Sebastian Stamm: "Ohne Ziele fällt die Motivation schwer"

Sebastian Stamm : "Ohne Ziele fällt die Motivation schwer"

Im vergangenen Jahr fuhr der Süchtelner Radrennfahrer Sebastian Stamm in der Altersklasse U19 noch in der erweiterten deutschen Spitze mit. Jetzt hat er sich völlig überraschend entschlossen, mit dem Leistungssport aufzuhören.

Viersen Eigentlich sollte Sebastian Stamm schon wieder Radrennen fahren, denn die Saison ist schon voll im Gange. Doch der 18-jährige Süchtelner, der im Herbst des vergangenen Jahres noch davon träumte, Profi zu werden, fährt keine Rennen mehr. Obwohl ihn sein Trainer Hans-Peter Nilges, der schon viele Fahrer in die Spitzenklasse führte, immer wieder sein großes Talent hervorhob, entschloss er sich nach einem Trainingslager auf Mallorca, seine Radsportkarriere an den Nagel zu hängen. Über die Gründe für diese für außenstehende völlig überraschende Entscheidung und seine Zukunftspläne sprach die RP mit dem jungen Süchtelner.

Herr Stamm, in der Vergangenheit wäre es wegen ihres umfangreichen Trainings deutlich schwerer gewesen, Sie zu erreichen. Was machen Sie jetzt mit der vielen Freizeit?

Stamm Zunächst habe ich mich auf mein Abitur konzentriert, ich habe gerade meine letzte Prüfung gemacht und warte auf die Noten, die wir am 11. Juni erhalten. Ansonsten mache ich noch viel Sport, gehe ins Fitness-Studio und probiere andere Sportarten aus, wozu ich in den letzten fünf Jahren keine Zeit hatte. So war ich kürzlich mit einem Freund beim American Football, das hat mir gut gefallen. Ansonsten treffe ich mich viel mit Freunden, in den letzten acht Wochen häufiger als in den fünf Jahren zuvor.

Apropos Sport. Von 100 auf null geht ja nicht, trainieren Sie gezielt ab?

Stamm Im Februar bin ich bei einem Trainingslager auf Mallorca ja noch auf hohem Niveau gefahren. Das hat noch richtig Spaß gemacht. Jetzt fahre ich nur noch, wenn ich möchte, aber nicht, weil ich muss. Aber ohne gezielten Plan, körperliche Auswirkungen merke ich keine. Ich genieße es, den Druck nicht mehr zu haben.

Wann haben Sie angefangen, über einen Ausstieg aus dem Radsport nachzudenken?

Stamm Das war im vergangenen Oktober. Nach einer starken ersten Saisonhälfte, in der ich zu den besten zehn Fahrern in der Altersklasse U19 in Deutschland gehört habe, machte mir eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung, und es kamen keine Ergebnisse mehr. Dadurch habe ich mein Ziel verpasst, mich für die Nationalmannschaft zu qualifizieren. Da kam bei mir die Frage auf, ob ich diesen riesigen Aufwand betreibe, weil ich es wirklich noch selbst möchte oder weil die Hoffnungen von so vielen anderen Menschen auf mir liegen. Ich habe festgestellt, dass ich nie zufrieden war, keine Platzierung war mir gut genug. Hinzu kam noch ein Trainingsunfall, bei dem ein Freund von mir ums Leben gekommen ist. Doch den habe ich eigentlich ganz gut weggesteckt.

Und was war dann letztlich der Auslöser für die Entscheidung zum Karriere-Ende?

Stamm Den einen Auslöser gab es gar nicht, er war eine Mischung aus den zuvor genannten Überlegungen. Außerdem habe ich auch gesehen, dass alle aktuellen deutschen Topfahrer schon in der U19 zur Spitze gezählt haben. Das habe ich nicht geschafft, so dass mir klar wurde, dass ich das Ziel, Profi zu werden, nicht erreichen kann. Und ohne Ziele fällt es eben extrem schwer, sich zu motivieren.

Ist der Radsport einfach zu hart, wenn der Trainingsaufwand in Relation zu den Perspektiven gesetzt wird?

Stamm Der Radsport ist in dieser Hinsicht schon extrem. Das Verhältnis von Trainings- zu Rennkilometern ist etwa 5:1. Aber dennoch ist der Radsport eine ganz tolle Sportart, ich würde niemandem von vornherein abraten. Meine Entscheidung ist ganz individuell. Nachwuchsfahrer sollten nur so früh wie möglich anfangen, Rennen zu fahren. Bei mir war es in der U15 schon sehr spät. Vorher kann man mit relativ wenig Aufwand sehr erfolgreich sein, Spaß haben und sich so gute Grundlagen holen.

Wie schwer ist es Ihnen unter dem Strich gefallen, die Entscheidung zu treffen?

Stamm Das war richtig schwer, schließlich waren die Gedanken seit Oktober in meinen Kopf. Ich wusste ja, dass sich so viele Menschen auf mich verlassen und auf mich hoffen. Zuerst habe ich es meine Mutter gesagt und die hat es dann meinem Trainer offenbart.

Apropos Trainer, Hans-Peter Nilges hat Ihnen sehr viel zugetraut. Wie hat er reagiert?

Stamm Letztlich hat er Verständnis gehabt und war mir auch nicht böse. Ich habe ihn auch bei einem Rennen schon mal wieder getroffen, da haben wir uns ganz normal unterhalten.

Ist Ihr Abschied denn endgültig oder lassen Sie sich ein Hintertürchen offen?

STamm Ich würde nie sagen, dass etwas endgültig ist. Ich weiß ja nicht, wie ich in ein paar Jahren darüber denke. Vielleicht habe ich in zwei Jahren mal Lust, ein C-Klasse-Rennen mitzufahren. Erst mal aber nicht. Ich brauche Zeit, um Abstand zu gewinnen.

Wie wichtig wird der Radsport in Ihrem Leben bleiben?

Stamm Ich werde Radsport immer klasse finden und im Fernsehen verfolgen. Außerdem habe ich noch viele gute Freunde im Radsport, die Verbindungen werde ich natürlich nicht kappen. Da hat mir übrigens keiner Vorwürfe gemacht, dass ich aufgehört habe.

Der Traum vom Radprofi hat sich ja jetzt erledigt. Welche anderen beruflichen Perspektiven schweben Ihnen vor?

Stamm Ich möchte im Sommer mit einem Freund in einer WG zusammenziehen. Wir wollen beide in die Richtung Marketing/Social Media studieren und uns später selbstständig machen.

(RP)