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Peter Siebel: Arbeitsbedingungen in Pflege verbessern

Peter Siebel : Arbeitsbedingungen in Pflege verbessern

Die BM befragte einige Mitglieder des Wirtschaftsgremiums Wermelskirchen der IHK Köln zur Lage ihres Unternehmens und deren Aussichten für die Zukunft. Diesmal: Peter Siebel, Geschäftsführer der Diakoniestation Wermelskirchen gGmbH.

Herr Siebel, wie erfolgreich war das Jahr 2017 für die Diakoniestation Wermelskirchen?

Siebel Wir hatten in 2017 wieder ein neues Projekt: eine neue Tagespflege in Solingen-Unterburg. Sie wurde im November in Betrieb genommen, aber natürlich prägte dieses Projekt das ganze Jahr 2017. Das ist sehr erfolgreich gewesen und darüber freuen wir uns sehr. Darüber hinaus wird die Dienstleistung der Diakoniestation - die ambulante Pflege - sehr, sehr gut nachgefragt. Das liegt natürlich daran, dass der Bedarf sehr groß ist. Manchmal wissen wir schon nicht mehr, wie wir diesen Bedarf abdecken können.

Wie hat sich das auf Ihre Mitarbeiter ausgewirkt?

Siebel Wir sind gezwungen, immer wieder neue Mitarbeiter zu suchen und einzustellen,um eben diesem Bedarf gerecht werden zu können.

Finden Sie denn auch neue Mitarbeiter?

Siebel Nicht für alle Arbeitsbereiche gleich gut. Es dauert manchmal mehrere Monate, bis wir für die ambulante Pflege neue Mitarbeiter gewinnen können. Für die anderen Bereiche - Wohngemeinschaften und Tagespflege - gelingt das in der Regel besser und schneller.

Werden Sie denn wie in 2017 in Solingen-Unterburg auch dises Jahr investieren?

Siebel Wir sind ja kein Industrieunternehmen. Wir sind ein sozialer Dienstleister mit kirchlicher Prägung. Weder die Investition als solche noch Gewinne stehen im Vordergrund, sondern die gute Versorgung der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Damit können wir von Investitionen im herkömmlichen Sinne nicht sprechen. Wir investieren in Mitarbeitende! Wir werden weiterhin sehr stark ausbilden. Darin sehen wir einen sehr wichtigen Baustein für die Zukunft der Pflege. Ich hoffe, es gelingt uns weiterhin, Menschen zu finden, die diese Ausbildung machen möchten.

Haben Ihre Anstrengungen Erfolg?

Siebel Ja, das sieht im Moment gut aus. Und wir wollen weiterhin darin investieren, dass die Menschen professionelle und kompetente Ansprechpartner bei uns finden, wenn sie auf Pflege, Unterstützung und Hilfe angewiesen sind.

Was müsste sich denn nach Ihrer Einschätzung auf dem - leger gesprochen - Pflegemarkt ändern?

Siebel Bis zur Einführung der Pflegeversicherung hat man überhaupt nicht von einem "Markt" gesprochen. Ich halte diesen Begriff "Pflegemarkt" für gänzlich falsch.

Warum?

Siebel Es wird eine sehr menschennahe Unterstützungsleistung erbracht, die man nicht mit Marktgesetzen - also Angebot und Nachfrage - vergleichen kann. Schon alleine, weil der Mensch, der auf Pflege- oder Unterstützungsleistung angewiesen ist, in der Regel nicht in der Lage ist, sich auf dem "Markt" umzuschauen, um den für ihn passenden Dienstleister auszuwählen. Im Gegensatz zur Inanspruchnahme einer Handwerkerleistung haben wir es bei der Pflege mit einer absolut intimen Situation zu tun. Da geht es ganz viel um ein Vertrauen, das ich nicht vergleichen kann mit einem anderen Gewerk.

Vor allen Dingen bei einer immer älter werdenden Bevölkerung...

Siebel Natürlich. Und dafür benötigen wir Pflegefachkräfte. Darin liegt aktuell, aber besonders auch in der Zukunft der allergrößte Knackpunkt. Bisher sind hierzu außer leeren Worten der Politik keine Taten gefolgt, um die Arbeitssituation der Mitarbeitenden zu verbessern. Das wird seit vielen Jahren versprochen. Zwar ist die Pflegeversicherung Anfang 2017 wichtig und gut verändert worden, aber lediglich für die Patienten. Für die Arbeitssituation der Mitarbeitenden hat sich überhaupt nichts verbessert.

Was muss getan werden?

Siebel Die Bundespolitik muss die finanziellen Möglichkeiten bereitstellen, damit alle Pflegeeinrichtungen mehr Mitarbeiter für die gleiche Anzahl Patienten einstellen können. Die Anzahl der zu Pflegenden für einen Mitarbeitenden muss geringer werden. Der erste Schritt ist mehr Zeit pro Patient für einen Mitarbeitenden. Der zweite Schritt ist dann eine bessere Bezahlung. Damit erreichen wir eine höhere Attraktivität für diesen Beruf. Die Mitarbeiterzufriedenheit speist sich nicht in erster Linie aus einem Topgehalt, sondern viel eher aus den Arbeitsbedingungen. Also: Muss ich mich jeden Tag hetzen? Habe ich nie Zeit, um auch mal ein paar Worte mit den Menschen zu sprechen?

Gibt es diesbezüglich ein spezielles Problem in Wermelskirchen?

Siebel Nein, das ist hier wie woanders auch. Vielleicht ist sogar die Not an Pflegepersonal in Großstädten noch größer als bei uns im ländlichen Gebiet.

Was tut die Diakonie, um dem Mangel an gutem, examiniertem Personal zu begegnen?

Siebel Wir bemühen uns, viel auszubilden und ein guter Arbeitgeber zu sein. Im Vergleich zu anderen ist auch unsere tarifliche Bezahlung eine gute Bezahlung, weil wir einen kirchlichen Tarifvertrag haben. Wir müssen auch keine Gewinne erwirtschaften und können so das Geld, das wir erwirtschaften, auch wieder für die Mitarbeiter ausgeben. Wir bieten viel Fort- und Weiterbildung an, statten die Betriebsfahrzeuge gut aus und verwenden das Geld, um den Mitarbeitern auch mal zusätzliche Zeit für ihre Klienten zur Verfügung zu stellen.

Wie sehen Sie persönlich den Pflegeberuf?

Siebel Pflege ist nach wie vor ein sehr schöner Beruf. Man verfügt über einen examinierten Abschluss als Zeichen für eine sehr anspruchsvolle Ausbildung. Damit leistet man eine sehr qualifizierte Arbeit. Man kann ganz viel seines Wissens in den Alltag einbringen und bekommt von den Menschen, die versorgt werden, ganz, ganz viel Dankbarkeit zurück. Das ist ein sehr erfüllender Beruf, der sehr viel Freude macht.

Und was ist denn Ihr persönlicher Wunsch für dieses Jahr?

Siebel Gute Weichenstellung für mehr Arbeitskräfte in der Pflege.

BERND GEISLER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)