPD und der EBH mit Unterstützung der Grünen und vom Ratsmitglied Stephan Barske. Anwohner in Gartrop-Bühl und Gahlen sind besorgt Denn sie wohnen nicht weit von der früheren Abgrabung der Firma Nottenkämper, wo bekanntlich illegal entsorgte Gefahrenstoffe lagern.

„Es geht uns nicht um die Frage nach einer Schuld, sondern ausschließlich um gesundheitliche Aspekte“, beugte Scholte-Reh von Beginn an jeglichem Versuch einer politischen Diskussion vor, was auch bis in die Schlussphase der zweistündigen Veranstaltung gelang.

Den Vortrag übernahm der Hünxer Facharzt für Arbeitsmedizin, Joern-Helge Bolle. Als Grundlage dienten ihm zwei Gutachten, die der Kreis unter Druck mehrerer Gruppen kürzlich auf der Homepage des Kreises Wesel veröffentlichte (wir berichteten). Im ersten Teil betrachtete Bolle kritisch diese Gutachten. Er bemängelte insbesondere, dass zwar geologische und wassertechnische Betrachtungen angestellt wurden, aber die toxologische und medizinische Fachkomponente fehlten. Bolle forderte umfangreiche Boden-, Wasser- und Luftmessungen durch ein anerkanntes Institut. Als mangelhaft bewertete er die bisherigen Schadstoff-Analysen. Benzole fehlten in der Betrachtung bislang ebenso wie extrem toxische Stoffe wie Dioxine und Furane. Völlig offen bleibe die Frage der ewigen Organisation und Bezahlung von Schadstoffmessungen im Falle einer Insolvenz oder Schließung der Firma Nottenkämper.

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Bolle stellte die Gefahren für einzelne Körperorgane vor. Manche Stoffe würden das zentrale Nervensystem schädigen, andere eher die Leber, die Blase, die Lunge, die Nieren oder die Keimdrüsen.

Als „unstrittige Faktoren“ bewertete Bolle die Tatsache, dass „Ölpellets krebserzeugende, mutagene und reproduktionstoxische Stoffe“ wie polyzyklische aromatische Kohlenwaserstoffe (PAK) und Schwermetalle, die laut Produktblatt in die höchste Krebsgefahr-Kategorie 1 eingestuft würden. In diesem Zusammenhang meldeten sich Gartroper Bürger, um auf eine auffallend hohe Krebsrate in ihrem Dorf hinzuweisen. Eine Gartroper Bürgerin berichte auch von auffallenden Krankheitsbildern bei Tieren.

Aus Sicht des Mediziners müsse geklärt werden, welche bislang nicht bekannten Schadstoffe illegal auf der Nottenkämper-Deponie abgelagert worden seien. Zu klären sei auch die Frage, ob die Ölpellets zu Lasten des Verursachers zu Sondermülldeponien gebracht werden sollten. Dass eine solche Umlagerung auch ohne eine Gefährdung der Arbeiter oder der Bewohner in der Umgebung erfolgen könne, steht für Bolle fest.

Man wolle, dass die Ölpellets „da rauskommen“, forderte ein Zuhörer unter Beifall. Eine Frau meinte: „Die, die das gemacht haben, gehören in den Knast.“

Unterdessen entwickelt sich der Prozess gegen den Gahlener Abfallmakler H. am Bochumer Landgericht allmählich in eine Richtung, mit der die Staatsanwaltschaft zu Beginn vor eineinhalb Jahren nicht gerechnet hat. Während an den ersten 20 bis 25 Verhandlungstagen die Staatsanwaltschaft bemüht war, dem Gahlener nachzuweisen, dass er zu den Hauptschuldigen in der Lieferkette von gefährlichen Ölpellets gehörte, ist die Staatsanwaltschaft in den letzten drei Monaten zusehends selbst in die Kritik geraten. Nach der Strafanzeige der Schermbecker Grünen und des BUND gegen vier Bochumer Staatsanwälte hat die Verteidigung des Gahleners ebenfalls damit begonnen, erhebliche Vorwürfe gegen die BP, gegen die Bezirksregierungen in Münster und Düsseldorf und gegen die Staatsanwaltschaft zu erheben. Die Summe der Einlassungen der Verteidigung erweckte beim Gericht den mehrfach vom Vorsitzenden Richter geäußerten Verdacht, es solle ein Angeklagter aus dem Mittelfeld als Schuldiger fokussiert werden, während andere geschont blieben. Den bereits zweimal gemachten Vorschlag der zweiten Strafkammer, das Verfahren einzustellen, lehnte die Staatsanwaltschaft kategorisch ab.

Hätte die Staatsanwaltschaft einer Prozessbeendigung zugestimmt, wäre ihr erspart geblieben, nun im Visier zu sein. Genau so erlebten die Prozessbeobachter die jüngste Sitzung am Mittwoch in Bochum. Als Ersatz für die bisherigen vier Staatsanwälte musste sich eine Kollegin eine Stunde lang mit anhören, was die vier Staatsanwälte offensichtlich falsch gemacht haben. Am Ende der einstündigen Einlassung legte der Richter erneut eine Einstellung des Verfahrens nahe. Mit dem Hinweis darauf, dass allenfalls eine „Fahrlässigkeit“ des Gahleners und damit ein „Verschulden am unteren Ende“ nachzuweisen sei, verzichtete er diesmal sogar auf die 20.000 Euro Zahlung an eine Umweltorganisation, die er zuletzt noch als Bedingung für eine Verfahrenseinstellung gestellt hatte.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels hatte es am Ende dieses Artikels einmal geheißen, die vier Staatsanwälte seien bereits angeklagt. Tatsächlich wird immer noch erst geprüft, ob Anklage erhoben wird. Bisher liegen Anzeigen gegen sie vor.