Wesel: Das Projekt Blühstreifen

Wesel : Das Projekt Blühstreifen

Überall in Wesel haben Landwirte Blühstreifen angelegt, um die Insektenpopulation zu retten. Was bedeutet das für die Landwirte, und was für die Tiere?

Naturschützer schlagen Alarm: In den letzten 25 Jahren, so heißt es, seien – auch am Niederrhein – drei Viertel aller Insekten verschwunden. Darunter haben vor allem die Vögel zu leiden, die in der Brutzeit zu wenig Futter für ihren Nachwuchs finden. Der zunehmende Mangel an Blütenvielfalt auf Wiesen, in Gärten und Grünanlagen entzieht vielen Insekten die Nahrungsgrundlage und den Lebenraum. Monokulturen auf Feldern und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bedrohen die Insekten ebenfalls.

Um einen kleinen Beitrag zu leisten, dass sich die arg dezimierte Insektenpopulation langsam wieder erholt, haben der Vorsitzende der Weseler Ortsbauernschaft, Martin Gimken, und seine Kollegen an der Blühstreifenaktion der Kreisbauernschaft teilgenommen. Heimisches Saatgut, ausreichend für eine Fläche von gut acht Hektar und von verschiedenen Sponsoren zur Verfügung gestellt, wurde im Frühjahr an den Rändern zahlreicher Felder ausgebracht. Mittlerweile sind dort blühende Paradiese entstanden – unter anderem für fleißige Wildbienen, prächtige Schmetterlinge und brummende Hummeln.

Kinder der Evangelischen Tagesstätte Lauerhaas haben ein Insektenhotel gebaut, das nun am Rande eines Blühstreifens in Obrighoven steht, den Landwirt Werner Schulte (l.) an seinem Maisfeld angelegt hat. Foto: Klaus Nikolei

Ein besonders schöner und breiter Blühstreifen befindet sich in Obrighoven an einem Maisfeld, das Landwirt Werner Schulte gehört. „Wir haben mittlerweile verstanden und müssen etwas für den Naturschutz tun“, sagt er. Statt auf dem 600 Quadramter großen Streifen Mais anzubauen und Einnahmen zu generieren, stehen dort unzählige bunte, einjährige Wildblüher. Eine Ausgleichszahlung gibt es nicht. Schulte kennt die meisten Pflanzen: „Phacelia, eine Zwischenfruchtpflanze, Senf, Ölrettich, Ramtillkraut und Buchweizen ist auch dabei“, sagt er. In dem Blütenmeer kreucht und fleucht es.

Auf die Frage, ob denn Bienen, Hummeln und Co. nicht von den Wildblumen angelockt und in den angrenzenden Feldern womöglich durch den Einsatz von Chemikalien getötet werden, schüttelt Werner Schult den Kopf. „Nein, Mais wird nicht gespritzt. Da passiert nichts.“

Das bestätigt auch Wilhelm Itjeshorst von der Biologischen Station in Wesel. Blühstreifen seien gut und wichtig, solange auf den Feldern nebenan nicht Neonikotinoide – also hochwirksame Insektizide – eingesetzt werden. Statt einjähriger Blühstreifen plädiert er für solche, die dauerhaft stehenbleiben. Denn diese würden auch als Rückzugsort für verschiedene Tiere dienen, wie beispielsweise Rebhühner.

Am Rande des Blühstreifens von Landwirt Schulte steht ein Insektenhotel. Gebaut wurde es in den vergangenen Wochen von den 41 Kindern der Tagesstätte am Lauerhaas. Naturlich unter Anleitung der Erzieherinnen. Schultes Tochter Ina Kohnen ist eine von ihnen. „Meine Vater hatte die Idee mit dem Insektenhotel. Die Kinder waren alle begeistert und haben kräftig mitgeholfen“, erzählt sie. Die Materialien – unter anderem Ytong-Steine, Baumscheiben, Tannenzapfen – haben die Erzieherinnen oder Eltern besorgt.

Das Hotel steht jetzt seit genau einer Woche am Rande des Feldes. Ist denn schon jemand eingezogen? Ina Kohnen lacht. Dann sagt sie: „Noch nicht. Aber das kommt ganz sicher.“ Unter anderem dürften sich hier Wildbienen, Ohrenkneifer, Schweb- und Florfliege niederlassen.

An der Blühstreifenaktion haben sich in Wesel rund 20 bis 30 Landwirte beteiligt. Für Martin Gimken ein Erfolg. Weniger schön ist die Geschichte von einem Kollegen in Büderich, der nicht mitgemacht hat. „Der hatte 2018 einen Blühstreifen. Daraufhin haben sich Anwohner über die vielen Insekten beklagt, dass man abends nicht mehr draußen sitzen und grillen könne“, berichtet Gimken. Da ist offenbar noch Öffentlichkeitsarbeit nötig.

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